Wachsende Raubtierpopulation Wie viele Wölfe verträgt das Land?

Mindestens 300 Wölfe leben mittlerweile in Deutschland. Eine Karte zeigt: Eines Tages könnten es durchaus Tausende sein. Zu viele für unser teils dicht besiedeltes Land?

DPA

Von und (Grafiken)


Vor mehr als 800 Jahren entwickelte der Rechenmeister Leonardo Fibonacci aus Pisa eine Formel, die das rasante Wachstum einer Kaninchenpopulation beschreibt. Wenn es im ersten Monat nur ein Kaninchenpaar gibt, dann sind es nach sechs Monaten acht, nach zehn Monaten 55 und nach zwölf Monaten sogar 144. Ausreichend Futter und Lebensraum vorausgesetzt, sind dem Wachstum keine Grenzen gesetzt.

Kaninchen gibt es in Deutschland schon immer reichlich, bei Wölfen ist die Lage anders. Sie waren hierzulande lange ausgerottet. Im Jahr 2000 bekam ein in die Lausitz eingewandertes Paar zum ersten Mal Welpen - es gilt damit als das erste Wolfsrudel Deutschlands seit mehr als 100 Jahren.

Schaut man sich die Entwicklung der Wolfsrudel in den Folgejahren an, lassen sich gewisse Ähnlichkeiten zur Fibonacci-Folge kaum leugnen: 2010 zählten Biologen 7 Rudel in Deutschland, 2013 waren es 18, ein Jahr später 25 und 2017 sogar 60 Rudel. Eine rasante Zunahme!

Fotostrecke

10  Bilder
Raubtier: Die Wölfe sind zurück

Die Frage ist: Wie stark wächst die Wolfspopulation in Deutschland noch? Wo und wann stößt sie an welche Grenzen?

Zwei Eltern, drei Nachwuchstiere

Nach diversen Angriffen auf Schafsherden wird die Diskussion um den Wolf sehr emotional geführt. Bauern- und Jagdverbände fordern gezielte Tötungen - auch Parteien wie die FDP wollen die Jagd auf die Raubtiere erlauben. Was jedoch illegal wäre, weil der Wolf durch EU-Gesetze streng geschützt ist. Die Tiere dürfen weder gefangen, noch getötet werden.

Bei welcher Zahl sich die Zahl der Wolfsrudel letztlich einpegelt, kann niemand genau sagen. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) nannte 2009 die Zahl von440 Rudeln, die in Deutschland leben könnten. Dies entspricht mehr als 2000 Tieren, wenn man annimmt, dass ein Rudel aus zwei Eltern und mindestens drei Jungtieren besteht. Die 440 Rudel seien nicht als Zielgröße zu verstehen, die Zahl spiegle vielmehr das Besiedlungspotenzial wider, heißt es aus dem BfN.

Ilse Storch von der Universität Freiburg hat vor einigen Jahren in einer umfangreichen Modellrechnung ebenfalls untersucht, für wie viele Tiere in Deutschland Platz wäre. Sie kommt je nach Annahmen auf etwa 400 bis 1200 Rudel, was 2000 bis 6000 Wölfen entspräche. Folgende Karte zeigt die hinter den Berechnungen stehenden potenziellen Habitate.

SPIEGEL ONLINE

Auf eine konkrete Zahl möchte sich die Professorin jedoch nicht festlegen. "Uns ging es darum zu zeigen, wie unterschiedlich groß die mögliche Population ist, je nachdem von welchen Annahmen man ausgeht", sagt sie.

Ausgangspunkt der Berechnungen war ein minimaler Lebensraum von 200 Quadratkilometern je Wolfsrudel, wobei davon mindestens 10 Quadratkilometer frei von Straßen und menschlichen Siedlungen sein sollten, damit die scheuen Tiere sich in ihrem Revier stets ungestört zurückziehen können.

"Wölfe sind Habitat-Generalisten"

Storch und ihr Kollege Dominik Fechter berechneten dann, wie groß die Fläche wolfstauglicher Habitate in Deutschland ist und teilten diese Zahl durch den Mindestlebensraum von 200 Quadratkilometern. Mit ähnlichen Zahlen hatte auch das BfN gerechnet.

Als typisches und nötiges Habitat wurden Waldflächen eingestuft. Je nach Szenario galten aber auch Übergangsflächen, Buschland, Weideland und sogar Mülldeponien oder sämtliche Flächen ohne städtischen Charakter als möglicher Lebensraum. "Wölfe sind Habitat-Generalisten, zeigen aber eine gewisse Präferenz für Wald", heißt es in der Studie.

