Moskau - Noch niemand hat den Wostoksee gesehen. Das antarktische Gewässer ist 25-mal so groß wie der Bodensee, nur liegt es unter einem vier Kilometer dicken Eispanzer in ewiger Finsternis versteckt. Nun wollen russische Forscher in dieser unwirtlichen Tiefe eine bisher unbekannte Bakterienart entdeckt haben.
Die Mikroorganismen aus dem lange unberührten Ökosystem könnten keiner üblichen Unterart zugeordnet werden, sagte der Genetiker Sergej Bulat vom Institut für Kernphysik der Nachrichtenagentur Ria Nowosti. Der Fund sei "fast wie die Entdeckung von Leben auf dem Mars". Man habe insgesamt sieben Proben nehmen können. Bei einem DNA-Abgleich habe sich eine Übereinstimmung von nur 86 Prozent mit bisher bekannten Erbgutabschnitten gezeigt.
Bulats Kollege Wladimir Korolew nannte die Schlussfolgerung dagegen "vorzeitig". Im Mai werde neues Wasser aus dem See entnommen und auf Bakterien untersucht, sagte der Biologe. "Bis dahin würde ich nicht davon sprechen, dass diese Bakterien auf dieser Welt noch nicht entdeckt wurden", so Korolew.
"Das könnte etwas sehr Aufregendes sein"
Der Wissenschaftler David Pearce vom British Antarctic Survey ist im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zumindest vorsichtig optimistisch: "Das könnte etwas sehr Aufregendes sein, aber der Weg ist noch weit." Das Vorgehen der Russen, den Fund per Pressemitteilung statt in einem Fachartikel zu verkünden, verwundere ihn zwar. Da aber bisher nur wenig Details bekannt geworden seien, sieht der Forscher eine spätere wissenschaftliche Publikation aber nicht gefährdet.
Allein der Fund neuer DNA-Sequenzen sei indes noch nicht besonders aufregend, so Pearce. Die könne man vermutlich auch aufspüren, wenn man mit einer Schaufel im Vorgarten grabe und das gefundene Genmaterial sequenziere. Wichtig sei auch eine genauere Beschreibung der gefunden Organismen.
Die Proben waren im vergangenen Jahr aus dem seit mindestens 120.000 Jahren - vielleicht auch deutlich länger - isolierten Gewässer genommen worden. Der Druck des riesigen Eispanzers sorgt dafür, dass das Wasser dort flüssig ist. Russische Forscher hatten den See nach 30 Jahre dauernden Arbeiten angebohrt. Nach der Bergung der ersten Wasserproben hieß es zunächst, man habe extrem geringe Mengen an Bakterien nachweisen können. Doch die seien vermutlich über das Bohrloch nach unten gekommen.
Medien in Moskau sprachen nach dem Anbohren des Sees vom größten Erfolg der Antarktis-Forschung der vergangenen hundert Jahre. Westliche Wissenschaftler fürchten dagegen das Verschmutzen des Ökosystems durch einen kontaminierten Spezialbohrer. Allerdings hatten sich die Russen bemüht, genau das zu vermeiden.
Ein konkurrierendes britisches Bohrprojekt am Lake Ellsworth hatte Ende vergangenen Jahres sein vorläufiges Scheitern eingestanden. Das an dieser Stelle mehr als drei Kilometer dicke Eis sollte mit heißem Wasser durchschmolzen werden, um Verunreinigungen zu vermeiden. Doch technische Probleme verhinderten das.
Etwa 300 Meter unter der Oberfläche des Eises wollten die Forscher zwei bis dahin im Abstand von zwei Metern parallel geführte Bohrungen in einer Art Höhle zusammenführen. Das war unter anderem nötig, um das Bohrwasser zurück an die Oberfläche zu bekommen. Doch die Zusammenführung der beiden Bohrungen misslang trotz 20-stündiger Bemühungen. Danach reichte der Sprit nicht mehr.
Ein US-Team hat außerdem am Lake Whillans in der Antarktis gebohrt, auch hier mit heißem Wasser. Die Forscher erklärten im Januar, sie hätten das Gewässer 800 Meter unter dem Eis erreicht. Auch hier könnte es in Kürze interessante Neuigkeiten geben.
chs/dpa
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