Wölfe und Bären in Europa Mensch und Raubtier rücken zusammen

Große Raubtiere breiten sich in Europa aus - sie bevölkern inzwischen die vierfache Fläche Deutschlands. Die Zahlen zeigen nach Meinung von Wissenschaftlern, dass selbst Wölfe und Braunbären in der Nähe von Menschen leben können.

Kjell Isaksen

Große Raubtiere halten sich in weiten Teilen Europas in überraschend stabilen Populationen und breiten sich vielerorts sogar aus. Auf etwa einem Drittel des Festlands - Russland, Weißrussland und die Ukraine ausgenommen - leben Bären, Luchse, Wölfe oder Vielfraße, wie Forscher um Guillaume Chapron von der schwedischen Grimsö Wildlife Research Station im Fachblatt "Science" berichten.

Diese Erkenntnis ist keineswegs selbstverständlich. Grundsätzlich sei das Verhältnis des Menschen zu großen Fleischfressern problematisch, betonen die Wissenschaftler: "Es gibt in der menschlichen Geschichte und Kultur eine tief verwurzelte Feindschaft gegenüber diesen Arten, basierend auf der Wahrnehmung, dass sie die Lebensgrundlage des Menschen beeinträchtigen."

Weil die menschliche Bevölkerung stetig wächst, stelle sich die grundsätzliche Frage, ob es genug Platz für Braunbären, Eurasische Luchse, Wölfe und Vielfraße gebe. Die Verbreitung dieser Raubtiere untersuchten die Forscher nun in allen Ländern des europäischen Festlands mit Ausnahme von Russland, Weißrussland und der Ukraine.

Braunbären gibt es am häufigsten

Das Ergebnis: Mit Ausnahme der Benelux-Länder und Dänemarks haben alle Staaten mindestens eine dauerhafte Population von wenigsten einer dieser Arten. Demnach leben große Fleischfresser auf mehr als 1,5 Millionen Quadratkilometern, was etwa einem Drittel der Gesamtfläche der untersuchten Länder entspricht. Sie ist etwa viermal so groß wie die Fläche Deutschlands.

Ausgerechnet der Braunbär, das größte Raubtier, ist zahlenmäßig am stärksten vertreten: Die zehn Populationen mit insgesamt 17.000 Tieren verteilen sich über 22 Länder auf einem Areal von fast 500.000 Quadratkilometern. Das größte Gebiet teilen sich die etwa 9000 Luchse. Sie streifen durch 23 Länder über ein Gebiet von mehr als 800.000 Quadratkilometern.

Ähnlich groß ist der Lebensraum der fast 12.000 Wölfe, der sich über 28 Länder erstreckt. Auch in einigen Teilen Deutschlands sind Wölfe und Luchse heimisch. Mit Abstand am kleinsten ist die Heimat der rund 1250 Vielfraße, die auf knapp 250.000 Quadratkilometern in Schweden, Norwegen und Finnland leben. Daher ist Skandinavien mit Finnland die einzige Region, in der sämtliche vier Großräuber vorkommen.

Schutzgebiete sind keine Alternative

Aus der erfreulichen Entwicklung leiten die Forscher eine grundsätzliche Erkenntnis ab: In vielen Regionen wie den USA sowie Teilen Afrikas und Asiens setze man darauf, Raubtiere von Menschen möglichst fernzuhalten und Schutzgebiete für sie zu schaffen. Die Entwicklung in Europa zeige dagegen, dass Menschen und die großen Fleischfresser grundsätzlich auch auf engem Raum zusammenleben können.

"Alle vier großen Raubtierarten überdauern in menschlich dominierten Landschaften und zum Großteil außerhalb geschützter Gebiete", betonen die Forscher. Am besten können sich demnach Wölfe an die Nähe des Menschen anpassen. "Diese Zahlen erlauben vorsichtigen Optimismus für Vorkommen, Häufigkeit und Entwicklung großer Fleischfresser in Europa", schreiben die Wissenschaftler. Sie sprechen von "einer oft unterschätzten Erfolgsgeschichte des Artenschutzes".

Europa habe doppelt so viele Wölfe wie die USA, obwohl die Fläche nur etwa halb so groß und mehr als doppelt so dicht besiedelt sei. Hätte man in Europa ebenfalls auf das Modell der räumlichen Trennung gesetzt, so die Autoren, gebe es heute wohl kaum noch große Raubtiere. "Die meisten Schutzgebiete in Europa sind zu klein, um selbst wenigen großen Fleischfresser-Gruppen eine Heimat zu bieten."

Wölfe regional vor dem Aussterben

Gründe für die Entwicklung seien eine koordinierte Gesetzgebung, klare Regelungen für Waldwirtschaft und Jagd sowie die starken Umweltbewegungen seit den Siebzigerjahren, die zu gesamteuropäischen Regelungen geführt hätten. Auch die Entvölkerung vieler ländlicher Regionen schaffe Raum für die Raubtiere.

"Die europäische Erfahrung bietet Hoffnung für die Bewahrung von Wildtieren in menschlich dominierten Landschaften und ist auch für andere Gebiete der Welt wichtig", schreiben die Autoren. Allerdings klagen sie auch über stark gefährdete Populationen: So stehen etwa die Wölfe in der spanischen Sierra Morena, im Norden von Andalusien, unmittelbar vor dem Aussterben. 2010 habe man dort nur noch ein Rudel gefunden.

jme/dpa



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