Außerdem schauten sich Storch und Fechter an, wie groß in potenziellen Habitaten die Entfernungen zu Straßen und Siedlungen sind. Als akzeptablen Puffer stuften die Forscher je nach Szenario Entfernungen zwischen 250 Metern und 2,5 Kilometern bei Straßen und 0,5 bis 3,5 Kilometern bei Siedlungen ein.

Straßendichte und Pufferzonen

Auch die Straßendichte pro Quadratkilometer Habitat spielte eine wichtige Rolle, wobei die Biologen auch auf Beobachtungsdaten aus den USA und aus der Lausitz zurückgreifen konnten.

Fotostrecke

8  Bilder
Wölfe in Deutschland: Begegnung mit einem Raubtier

Kommen als Habitat ausschließlich Waldflächen in Frage, rechneten die Forscher eine mögliche Rudelzahl zwischen 154 und 1322 aus. Die große Spannbreite ergibt sich, je nachdem wie breit man die Pufferzonen zu Straßen und Siedlungen wählt und ob kaum befahrene Nebenstraßen berücksichtigt oder als nicht störend einfach ignoriert werden.

Berücksichtigten die Forscher neben Habitatanforderungen und Straßendichte auch die Bevölkerungsdichte, kamen sie auf die oben schon angegebene potenzielle Rudelzahl zwischen 392 und 1165.

Potenzial in Hessen, Bayern und Baden-Württemberg

"Die Standorte vorhandener Wolfsrudel in Ostdeutschland zeigen, dass Wölfe sich sehr gut an dicht von Menschen besiedelte Gebiete anpassen können, aber beschränkt sind auf Gegenden mit geringer Straßendichte", schreiben Storch und Fechter.

Die Deutschlandkarten mit potenziell für Wölfe geeigneten Habitaten zeichnen ein klares Bild: Gut leben können die Tiere in einem breiten Streifen von Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg über Sachsen-Anhalt bis nach Niedersachsen. Dort haben sich bislang auch schon die meisten Rudel angesiedelt. Weitere große Habitatflächen liegen in Thüringen, Hessen, Bayern und dem Schwarzwald. Dort wurden bisher höchstens Einzeltiere nachgewiesen.

SPIEGEL ONLINE

Wie schnell bislang ungenutzte Lebensräume im Süden und Westen Deutschlands von Wolfspaaren besetzt werden, hängt davon ab, ob genügend Tiere dort ankommen und eine Familie gründen. Jungwölfe bleiben meist zwischen einem und vier Jahren im Rudel ihrer Eltern, bevor sie auf Wanderschaft gehen. Immer wieder sterben sie dabei nach Unfällen mit Autos oder werden vereinzelt auch illegal getötet.

An fehlendem Futter würde ein weiteres Wachstum der Population kaum scheitern, glauben die Forscher. Das liegt jedoch nicht etwa an den vielen Schafsherden bundesweit, wie man wegen der wiederholten Wolfsangriffe glauben könnte. Wölfe vertilgen zwar auch Nutztiere, doch beträgt der Anteil am Futter nur etwa ein Prozent, wie Kotanalysen von Wölfen ergeben haben.

In Deutschland lebende Wölfe ernähren sich hauptsächlich von Rehen. Untersuchungen aus der Lausitz haben ergeben, dass ein Wolfsrudel im Schnitt pro Jahr 400 Rehe, 54 Hirsche und 16 Wildschweine reißt.

In vielen Wäldern Deutschlands ist diese Menge kaum ein Problem, denn dort lebt genug Wild, glauben Wolfsexperten. Doch es gibt auch Regionen, in denen Jäger ein Wolfsrudel als Konkurrenz deutlich spüren können, weil es plötzlich weniger Tiere zu jagen gibt und sich diese auch anders verhalten.

Der Mensch entscheidet

Aber wird es in Deutschland eines Tages tatsächlich mehr als 1000 Rudel mit 5000 oder mehr Wölfen geben? Daran wollen die Autoren der Habitatstudie nicht so recht glauben. "In Deutschland können so viele Wölfe leben, wie wir Menschen es zulassen", sagt die Freiburger Biologin Storch.

Sollte die Population künftig weiter so schnell wachsen wie in den vergangenen Jahren, ist es theoretisch sogar denkbar, dass der strenge Schutz für den Wolf aufgehoben - und beispielsweise in ausgewählten Regionen die Jagd erlaubt wird.

Das wäre möglich, sofern ein sogenannter "günstiger Erhaltungszustand" erreicht ist. Dann müssten die Population stabil und der Lebensraum ausreichend groß sein. Ein Experte vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig hält diesen Zustand womöglich für erreicht, wenn es eine "Minimumpopulation" von 1000 erwachsenen Tieren gibt.

