Wölfe in Frankreich: Furcht vor dem grauen Räuber

Aus Cellier-du-Luc berichtet Stefan Simons

Von Osten aus wandern Wölfe wieder in Europa ein, jetzt breiten sie sich in Frankreich aus. Naturschützer jubeln. Doch in der südlichen Ferienregion Ardèche beklagen Bauern zunehmend Angriffe auf ihre Schafherden. Mit Hunden und Schrot setzen sich die Landwirte zur Wehr.

Raubtiere: Wölfe kehren nach Frankreich zurück Fotos
DDT 07/ ONCFS 07

"Es war ein Massaker: Aufgerissene Schafsleiber, andere mit durchbissener Gurgel, Muttertiere wie Lämmer völlig zerfleischt." Guillaume Vincent zeigt auf die Stelle, wo er die gerissenen Tiere entdeckte. "Und es war nur der Anfang", meint der 34-jährige Züchter.

Dem Blutbad, das sich im vergangenen Juni inmitten von saftigen, mit Laub- und Nadelhölzern bestandenen Weiden ereignete, folgten weitere Attacken: Bis zum Ende des Jahres wurde Vincents Herde aus Texel-Zentralmassiv-Schafen und schottischen Blackfaces 14-mal Opfer von Angriffen. Ein Verlust von mehr als hundert Schafen, darunter tragenden Tieren. Vincent, Schafzüchter in dritter Generation, ahnte sofort: "Dahinter steckt ein Wolf." Sein Hof in Lembrandes, 120 Hektar Weideland, 500 Muttertiere und 20 Hammel, gehört zur Gemeinde Cellier-du-Luc im Südwesten des Départements Ardèche. "Hier Viehzucht zu betreiben, ist schwer genug", sagt Vincent, "schon ohne Raubtiere."

Doch der Wolf ist zurück. In der dünn besiedelten Gegend, rund tausend Meter hoch, war das Rudeltier lange beheimatet - nicht immer in Eintracht mit den Menschen. Legenden ranken sich um die "Bestie von Gévaudan", die Ende des 18. Jahrhunderts in der Region bis zu 120 Menschen zerfleischt haben soll. Bei den Jagden, die unter anderem den Stoff für den Actionfilm "Pakt der Wölfe" von 2001 lieferten, wurden diverse Tiere erlegt. Ob aber die sagenumwobene Bestie unter ihnen war, blieb ebenso offen wie die Frage, ob es sich um einen Wolf handelte.

Erst ausgerottet, jetzt zurückgekehrt

Die Episode zeigte, welche teilweisen irrationalen Ängste Menschen gegenüber Wölfen hegen. Die rund 20.000 Wölfe, die einst in Frankreich lebten, waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahezu verschwunden. Öffentlich bestallte "Lieutnants de louveterie" - Jäger im Dienst der Obrigkeit - hatten den Raubtieren bei Treibjagden, mit Fallen und Gift den Garaus gemacht. Geschützt seit 1979, tauchten Wölfe nachweislich 1992 wieder in Frankreich auf; erst in den Alpen-Départements rund um den Nationalpark des Mercantour, später auch in den Vogesen und den Pyrenäen.

Mittlerweile ist die Population dank des offiziellen "Plan Wolf" wieder auf 250 bis 400 Tiere gestiegen. Naturschützer sind erfreut, nicht aber die Landwirte. Im Juni kippten aufgebrachte Züchter nach einer neuerlichen Attacke ein Dutzend tote Lämmer vor die Präfektur in Privas. Im vergangenen Jahr starben 5848 Tiere durch Wolfsangriffe, so der Verband der Schafzüchter FNO. Und er beziffert die Kosten für die Wiederansiedlung des Wolfs - Überwachung, Schutzzäune, Entschädigungen - auf jährlich mindestens zehn Millionen Euro.

