Buchtipps Bunte Wissenschaft

Ein Schmöker mit eingebauter Horizont-Erweiterung, ein Kunstband historischer Forscher-Illustrationen, ein Update über paläontologische Seltsamkeiten: Wissenschaftsbücher, die wie zum Verschenken gemacht sind.

WBG/ NHMPL

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Hinter dem Horizont: Die Sehnsucht nach Weitblick

Was sind Weltbilder? Wie stellten wir Menschen uns die Welt im Laufe unserer Geschichte vor? Was für Schlüsse zogen wir daraus? Wie prägte es unsere Entscheidungen, unser Handeln?

Ernst Peter Fischer erzählt in "Hinter dem Horizont" die Geschichte unserer Weltdeutungen. Immer dienten diese dazu, die für uns zum jeweiligen Zeitpunkt sichtbare Welt zu verstehen und daraus Strategien für unser Handeln abzuleiten. Und immer dann, wenn wir so einen Horizont erreichten, wartete dahinter der nächste.

So wird aus einer Geschichte, die sich die Abfolgen verschiedener Welterschließungen und -erklärungen zunächst grob chronologisch vornimmt, fast zwangsläufig eine Geschichte der Menschheit und ihrer fortwährenden Entwicklung. Fischer stellt dabei höchst komplexe Denkgebäude in konziser Form dar, tappt aber nicht in die Falle, alles am kleinsten gemeinsamen Nenner orientiert übermäßig zu simplifizieren. Er mutet (oder traut) seinen Lesern auch etwas zu: So erleben nicht nur alte Griechen (Sokrates, Platon etc.) ihren Auftritt, sondern auch moderne Vordenker, deren Ideen zu begreifen sich die meisten von uns noch ziemlich mühen (Quantenmechanik! String-Theorie!).

Das ist zum einen jede Menge Stoff und manchmal schon recht schwere Kost, die zum Seitenblick in Lexikon oder Wikipedia Anlass bietet. Es ist aber auch unterhaltsam, verständlich und locker genug geschrieben, um das Ganze als Erzählung genießen zu können. Dass Fischer auf dem langen Weg durch unsere Geistesgeschichte nicht nur Faktisches vermitteln will, sondern dabei auch immer wieder eine Haltung dazu bezieht, steht außer Frage: Man muss da nicht zu jeder Schlussfolgerung nicken. Aber gerade da, wo man sich am Text reibt, beginnt ja auch erst die Auseinandersetzung mit dem Thema.

Ein Buch für Wissbegierige, die für Horizonterweiterungen zu haben sind - und für eine Lektüre, die konzentriertes Lesen verlangt und zum Nachdenken anregt.

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Ernst Peter Fischer:
Hinter dem Horizont

Eine Geschichte der Weltbilder

Rowohlt Verlag; 384 Seiten; 22,95 Euro

Ars Natura: Ganz und gar durch die menschliche Linse

Bevor die Fotografie begann, uns eine objektive, quasi maschinelle Abbildung der Welt vorzugaukeln, waren die meisten Menschen auf die Augen und die Kunstfertigkeit Anderer angewiesen, wenn sie Eindrücke von Orten, Dingen und Lebewesen wollten, die sie selbst nicht zu sehen bekamen. So gehörten Zeichnung und Malerei untrennbar zur wissenschaftlichen Erschließung der Welt - und viele große Naturforscher waren zugleich talentierte Künstler.

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Buch "Ars Natura": Meisterwerke großer Forscher: Meisterwerke großer Forscher

"Ars Natura" von Judith Magee versammelt solche "Meisterwerke großer Naturforscher von Marian bis Haeckel". Auf 256 Seiten kann man in 220 teils großformatigen Abbildungen schwelgen - Ars Natura ist vor allem Bildband und Blätterbuch.

Thematisch hat Magee die gesammelten Zeichnungen, Stiche und Gemälde vor allem geografisch geordnet - womit sowohl die Abbildung der Flora und Fauna des jeweils thematisierten Kontinents gemeint ist, als auch eine mitunter feststellbare, für diese Region spezifische Perspektive.

Durch ihre Detailfülle begeistern dabei vor allem die Abbildungen aus dem 18. Jahrhundert: Obwohl bereits verblüffend exakt spürt man in ihnen noch das Sichwundern über das exotisch Fremde. In den Jahrhunderten davor trieb das mitunter noch leicht surreale Blüten, wurde gern publikumswirksam übersteigert.

