"World Ocean Review": Hiobsbotschaft im Flüsterton

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Der Mensch fischt die Ozeane leer, benutzt sie als Müllkippe, beutet sie rücksichtslos aus. Jetzt soll der "World Ocean Review" die breite Öffentlichkeit über den Zustand der Meere unterrichten. Doch die deutschen Forscher flüstern, anstatt aufzuschreien.

Toter Fisch: Der Zustand der Meere ist alarmierend Zur Großansicht
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Toter Fisch: Der Zustand der Meere ist alarmierend

Nach 30 Minuten Pressekonferenz geht es mit der Geduld einiger Zuhörer zu Ende. "Wir müssen doch hier mit irgendeiner Message für unsere Leser rauslaufen", ruft ein frustrierter Journalist. Doch Nikolaus Gelpke, Verleger und Chefredakteur der Zeitschrift "mare", und der Kieler Meeresforscher Martin Visbeck spielen nicht mit. Steigende Meeresspiegel und versinkende Küstenstädte, leergefischte Ozeane, sterbende Korallenriffe, meterdicke Müllschichten an den Stränden, alles untermalt mit dramatischen Zahlen - Fehlanzeige. Katastrophenmeldungen gibt es heute keine.

Schon das machte die Vorstellung des "World Ocean Review" in der Hamburger Speicherstadt zur Umweltbericht-Veranstaltung der etwas anderen Art. 40 Wissenschaftler des Kieler Exzellenzclusters "Ozean der Zukunft" hatten für das mehr als 200 Seiten starke Werk zahlreiche Studien aus Klima- und Meeresforschung zusammengefasst und dabei - das ist das Besondere an dem Bericht - intensiv mit der Redaktion des "mare"-Verlags zusammengearbeitet.

Viele Male gingen die Texte zwischen Forschern und Redakteuren hin und her, bis die Endfassungen gefunden waren. "Die Wissenschaftler haben geschrieben, die Redaktion hat umgeschrieben", sagt Gelpke. Das Ergebnis, so hoffen die Autoren, ist eine umfassende Darstellung des aktuellen Wissenstands über die Meere, und zwar "in verständlicher und ansprechender Form". Gelpke: "Es soll Spaß machen, diesen Bericht zu lesen."

Ausgeklammerte Hiobsbotschaften

Tatsächlich informiert der "World Ocean Review" übersichtlich und leicht verständlich über den Zustand der Ozeane. Und da der bekanntlich alles andere als erfreulich ist, wird auch fündig, wer nach drohenden Katastrophen sucht. Denn in den zahlreichen meereswissenschaftlichen Studien, die in dem Bericht zusammengefasst werden, herrscht an Hiobsbotschaften kein Mangel:

Derartige Befunde, von denen es noch weit mehr gibt, werden im "World Ocean Review" mit aller wissenschaftlichen Vorsicht wiedergegeben. Bei der Pressekonferenz sind Gelpke und Visbeck noch zurückhaltender: Fast vollständig verzichten sie darauf, die teils enormen Probleme mit Fakten und Beispielen zu unterfüttern. "Harte Zahlen werden schnell zum Problem", erklärt Visbeck, Professor am Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften, anschließend im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Sie werden meist nur geliefert, weil die Medien sie haben wollen." Das aus der Klimapolitik bekannte Ziel, die globale Erwärmung auf zwei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten zu begrenzen, sei eine solche "politische Zahl".

Verzicht auf Dramatik

Mit dem "World Ocean Review" strebe man dagegen eine "nachhaltige Informationspolitik" an, die sich nicht zuletzt an Schulen und Bildungsbürger richte. Außerdem wolle man nicht nur vor den Gefahren warnen, sondern auch die Chancen der nachhaltigen Ozeannutzung betonen. "Wir möchten das Diskussionsniveau erhöhen", sagt Visbeck. "Deshalb haben wir uns auf unumstrittenes Fachwissen gestützt und auf umstrittene Zahlen verzichtet."

