Wölfe in Deutschland Raubtier in der Nachbarschaft

Manche Menschen haben Angst, andere sprechen von einer Erfolgsgeschichte: Bereits 300 Wölfe streifen durchs Bundesgebiet, immer häufiger begegnen sie Menschen.

DPA

Die Wölfe in Deutschland werden immer mehr, schon gibt es mehr als 300 Tiere. Vor allem Schäfer, deren Herden von Wolf-Attacken betroffen sind, sind wenig glücklich über die Anwesenheit der Räuber.

Im April ließ das niedersächsische Umweltministerium einen zu zahmen Wolf erschießen. Die Behörden sorgten sich, dass von dem "Kurti" getauften Rüden eine Gefahr für die Öffentlichkeit ausgehen könnte. Er hatte sich zuvor Spaziergängern bis auf wenige Meter genähert.

Erst sollte der Problemwolf durch gezielte Störungen wieder vom Menschen entwöhnt werden, dann eingefangen und in ein Gehege gebracht werden. Später wiederum hieß es, er solle betäubt und anschließend eingeschläfert werden. Am Ende wurde er abgeschossen.

Es war das erste Mal seit der Rückkehr der Wölfe nach Deutschland, dass ein Tier offiziell geschossen wurde. Zuvor hatten Umweltschützer bereits mehrfach über illegal gemeuchelte Wölfe berichtet. In den vergangenen Jahren seien in Deutschland nachweislich 18 Tiere illegal getötet worden, heißt es etwa beim WWF.

Der Fotograf Axel Gomille ist Deutschlands Wölfen so nahe gekommen wie nur wenige Menschen. Der Wildtierexperte sagt im Interview: "Wer persönliche Erfahrungen macht, der merkt: Da passiert gar nichts. Es ist nicht schlimm, wenn Wölfe in der Nachbarschaft leben."

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Wölfe in Deutschland: Begegnung mit einem Raubtier

Wölfe gab es in Deutschland lange nur im Tierpark, denn in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie hierzulande ausgerottet. Doch seit einigen Jahrzehnten kehren sie aus Osteuropa zurück. Eine Chronik.

1988: Vor der Wende sorgen in Westdeutschland solche Fälle für Aufregung: Beim "Wolfsdrama" im Hunsrück gelangen 14 Tiere aus einem Wildpark ins Freie. Eine Jagd beginnt. Zum Teil werden die Wölfe eingefangen, zum Teil erschossen.

1989: Gelegentlich schaffen es Wölfe aus Polen über die Grenze in die DDR. So wird 1989 bei Rostock ein Wolf erschossen. Damals berichtet die Deutsche Presse-Agentur: "Seit Kriegsende wurden in der DDR 14 Wölfe erlegt."

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Raubtier Wolf: Rückkehr in den Süden Deutschlands

1993: "Der Wolf kehrt nach Deutschland zurück", heißt es im März. Wie bekannt wird, halten sich zu dem Zeitpunkt in Brandenburg schon seit mindestens zwei Jahren Tiere aus Polen auf - wie viele, ist unklar. Die Landesregierung will die Tiere schützen, damit sie sich ansiedeln. Die Bedingungen seien gut: "Der Tisch ist gedeckt", sagt der damalige Umweltminister Brandenburgs, Matthias Platzeck.

1994: Ein einzelner Wolf wird in Nordhessen gesichtet. Der Landrat des Kreises gibt das Tier zum Abschuss frei. Manche sind empört. Deshalb kündigt der Berufsjäger des Kreises Waldeck-Frankenberg an, ein Betäubungsgewehr zu nutzen, falls der "Wolf vom Edersee" wieder auftaucht.

1995: Naturschützer bewerben Bayern als ein "Einwanderungsland" für Wölfe. Gefährlich seien sie nicht, erklärt TV-Tierexperte Heinz Sielmann und sagt: "Seit dem Scheißmärchen vom Rotkäppchen ist die Vorstellung von gefährlichen Wölfen aus den Köpfen der Menschen schwer rauszukriegen."

2000: Der Wolf wird wieder heimisch in Deutschland. In der Lausitz in Sachsen lässt sich eine Wolfsfamilie nieder, die Tiere bekommen Nachwuchs.

2005: Laut einer Umfrage will fast jeder zweite Deutsche das Land mit wilden Wölfen - und Bären - teilen. Etwa ein Drittel der Befragten ist dagegen.