Dennoch musste selbst Schafzüchter Vincent erleben, dass die Behörden mit Argwohn auf seine alarmierenden Meldungen reagierten. Wölfe im Traumdepartement Ardèche? Undenkbar.

"Wolf in der Radarfalle"

Vincent stand forthin nachts alle zwei Stunden auf, griff sich die Schrotflinte und tourte mit seinem Allrad-Transporter von Herde zu Herde. Doch nur einmal bekam er einen Wolf zu Gesicht. "Ich hatte ihn im Lichtkegel, kaum 20 Meter entfernt, er hatte die Fänge in einem gerissenen Tier." Vincent, erfahrener Jäger und ausgestattet mit einer Abschusserlaubnis, verfehlte den Wolf. "Der war nicht mal von dem Knall beeindruckt. In derselben Nacht habe ich an anderer Stelle ein weiteres Lamm verloren."

Erst als sich die Vorfälle häuften und nicht nur Schafe, sondern auch Kälber gerissen wurden, montierte die zuständige Verwaltung Fotofallen. Ein etwas verwaschenes Bild, aufgenommen am 12. April auf dem Terrain von Guillaume Vincent, überzeugte auch die Skeptiker im Nationalen Büro für Jagd und wilde Fauna (ONCFS). "Die erhobenen Kriterien sprechen überwiegend für die Gegenwart eines Wolfes", lautete die Analyse, die Cellier-du-Luc landesweit in die Schlagzeilen brachte: "Ardèche: Ein Wolf vom Radar geblitzt."

Seither bekommen die Viehzüchter der Gegend anstandslos ihre Entschädigung: 160 Euro für ein Mutterschaf bis sieben Jahre, 40 Euro für ältere Tiere. Außerdem hat die Regionalverwaltung Elektrozäune zur Verfügung gestellt. "Das hilft vielleicht gegen Wildschweine, aber nicht gegen Wölfe", sagt Vincent. "Der Wolf ist schlau, der überspringt die Absperrung einfach."

Hunde statt Gewehre

Statt mit Stromschlägen, Schreckschussanlagen, Schrotflinte oder Karabinern bekämpft der Schafzüchter die Wölfe nun mit deren Abkömmlingen: Er besorgte sich drei Berghunde aus den Pyrenäen und absolvierte in der Drome einen Zwei-Tages-Kurs. Jetzt hat Vincent seinen Frieden wiedergefunden. "Die Hunde fressen ganz schöne Mengen Trockenfutter, aber sie schlagen sofort an, wenn Fremde sich der Herde nähern." Seit die Patous bei den Schafen seien, habe er "gegen den Wolf hundert Prozent Schutz". Nicht ein Tier sei seither angefallen worden.

Auf lange Sicht werden radikale Schutzmaßnahmen ohnehin nicht notwendig sein, wie Experten glauben. Denn Frankreich ist nicht das erste europäische Land, in das der Wolf zurückkehrt. Von Osten kommend haben sich die Raubtiere in Polen und inzwischen auch in Deutschland ausgebreitet. Nach Ansicht von Kurt Kotrschal vom Wolfsforschungszentrum im österreichischen Ernstbrunn haben die bisherigen Erfahrungen gezeigt: Hat sich der Wolf erst in einem Gebiet etabliert, gehen auch die Zwischenfälle mit Nutztieren zurück.