Wozu genau aber ist der "World Ocean Review" nun gut, außer für eine kleine Schar interessierter Laien ein aktuelles Nachschlagewerk zu sein? Mit einer klaren Antwort tun sich Gelpke und Visbeck sichtlich schwer. "Extrem schwierig" sei es etwa, mit dem Bericht politische Lobbyarbeit zu betreiben, räumt Gelpke ein.

Der Verleger setzt vielmehr auf den Umweg über die Medien. So habe der im Februar 2007 vorgestellte Sachstandsbericht des Uno-Klimarats IPCC wochenlang die Schlagzeilen beherrscht und eindrucksvoll gezeigt, dass die Medien Druck auf die Politik ausüben könnten. Ähnlich verhalte es sich mit dem umstrittenen Buch des Ex-Bundesbankers Thilo Sarrazin: Es habe nichts wirklich Neues enthalten, durch seine Polemik aber die Einwanderungsdebatte belebt.

Nur: Auf die Polemik eines Sarrazin verzichten die Autoren des "World Ocean Review" ebenso wie auf die Warnungen eines Weltklimarats - obwohl dessen Bericht im Prinzip das gleiche ist wie der "World Ocean Review": eine Zusammenfassung des bisherigen Forschungsstands. Und die kann, wie der IPCC-Bericht bewiesen hat, allein durch die Zusammenführung bekannter Fakten ein neues Bild von unwiderstehlicher Wucht entstehen lassen. Der "World Ocean Review" verzichtet auf derartige Dramatik - und wird deshalb wohl auch keine Debatte über den Zustand der Meere anstoßen.

