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Unterschätzte Naturgefahr: Nacht-Tornados schockieren Amerika

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Sie kamen in der Dunkelheit, ohne Vorwarnung: Mehr als hundert Wirbelstürme wüteten am Wochenende in den USA - es gab Tote und Verletzte. Die Bedrohung von Nacht-Tornados werde unterschätzt, warnen Forscher. Tatsächlich nimmt die schwarze Gefahr zu.

REUTERS

Auf den ersten Blick glaubt der Betrachter der Videoaufnahmen an eine Täuschung: Schwarz liegt die Nacht über der Kleinstadt Woodward im US-Bundesstaat Oklahoma. Alle paar Sekunden erleuchten blitzende Stromleitungen die Gegend. In diesen Momenten erstrahlen aber nicht nur wie erwartet Straßen, Häuser und Autos - auch ein monströser grauer Schlauch wird sichtbar; er ragt vom Himmel bis zum Boden.

Mehrere dieser Tornados wirbelten Samstagnacht durch Woodward, zerrissen Stromleitungen, schleuderten Autos umher und deckten Häuser ab. Fünf Menschen starben, 29 wurden verletzt ins Krankenhaus gebracht. Auch an anderen Orten der USA wüten dieses Wochenende Tornados, mehr als hundert waren es bereits - Meteorologen sprechen von einem äußerst heftigen Ausbruch der Wirbelstürme in den US-Staaten Kansas, Iowa, Nebraska und Oklahoma.

Die Stürme kamen ohne Vorwarnung in der Dunkelheit, in Woodward hatten nicht mal Sirenen Alarm geschlagen - die Tornados hatten sie anscheinend abgerissen. "Wir hatten keine gute Sturmwarnung", sagt der Bürgermeister von Woodward, Roscoe Hill. Die Bewohner seien nicht vor dem Tornado gewarnt worden.

Die Bedrohung durch Nacht-Tornados werde zu einem immer größeren Problem, mahnen Wissenschaftler: Die dunkle Naturgefahr fordere zunehmend Opfer. Bestehende Warnsysteme reichten nicht aus, um das Risiko in den Griff zu bekommen, erklären Forscher der Northern Illinois University (NIU) in den USA.

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Schwarze Gefahr: Wirbel in der Dunkelheit
In Iowa wurden Samstagnacht große Teile der Ortschaft Thurman zerstört, Verletzte gab es nicht. Behörden brachten dem Sender CNN zufolge die meisten der 300 Einwohner der Ortschaft in einer nahegelegenen Schule in Tabor in Sicherheit. In Wichita in Kansas fiel der Strom aus. In der Region Petersburg in Nebraska durchschlug Hagel Fensterscheiben und riss Verkleidungen von Häusern ab.

Für Sonntag bestehe im Mittleren Westen der USA weiterhin Gefahr, vor allem im Süden Wisconsins und Minnesotas sowie in Iowa, Missouri und Illinois, mahnt der US-Wetterdienst NOAA. Er hob die seiner Ansicht nach erfolgreiche Tornado-Warnung vom Freitag hervor: Es sei erst das zweite Mal in der Geschichte des Landes, dass 24 Stunden vor dem Unwetter eine solche Warnung erfolgen konnte, sagte Russ Schneider, der Leiter der NOAA-Sturmvorhersage.

Nur die halbe Wahrheit

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. In Wirklichkeit zeigt sich, dass die USA zwar gelernt haben, Wirbelstürme bei Tageslicht immer besser zu orten. Auch eine allgemeine Bedrohungslage wird mittlerweile gut erkannt - Meteorologen identifizieren Tornadowetter. Nachts jedoch habe sich die Gefahr durch die Wirbelstürme erhöht, berichtet NIU-Meteorologe Walker Ashley.

Die gefährlichste Zeit für Tornados sei zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang, sagt Ashley: Das Risiko in einem der Wirbel zu sterben, sei in diesen Stunden zweieinhalbmal höher als tagsüber. Die Gefahr werde auch deshalb unterschätzt, weil verbesserte Warnsysteme eine falsche Sicherheit vorgaukelten.

Die wichtigsten Gründe für die Bedrohung durch Nacht-Tornados sind den Forschern zufolge:

  • Die Stürme sind in der Dunkelheit nicht zu sehen;
  • Schlafende bekommen von der Gefahr nichts mit;
  • Warnsirenen sind in Innenräumen schlechter zu hören;
  • Menschen halten sich nachts oft in besonders sturmanfälligen Gebäuden wie Mobilhäusern auf.

Wie man sich schützen kann

Während die Zahl der Todesopfer durch Tornados bei Tageslicht in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen sei, habe sich der Anteil von Opfern bei Nacht nach Angaben der NIU-Forscher stetig erhöht. Der Effekt sei dafür verantwortlich, dass die Zahl der Tornado-Toten seit Jahren nicht mehr zurückgehe, obwohl sich die Warnungen vor der Naturgefahr verbessert hätten, erklären die Forscher. Vor allem die Südstaaten seien gefährdet, weil dort die meisten Mobilhäuser stünden, die Wirbelstürmen nicht standhielten.

Etwa ein Viertel aller Tornados in den USA ereignen sich bei Nacht - sie verursachen aber rund 40 Prozent der Toten. In manchen Jahren gab es zuletzt sogar drei Viertel aller Tornado-Opfer während der Dunkelheit, berichten die Experten.

Die nächtliche Bedrohung nehme zu, weil die Siedlungen immer weiter wucherten. Die Experten empfehlen Anwohnern der Risikogebiete, sich sogenannte Wetterradios anzuschaffen. Die Geräte schalten sich automatisch ein, wenn Tornadowarnung gegeben wird - auch nachts.

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