Wildtiere Vermehrt Wölfe in Wohngebieten gesichtet

In mehreren Orten in Deutschland trafen in den vergangenen Tagen Wölfe auf Menschen. Die Tiere scheinen ihre Scheu zu verlieren. Können sie gefährlich werden?

Wolf in Drantum (Niedersachsen) am 3. März: Unterwegs in den Nachbarort
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Wolf in Drantum (Niedersachsen) am 3. März: Unterwegs in den Nachbarort


In Niedersachsen ist der Wolf los. Mehrere Sichtungen eines wenig scheuen Exemplars werden gemeldet. Zunächst streifte das Tier in Wohngebieten im Kreis Oldenburg umher, nun ist es möglicherweise im Nachbarkreis Cloppenburg unterwegs. Einer Sichtung des Wolfes am Dienstag werde nachgegangen, sagte eine Sprecherin des Umweltministeriums in Hannover. Zunächst soll das Tier aber nicht eingefangen werden.

"Er lief vor uns her und dann rechts die Böschung herunter", sagte Petra Averbeck, die das Tier aus dem Auto heraus fotografierte. Zunächst sei der Wolf hinter Büschen verschwunden. Später sei er in Richtung einer Bushaltestelle gelaufen, dann aber umgedreht, als er dort einen Radfahrer stehen sah. Außer der Frau berichteten auch andere Leser zunächst der "Münsterländischen Tageszeitung", dass sie den Wolf gesehen hätten.

Das Ministerium hatte verfügt, dass der im Nordwesten gesichtete verhaltensauffällige Wolf mit Gummigeschossen verscheucht oder mit einem Betäubungsgewehr gestoppt werden kann. Nur wenn er Menschen bedrohe, dürfe das Jungtier erschossen werden.

200 Wölfe in Deutschland

Aggressiv wurde das Tier bisher aber nicht. Um den Wolf im Ernstfall ins Visier zu nehmen oder einzufangen, wurden in sechs Landkreisen Zuständige benannt. Insgesamt gibt es in Niedersachsen mittlerweile rund 50 Wölfe.

In sechs deutschen Bundesländern scheinen Wölfe inzwischen heimisch geworden zu sein. Die Zahl der Wölfe in Deutschland wächst schnell, in den letzten zwei Jahren hat sich ihre Zahl fast verdoppelt. Geschätzt 25 Rudel mit etwa 200 Tieren gibt es derzeit, heißt es beim Projekt "Wolfsregion Lausitz". Und immer häufiger treffen sie auf Menschen.

Ungewöhnlich zutraulich

Bislang feierten Naturschützer die Rückkehr der Tiere nach Deutschland, doch in den letzten Wochen tauchten Wölfe mehrfach in der Nähe von Menschen auf - oftmals, ohne sich rasch wieder vertreiben zu lassen. Ein eher untypisches Verhalten.

"Es gibt mehr Wölfe, die nur eine geringe Scheu vor Menschen haben", sagt Norman Stier von der TU Dresden. "Bei Tieren ohne diese Scheu können leichter kniffelige Situationen entstehen." Umweltbehörden und Naturschützer beruhigen zwar, es gäbe keine konkrete Gefahr, doch gleichzeitig suchen sie nach Lösungen, wie sie die Wölfe von den Menschen fernhalten können.

"Die Tiere müssen schlechte Erfahrungen machen und dürfen sich nicht an den Menschen gewöhnen", sagt Stier. Reicht die Maßnahme nicht, hält auch er eine Tötung des Wolfs in letzter Konsequenz für notwendig. Denn würden sich Menschen durch die Tiere bedroht fühlen, werde es schwierig für die Wölfe. "Die Tiere haben bei uns nur eine Chance, wenn sie auch breite Akzeptanz finden."

Wölfe beanspruchen große Gebiete für sich. Gerade junge Rüden kundschaften deshalb ihre Umgebung aus. "Wölfe leben dort, wo auch Menschen leben. Dass sie auch mal in Wohngegenden kommen, in die sie eigentlich gar nicht wollten, ist ganz normal", erklärt Helen Möslinger von der "Wolfsregion Lausitz". Begegnen die Tiere bei ihren Streifzügen Menschen, sollte eigentlich ihr Fluchtreflex greifen. Doch machen die Wölfe nie schlechte Erfahrungen mit Menschen, lässt der Reflex irgendwann nach.