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1. ...
M. Michaelis 18.11.2010
Zitat von sysopDer Mensch fischt die*Ozeane leer, benutzt sie als Müllkippe, beutet sie rücksichtslos aus. Jetzt soll der*"World Ocean Review" die*breite Öffentlichkeit über den Zustand der Meere unterrichten.*Doch die deutschen Forscher flüstern, anstatt aufzuschreien. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,729846,00.html
Angesichts der Tatsache die Meer der am schlechtesten erforschte Raum ist und angesichts des Umstandes dass der Begriff leer impliziert dass man weiss wieviel drin ist, das aber nicht zutrifft, eine wenig seriöse Angelegenheit. Einmal mehr haben wir es mit idelogischem Alarmismus zu tun. Damit soll im übrigen nicht gesagt werden dass das vergiften und übernutzen von Ressourcen kein bedeutendes Thema ist.
2. Die Gesellschaft gewoehnt sich an alle Skandale und finanziert ihren Untergang
mark anton 18.11.2010
Zitat von sysopDer Mensch fischt die*Ozeane leer, benutzt sie als Müllkippe, beutet sie rücksichtslos aus. Jetzt soll der*"World Ocean Review" die*breite Öffentlichkeit über den Zustand der Meere unterrichten.*Doch die deutschen Forscher flüstern, anstatt aufzuschreien. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,729846,00.html
der bis jetzt nicht genau identifizierte Grund fuer Klimawandel ist eine Sache wo die Staaten (fast) nichts tun um CO2 zu senken, sie ruinieren weiter die meissten Wasserlaeufe, Oceane auf vielerlei Art, lassen integrationsresistende Migranten in Laender, die nur Interesse an Sozialsystemen haben, sich hier erschreckend vermehren und Ansprueche ueber Anssprueche stellen. Sie erhalten ihr brainwash taeglich spaetestens woechentlich in der Moschee, sind hier zu erobern und 1:1 ihre uns fremde, Lichtjahre auseinanderliegende Kultur aufzuzwingen. Die demografische Entwicklung fuer die meissten europ. Laender ist eine Katastrophe und leitet den Untergang der abendlaendischen Kultur ein. Regierungen, Parteien, Medien schauen zu, reden um den heissen Brei herum, wohl wissend, dass es schon zu spaet ist, dieser mueden anspruchsvollen Bevoelkerung die Wahrheit und notwendige Konsiqauenzen zu sagen/reinen Wein einzuschenken. Sarrazin machte einen Anfang, der Faden wurde jedoch nicht aufgegriffen.
3. Gerade habe ich eine Petition unterzeichnet,
frank_lloyd_right 18.11.2010
den roten Thunfisch zu retten - das mach ich, weil es ja nur zwei Mausklicks sind... und ich habe ohnehin Thunfischkonserven fuer 5 Jahre eingelagert (die halten am längsten). Aber wie das weitergeht, ist klar : irgendwann gibt es keinen Fisch mehr, dann merken es alle und die Fischer jammern und kriegen Subventionen. Fünf Jahre später ist die Existenz von Fisch als solchem aus dem Bewußtsein der Menschheit verschwunden, das Wort "Fisch" wird aus allen zurückliegenden Jahrgängen der "Times" und anderer Blätter getilgt und die Rinder furzen friedlich vor sich hin. Die Angler an der Alster merken sowieso keinen Unterschied, Zen-mäßig betrachtet trinken die schon lange Tee aus einer leeren Tasse.
4. Als jemand der u.a. vom Meer lebt...
egils 18.11.2010
...möchte ich sagen das es mal etwas erfrischend anderes ist, einfach einen Bericht vorgelegt zu bekommen, ohne die dauernde Panik und Untergangsstimmung, die mittlerweile in so vielen bereichen soo stark abgenuetzt wurde, dass sie einfach nicht mehr greift! traurig, aber wahr. natuerlich sind die Ozeane in einem bedauernswerten Zustand, und jeder der es wissen möchte, weiss dies auch. Doch wie die iunzaehligen Klima-Gipfel, Umwelt-treffen, blablabla...so iste s auch mit dem "Druck" den die medien auf die Politik aufbauen könn(t)en....es geschieht nciht! Und ich erwarte wirklich von der Politik rein gar nichts. probleme werden wie immer uaf kuenftige generationen verschoben, und die Umwelt als Politikfaktor wird nur herausgekramt wenn es gerade opportun ist und Stimmen bringt. Sorry fuer meinen Zynismus, aber ich habe den Glauben an die faehige, faire und selbstlose Politik laengst verloren und hoffe nur noch auf die selbstheilungskraefte der natur...vieleicht muss sie die Anzahl der menchen mal wieder drastisch verringern...hat man ja des öfteren gesehen dass sie es kann. leider trifft es bei solchen Naturkatastrophen meisstens die Armen und Hilflosen die am wenigsten etwas fuer die Probleme können...
5. ...
s_f 18.11.2010
Zitat von M. MichaelisAngesichts der Tatsache die Meer der am schlechtesten erforschte Raum ist und angesichts des Umstandes dass der Begriff leer impliziert dass man weiss wieviel drin ist, das aber nicht zutrifft, eine wenig seriöse Angelegenheit. Einmal mehr haben wir es mit idelogischem Alarmismus zu tun.
bevor sie von der einleitung des autors dieses artikels auf den inhalt des berichts schließen, sollten sie diesen vielleicht erst einmal lesen, anstatt ihn vorschnell als ideologisch alarmierend zu bezeichnen. ich konnte dort bis jetzt nichts von der 'leerfischung' lesen. ist übrigens ein allgemeines problem hier..... jeder entlarvt ja direkt die unzulänglichkeiten der bösen wissenschaftler u kann alles auf anhieb widerlegen. dazu reicht es aus spiegel artikel von dritten über veröffentlichte paper zu lesen ohne das original je gelesen zu haben (teilweise habe ich hier schon diskussionen gelesen, welche bei einfachem lesen der einleitung des originalartikels, der hier meist verlinkt ist, nie zustande gekommen wären). ist halt englisch u bißchen fachchinesisch. aber man sollte sich mal gedanken machen, falls man dies nicht versteht bzw gar nicht erst liest, ob es überhaupt sinnvoll dann seinen senf dazu abzugeben. stattdessen wird innerhalb von 2 zeilen dank wikipedia vorgerechnet, was die autoren alles falsch gemacht haben u die unzähligen reviewer der fachmagazine natürlich auch alle übersehen haben....die sind ja eh alle von der industrie gekauft kann's aber verstehen, der weg ist natürlich viel leichter als sich mal fachlich mit einer thematik auseinanderzusetzen, bei der man womöglich auch noch ein buch in die hand nehmen müsste....
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