2012/2013: Der Wolf breitet sich nach Mitteldeutschland aus. Zwölf Rudel soll es insgesamt geben. 2013 werden erstmals wieder Wölfe in Thüringen gesichtet, wie ein Jahr zuvor schon in Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz.

2016: Wolf "Kurti" zeigt zu wenig Scheu vor Menschen - und wird deshalb im April abgeschossen. Das Tier aus Niedersachsen hatte sich Menschen bis auf wenige Meter genähert und soll einen Hund gebissen haben.

Unterdessen tauchen an immer mehr Orten Wölfe auf. Stand September 2016: 46 Rudel, bis zu 130 erwachsene Tiere. Auch in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen gibt es Sichtungen.

Wegen der Ausbreitung wird auch Kritik laut: Im Südwesten fordert etwa der Bauernverband, dass Wölfe dort nicht heimisch werden dürfen. Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) bringt eine Obergrenze für Wölfe ins Gespräch.

boj/dpa



insgesamt 101 Beiträge
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Thorkh@n 29.12.2016
1. Wieso ...
... bezeichnen Sie Wölfe als Räuber, lieber Verfasser? Wölfe sind nicht kriminell. Sie jagen lediglich. So wie wir Menschen doch auch. Oder sind wir die Räuber? Nun haben wir mal alle ein bisschen weniger Angst und lassen die Märchenbücher im Wohnzimmerschrank stehen. Es ist bei weitem wahrscheinlicher, einen schweren Autounfall mit Rot- oder Damwild zu haben oder von Wildschweinen über den Haufen gerannt zu werden, als dass sich ein Wolf an einem Menschen vergreift.
langenscheidt 29.12.2016
2.
...wenn Wölfe in der Nachbarschaft leben." Wölfe gewöhnen sich ruckzuck an Menschen, wenn man sie in deren Nähe lässt. Wölfe bleiben Raubtiere. Ob sie eines Tages dann statt eines Rehkitzes ein Kleinkind reissen - das scheint der "Wildtierexperte" Gomille zu verdrängen. Lesenswert dieser Artikel aus dem Jahr 2015: http://www.zeit.de/2015/14/tiere-woelfe-bedrohung/seite-5 Alle sechs Seiten sind natürlich interessant.
bronstin 29.12.2016
3. Immer wieder bemerkenswert:
Die meisten Wolfsbefürworter leben in der Stadt - das sagt sehr viel über deren Realität aus! Dummerweise sind Städte oder Agglomerationen so ziemlich der letzte Ort, an dem Wölfe auftauchen... Die Landbevölkerung darf zusehen, wie sie mit dem Wolf zurechtkommt (nur so mal als kleiner Hinweis: Das "Rothenburger Problemrudel")
babeli 29.12.2016
4.
Da spukt immer noch Rotkäppchen durch die Köpfe - schade. Der Wolf, so ein schönes und intelligentes Tier, verdient es, wieder Platz in unsern Wäldern zu bekommen. Nachdem schon der Bär ausgerottet wurde braucht das Rotwild einen natürlichen Feind, damit der junge Wald nicht verbissen wird. Und was die Schafe angeht: inzwischen wurden genug Schutzmassnahmen ausprobiert. Was in Graubünden und Italien funktioniert sollte doch auch hier kein Problem sein.
sennahoj 29.12.2016
5. So muss das...
Ich wohne weit im Nordosten der Republik und bin regelmässig im Wald unterwegs. Mal zum joggen, oder morgens mit dem Rad auf dem Weg zur Arbeit. Und da gibt's nun mal bestimmte Spielregeln, an die man sich halten sollte, wie im Strassenverkehr auch. Z.B. meide ich Waldwege oder nicht ausgeleuchtete Wege zu Zeiten der Dämmerung oder in der Dunkelheit während des Frühjahres und im Herbst, wenn ich alleine unterwegs bin. Da hatte ich bereits unangenehme Erfahrungen... allerdings mit Wildschweinen. Die können echt fies werden, wenn man denen auf die Füsse tritt. Vor denen habe ich inzwischen einen Heidenrespekt. So. Nun gibt's anscheinend ein Tier, dass sich dieses Problems annimmt und das Borstenvieh ein wenig in seiner Bewegungsfreiheit einschränkt. Prima. Bin dabei. Denke, mit ein wenig Umsicht und Achtsamkeit wie oben geschildert, werde ich wohl in meinem ganzen Leben nie einen Wolf in freier Wildbahn zu Gesicht bekommen. Von daher, alles gut.
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