Wolf in der Nähe von Kindergarten gesichtet

Im niedersächsischen Wildeshausen streunte vor ein paar Tagen ein Wolf durch eine Wohnsiedlung. In Goldenstedt bei Vechta ist die Stimmung angespannt, seit eine Frau einen Wolf in der Nähe eines Waldkindergartens entdeckte. Die Eltern fühlen sich unwohl, einen Wolf in der direkten Nachbarschaft will dort niemand haben.

Auch andernorts ist die Skepsis groß. In Bayern zum Beispiel leben zwar - noch - keine Rudel, doch immer mal wieder kommen Wölfe über die Landesgrenze. Zuletzt tauchte ein Wolf am vergangenen Wochenende in der Nähe eines Wohnhauses auf.

In den betroffenen Regionen wird deshalb über den Umgang mit dem Wolf heftig diskutiert. Einige fordern, ihn ins Jagdrecht aufzunehmen. "Wer will denn die Verantwortung übernehmen, wenn wirklich ein Kind angefallen wird?", fragt Bürgermeister Willibald Meyer aus Goldenstedt. Und auch Landwirte beschweren sich - über gerissene Schafe. In Mecklenburg-Vorpommern überwies das Land seit 2007 Schadensersatz von 31.000 Euro für getötete Tiere an die Landwirte.

boj/dpa



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Seite 1
Hornblower, 05.03.2015
1. Sehr schöne Tiere
aber für Kinder sicher nicht ungefährlich.
c.PAF 05.03.2015
2.
---Zitat--- "Wer will denn die Verantwortung übernehmen, wenn wirklich ein Kind angefallen wird?", fragt Bürgermeister Willibald Meyer aus Goldenstedt. ---Zitatende--- Warum nur bei einem Kind? Ansonsten denke ich, derselbe, der die Verwantwortung übernimmt, wenn z.B. Schafe angefallen werden? Natürlich sind Wölfe nicht ungefährlich. Aber im Ernst, hier macht man sich wirklich Gedanken, daß ein Wolf einen Menschen verletzen KÖNNTE, wenn tagtäglich irgendwo in Deutschland ein Mensch/Kind von einem Hund verletzt wird? Hier wird einfach wieder einmal nur Panik geschürt, wo normale Vorsicht (bei Bedarf) ausreichend wäre.
nochnbier 05.03.2015
3. Ist der Autor des Artikels Hobbyjäger,
mitglied des Bauernverbands oder was soll dieser tendenziöse Artikel bedeuten? Vielleicht schaut man einfach mal in andere Länder z.B. Schweden wo sich die Viecher und übrigens auch Bären sonst noch herumtreiben. Übfälle gibt es nicht, und wenn dann sind sie auf menschlichen Leichtsinn zurückzuführen oder weil die Tiere in die Enge getrieben wurden. kümmert Euch lieber um die verantwortungslosen Hunde- und Katzenbesitzer, die ihre Lieblinge während der Brut und Setzzeit herumstreunen lassen und die "Tretminen" in Parks und auf Kinderspielplätzen ligenlassen. ja da freunen sich die Kleinen über so vile "Knete" im Sandkasten. In Deutschland wird man immer noch eher von einem Hund gebissen, als dass man sich vom Bösen Wolf fürchten muss.
cassandros 05.03.2015
4. Sitz!
Zitat von c.PAFWarum nur bei einem Kind? Ansonsten denke ich, derselbe, der die Verwantwortung übernimmt, wenn z.B. Schafe angefallen werden? Natürlich sind Wölfe nicht ungefährlich. Aber im Ernst, hier macht man sich wirklich Gedanken, daß ein Wolf einen Menschen verletzen KÖNNTE, wenn tagtäglich irgendwo in Deutschland ein Mensch/Kind von einem Hund verletzt wird? Hier wird einfach wieder einmal nur Panik geschürt, wo normale Vorsicht (bei Bedarf) ausreichend wäre.
Quatsch, Panik. Es ist auch nicht akzeptabel, daß ein unangeleinter Rottweiler durch ein Wohngebiet spaziert, wo Kinder auf der Straße und in den Gärten spielen. Mit einem gefährlichen Tier in der Größe wird auch ein Erwachsener ohne Hilfsmittel nicht fertig.
angularm 05.03.2015
5.
Natürlich ist an der Scheu der Wölfe gegenüber dem Menschen gar nichts, die hat der Mensch dem Wolf über Jahrtausende "eingejagt". Der unbejagte Wolf kann diese Scheu genauso gut wieder verlieren.
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