Knochensplitter

Erkenntnisfortschritt Wie relevant ist mittel-interessant?

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Abelisaurus: Mittelgroß, mittelschwer, mittel-interessant?
Imperial College London/ Davide Bonadonna

Abelisaurus: Mittelgroß, mittelschwer, mittel-interessant?


Was macht wissenschaftlichen Fortschritt aus? Superlative und Sensationen, Durchbrüche und Entdeckungen? Wirklich verwertbares Wissen kommt oft erst später - und interessiert meist kaum jemanden.

Ende Februar veröffentlichte das Fachmagazin "PeerJ" eine Studie, die es in Medien schwer haben wird: Paläontologen vom Imperial College London und von der Universität Bologna fanden in einem Depot in Palermo einen vergessenen Oberschenkelknochen, den sie neu bestimmten und analysierten.

Und das brachte tatsächlich neue Erkenntnisse. Die Forscher identifizierten den Fund als Fossil eines noch nicht näher bestimmten Vertreters der Abelisauridae. Das waren mittelgroße Raubsaurier, über deren genaue Größen und Gewichte es bisher nur sehr stark variierende Schätzungen gab.

Mit dem neuen Fund, so die Autoren der Studie, lasse sich nun schon deutlich sicherer sagen, wie groß und schwer Abelisauridae wirklich wurden. Den Erkenntnissen nach waren sie so richtig, nun ja, Mittelklasse. Durch und durch. Höchstens neun Meter lang waren die Tiere. Und eine bis zwei Tonnen schwer.

Also deutlich kürzer und leichter als eine ganze Reihe bekannter Theropoden, die auf Längen von 12 bis 15 Meter und Gewichte zwischen sechs und zehn Tonnen und mehr geschätzt werden. Zugleich aber auch sehr viel größer und schwerer als die kleinsten, leichtesten nicht-flugfähigen Theropoden, die man bisher gefunden hat (z.B. Epidexipteryx: geschätzt 25 Zentimeter kurz bei ca. 165 Gramm Gewicht).

Damit ist so gut wie garantiert, dass kaum jemand über die aktuelle Studie berichten wird. Denn Wissenschafts-Berichterstattung funktioniert ähnlich wie die im Sport - interessant ist vor allem die extreme Abweichung vom Normalen. "Mittel" ist dagegen selten interessant.

Dafür kann es wissenschaftlich durchaus relevant sein.

Meist interessieren wir uns vor allem für das Große, das Spektakuläre oder Erstmalige. Das ist nur logisch, denn oft haben solche Entdeckungen ja den Charakter von Initialzündungen: Sie bringen uns quasi "ruckartig" und erkennbar voran, weil sie den Weg zu neuen Entdeckungen und Anwendungen eröffnen. Zugleich produzieren sie "Helden": Entdeckergestalten, die man mit dem Neuen verbinden kann. Trotzdem ist das eine stark verzerrte Sicht auf den wissenschaftlichen Fortschritt.

"Warum", fragte mich mein Sohn vor ein paar Wochen, "gibt es eigentlich keine Genies mehr?" Er meinte Leute wie Kopernikus, Newton oder Einstein.

Wissenschaft lebt von Kärrnerarbeit

Tatsächlich könnte man die Zahl der wissenschaftlichen Entdecker, die unsere Erkenntnis maßgeblich vorangebracht haben, wohl auf ein paar Hundert oder - je nachdem, wie eng man es fasst - sogar Dutzend begrenzen. In Wahrheit gab es davon also immer schon wenige, und nicht selten vergingen Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte zwischen verschiedenen, wirklich maßgeblichen Entdeckungen oder Erfindungen.

Der Witz ist aber, dass die für sich genommen in der Regel wenig gebracht haben: Sie wären nichts ohne die Arbeit der Tausenden Forscher, die die grundsätzlichen Entdeckungen im Detail konkretisierten, erklärten - und dadurch erst anwendbar machten.

Nehmen wir die Anwendung der Elektrizität: Galvani ist so ein Name, den wir alle mit Strom verbinden. Seine Entdeckung war maßgeblich - obwohl er selbst glaubte, die mysteriöse Lebensenergie gefunden zu haben, mit der man eventuell nicht nur Froschbeine zucken lassen konnte, sondern auch Tote wiedererwecken. Von da an brauchte es Ohm und Braun und Round und Pickard und Destriau und Lossew und Schottky und Bardeen und tausend andere, von denen wir alle noch nie gehört haben, bis wir die neue LED-Leuchte in die Wohnzimmerlampe stecken konnten.

Galvanis Entdeckung war interessant, was danach kam war in seiner Konkretheit aber oft erheblich relevanter.

Forschung, die Fortschritt ermöglicht, ist meistens Kärrnerarbeit. Sie konkretisiert Vermutetes, sie erklärt im Detail, sie liefert nach und nach Erkenntnis. Interessant ist das oft allenfalls in Rückschau, wenn man fragt: Wie kamen wir denn zu der Einsicht?

Vielleicht zitiert in fünf, fünfzehn oder fünfzig Jahren auch einmal jemand die aktuelle Studie über die Abelisauridae, man weiß es nicht. Heute ist sie eher mittelinteressant, obwohl womöglich durchaus relevant. Aber Hand aufs Herz: Hätten Sie einen Artikel gelesen, der mit "Forscher bestimmen Größe mittelgroßer Raubsaurier" überschrieben gewesen wäre?

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12 Leserkommentare
Ringmodulation 03.03.2016
parsimony 03.03.2016
made1973 03.03.2016
das_rakel_von_delphi 03.03.2016
Katzazi 03.03.2016
Oliver Rauhut 03.03.2016
_hal_ 03.03.2016
Ringmodulation 03.03.2016
Institutsmitarbeiter 03.03.2016
Celegorm 03.03.2016
Oberleerer 03.03.2016
thapa3 04.03.2016

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