Im Bundesamt für Naturschutz sieht man das anders: Die Angabe einer schematischen Populationsgröße sei bei Weitem nicht ausreichend für die Einstufung des Erhaltungszustands der Wölfe, sagte BfN-Präsidentin Beate Jessel. Dazu müssten auch die Parameter Verbreitungsgebiet, Habitat und Zukunftsaussichten geprüft werden. Und da seien die bisherigen Einschätzungen viel zu negativ, um den Schutzstatus des Wolfs zu verändern.

Video: Die Rückkehr der Wölfe - Ein Raubtier mit Imageproblem

SPIEGEL TV


insgesamt 32 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
klabo 01.06.2018
1. wenn die ersten Hunde und Kinder von Wölfen getötet
und verspeist werden, wird ein Umdenken stattfinden. So weit wird es schon kommen müssen. Der Wald wird jedenfalls für Kinder zum "no go"
Exilbraunschweiger 01.06.2018
2.
Zitat von klabound verspeist werden, wird ein Umdenken stattfinden. So weit wird es schon kommen müssen. Der Wald wird jedenfalls für Kinder zum "no go"
Na ja, vorläufig verletzten, verstümmeln und töten ja deutlich mehr Hunde Kinder als Wölfe Hunde oder Kinder, nicht wahr? Interessant auch, dass zu den ganzen gefährlichen Wildtieren ein Forum von Spiegel Online eröffnet wird, während bei den kürzlich gemeldeten Hunde-Vorfällen meist lieber darauf verzichtet wurde. Man möchte seine Stammleserschaft nicht verschrecken? Es gibt zu allererst zu viele Hunde und Katzen in Deutschland. Da sollte man mal drastisch regulierend eingreifen. Selbstverständlich müssen Raubtiere, die Menschen angegriffen, getötet oder verletzt haben oder ein offensichtlich aggressives Angriffsverhalten an den Tag legen, ggf. getötet werden. Das Vergraulen von Tieren ist ebenfalls eine Option, Entschädigungen für kommerzielle Tierhalter und entsprechende Herdenschutzmaßnahmen müssen unbürokratisch geleistet werden (dann aber auch kontrollierbar umgesetzt werden). Müssen Gesetze dafür geändert werden, muss man das tun. Die Panikmache, die auch hier in letzter Zeit durch die Medien geht, ist allerdings unverantwortlich. Dass Jäger es jetzt schwerer hätten, Wild zu erlegen, kann wohl kaum ein Argument sein.
Rodini 01.06.2018
3. Das die Jäger
das töten der Wölfe befürworten, ist klar .Schließlich ist das Töten ja ihr Hobby. Aber für alle anderen gibt es doch gute andere Mittel Herdenschutzhunde zum bewachen der Herden Geburtenkontrolle der Wölfe, geht alles, wenn der gute Wille da ist
huelsebus 02.06.2018
4. Kirche im Dorf lassen
Hier in der Lausitz, wo es sehr viele Wolfsrudel gibt, verschwinden jeden Herbst Scharen von Hausfrauen und sogar ganze Familien im Wald, um bald darauf mit gut gefüllten Pilzkörben wieder aufzutauchen. Bislang wurde keiner gefressen. Ganz so gefährlich ist die Lage also nicht. Ich halte den kontrollierten Abschuß in engen Grenzen, wie in Brandenburg gesetzlich auch möglich, für sinnvoll, um Problemwölfe zu entnehmen und dem Rest des Rudels die angelernte Scheu vor Menschen in Erinnerung zu rufen. Grundsätzlich aber ist eine Koexistenz kein Problem. Und was die Schafe betrifft: eine realistische Kompensation würde die Lage schnell entspannen.
h.schiermueller 02.06.2018
5. Lotka-Volterra-Regel beachten
Im Grunde kein schlechter Artikel, jedenfalls nicht so vorab-verurteilend, reißerisch und hetzend wie in den meisten anderen Medien. Aber ein Aspekt, Herr Dambeck, wurde von Ihnen völlig außer Acht gelassen: Sie schreiben, es gibt so viele Wölfe, wie Menschen bereit sind, sie zu akzeptieren. Das ist nicht falsch, aber in erster Linie sollte die biologische Komponente angesprochen werden. Die Volterra-Regel (Biologieunterricht lässt grüßen), oder zu Deutsch, das Räuber-Beute-Gesetz besagt, dass es nur so viele Raubtiere geben kann, wie ausreichend Nahrung verfügbar ist. Schreckensszenarien mit tausenden Wölfen sind also komplett an den Haaren herbei gezogen. Die Wolfspopulation hört dann auf zu wachsen, wenn nicht mehr genug Beute zur Verfügung steht und Krankheiten oder Konkurrenz regulierend eingreifen. Den Menschen als „Naturpolizei“ braucht es dabei nicht, auch wenn er sich selbst das immer wieder einredet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.