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Judith Magee:
Ars Natura

Meisterwerke großer Naturforscher von Merian bis Haeckel

Konrad Theiss; 256 Seiten; 39,95 Euro

Noch im 17. Jahrhundert waren es oft gebildete Reisende, Theologen, Mediziner oder frühe Botaniker, die da zeichneten, wie Reisende heute fotografieren: Oft waren das skizzenhafte Schnappschüsse, in denen die Natur häufig eher als dekorativ exotisches Element der Szenerie erscheint. Im 18. Jahrhundert bildeten dann um Wissenschaftlichkeit bemühte Forscher eine noch immer fremde Welt ab: Das wissenschaftlich Bemerkenswerte verdrängte das wegen seiner Fremdheit interessante Kuriosum. So begann auch in der wissenschaftlichen Illustration das Bemühen um höchstmöglichste Präzision in der detaillierten Abbildung der Welt.

Geschenkideen

Magee kommentiert das alles in einem manchmal etwas nüchternen, aber bestens informiertem Begleittext. Der Kunst ist sie dabei so nah wie der Wissenschaftshistorie, und auf beiden Themenfeldern ist sie firm: Magee war lange Jahre Leiterin der Kunstsammlung der Bibliothek des Natural History Museums, London.

Ein Buch für Freunde der Wissenschaftsgeschichte, die gern in historischen Abbildungen schwelgen.

Schwer seltsam: Surreale Produkte der Evolution

Behaarte Echsen mit Fledermausflügeln und Schwanzfedern, Saurier, die aussahen, als habe man Godzilla mit Donald Duck gekreuzt, schnabelbewehrte Panzerechsen mit Kopfschmuck-Varianten, die laut "Karneval!" schrien. Als wäre die vergangene Welt der Dinosaurier nicht schon seltsam genug gewesen, findet die Forschung seit einigen Jahren Kuriositäten in Serie. Der Wissenschaftsjournalist John Pickrell macht in "Weird Dinosaurs" Inventur über die schrägsten Funde und Rekonstruktionen der letzten Jahre und bringt uns launig auf Stand.

Saurierarten wie Kulindadromeus zabaikalicus wurden nur eineinhalb Meter groß
Andrey Atuchin / Science / dpa

Saurierarten wie Kulindadromeus zabaikalicus wurden nur eineinhalb Meter groß

Dass der von immer mehr irrwitzigen "Designs" geprägt ist, hat auch etwas mit dem methodischen Fortschritt in der Paläontologie zu tun. Erst seit wenigen Jahren können Paläontologen Fossile bis auf ihre Mikrostrukturen hinab untersuchen, mit molekular-physikalischen Verfahren durchleuchten und so ihre Gestalt immer besser rekonstruieren - bis hin zu Behaarungen, Gefieder oder Hautmustern.

Dabei kommen dann Rekonstruktionen heraus, die weit gewagter sind als solche früherer Jahrzehnte. In Ermangelung von echten Beweisen konnten sich schon vor langer Zeit viele Wissenschaftler sehr viel vorstellen. Jetzt aber können sie zeigen, dass viele erst einmal verrückt wirkende Ideen tatsächlich möglich waren.

"Weird Dinosaurs" ist dabei anders, als man denken könnte, kein Bilderbuch: Allein im Mittelteil des Bands zeigt Pickrell einige Illustrationen teils prominenter Paläo-Künstler, wie man sie auch aus den Veröffentlichungen zu Erstbeschreibungen in "Science" und Co kennt. Das Buch ist stattdessen solider Wissenschaftsjournalismus, der sachlich korrekt und unterhaltsam zu lesen die Entdeckungsgeschichte vieler neuer Saurier-Funde der letzten eineinhalb Jahrzehnte aufarbeitet. In Biologiebüchern oder populären, bildreichen Bänden für den Publikums- oder Jugendmarkt wird man all das erst in einigen Jahren finden.

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John Pickrell:
Weird Dinosaurs

The Strange New Fossils Challenging Everything We Thought We Knew

Columbia University Press; 256 Seiten; 24,99 Euro

Ein Buch für alle, die ihren Kenntnisstand in Sachen Dinosaurier-Paläontologie locker, aber sachlich korrekt auf Stand bringen wollen, ohne dabei ein bildmächtiges Blätterbuch zu erwarten.

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