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insgesamt 376 Beiträge
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1. naive moderne menschen
marinusvanderlubbe 24.08.2013
Zitat von sysopVon Osten aus wandern Wölfe wieder in Europa ein, jetzt breiten sie sich in Frankreich aus. Naturschützer jubeln. Doch in der südlichen Ferienregion Ardèche beklagen Bauern zunehmend Angriffe auf ihre Schafherden. Mit Hunden und Schrot setzen sich die Landwirte zur Wehr. Wölfe siedeln sich wieder in Frankreich an - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/woelfe-siedeln-sich-wieder-in-frankreich-an-a-917736.html)
unsere vorfahren waren so klug, diese bestien zurückzudrängen. der moderne mensch hingegen plant inseiner typischen naivität hingegen das leben mit dem wolf! volle unterstützung für jeden, der wie auch immer gegen diese blutrünstigen tiere vorgeht. zur verteidigung von menschenleben und besitz ist jedes mittel recht. unsre politiker werden erst wieder reagieren, wenn unschuldige kleine kinder (z.B. eine grundschulklasse beim walsausflug) , von einem rudel der killer-tiere niedergemetzelt werden. dann wird das jammern wieder groß sein.... bin mal gespannt , welcher selbsternannte wolfsfreund und versteher, dies dann auf seine kappe nimmt.
2. Man könnte
juttakristina 24.08.2013
sich ja auch mal informieren, ist ja nicht so, als gäbe es da noch keine Erfahrungen. So sollen sich Leinen mit bunten Lappen oder Wimpeln, die ggf. im Wind "zappeln", zur Abschreckung der Wölfe eignen. Ein Elektrozaun, der so niedrig ist, dass die Tiere drüberspringen können, ist rausgeschmissenes Geld.
3. waldreiches Deutschland
minimax9 24.08.2013
wir haben in Deutschland riesige Wald und freie Naturflächen, somit genug Platz für die Wölfe. Kann mir aber auch denken, dass so mancher Jäger und Landwirt weniger erfreut sind und alles unternehmen um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.
4.
neu_ab 24.08.2013
Zitat von marinusvanderlubbeunsere vorfahren waren so klug, diese bestien zurückzudrängen. der moderne mensch hingegen plant inseiner typischen naivität hingegen das leben mit dem wolf
Wie stark ist die Population denn schon? irgendwie ist dieser Alarmismus leicht albern. Die Landwirte haben heute gute Möglichkeiten, ihre Tiere zu schützen, kein Vergleich mit anderen Epochen. ---Zitat--- volle unterstützung für jeden, der wie auch immer gegen diese blutrünstigen tiere vorgeht. zur verteidigung von menschenleben und besitz ist jedes mittel recht. unsre politiker werden erst wieder reagieren, wenn unschuldige kleine kinder (z.B. eine grundschulklasse beim walsausflug) , von einem rudel der killer-tiere niedergemetzelt werden. dann wird das jammern wieder groß sein.... bin mal gespannt , welcher selbsternannte wolfsfreund und versteher, dies dann auf seine kappe nimmt. ---Zitatende--- Ach Gottchen. Wann wurde das letzte Mal eine Grundschulklasse von Wölfen aufgefressen? Bei Rotkäppchen? & wo ziehen Sie die Grenze bei Raubtieren? Alle Raubtiere ausrotten? Mir kommt Ihr Vergleich vor wie diese Killertierfilme aus den 80ern, alá "das Killerwildschwein". Problematischer finde ich da schon die Hundertausenden wildernden Katzen, die auf Vögle losgehen.
5.
total_perspective_vortex 24.08.2013
Zitat von marinusvanderlubbeunsere vorfahren waren so klug, diese bestien zurückzudrängen. der moderne mensch hingegen plant inseiner typischen naivität hingegen das leben mit dem wolf! volle unterstützung für jeden, der wie auch immer gegen diese blutrünstigen tiere vorgeht. zur verteidigung von menschenleben und besitz ist jedes mittel recht. unsre politiker werden erst wieder reagieren, wenn unschuldige kleine kinder (z.B. eine grundschulklasse beim walsausflug) , von einem rudel der killer-tiere niedergemetzelt werden. dann wird das jammern wieder groß sein.... bin mal gespannt , welcher selbsternannte wolfsfreund und versteher, dies dann auf seine kappe nimmt.
Hat es so etwas schon jemals irgendwo gegeben? Da ist es weitaus wahrscheinlicher von einer Horde Wildschweine totgetrampelt oder von einem Haushund angefallen oder versehentlich von einem Jäger erschossen zu werden.
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