Seit 1970 Zahl der Wirbeltiere hat sich mehr als halbiert

Der Mensch zerstört Lebensräume, verschmutzt die Umwelt und verändert das Klima. Immer mehr Arten sterben deshalb aus, berichtet der WWF. Sorgen machen sich die Umweltschützer auch um die Tierwelt in Deutschland.

Feldhamster sind in manchen Bundesländern bereits ausgestorben
Uwe Anspach/dpa

Feldhamster sind in manchen Bundesländern bereits ausgestorben


Die ungebremste Expansion des Menschen auf der Erde hat zerstörerische Folgen für die anderen Bewohner des Planeten: Wie der WWF am Donnerstag in der Studie "Living Planet" (hier die Lang- und hier die Kurzfassung der Studie) berichtet, sind die Bestände der Wirbeltiere weltweit zwischen 1970 und 2012 um knapp 60 Prozent zurückgegangen.

Die Fauna des Planeten schwinde "in beispiellosem Tempo", sagte der Generaldirektor der Umweltschutzorganisation, die die Untersuchung gemeinsam mit der Zoological Society of London erstellt hat. Die Wissenschaftler hatten über viele Jahre rund um den Globus etwa 14.000 Populationen von 3700 verschiedenen Tierarten beobachtet und gezählt.

Stärkster Artenverlust in Süßgewässern

Der von den Forschern dokumentierte Rückgang betrifft Säugetiere, Fische, Vögel, Amphibien und Reptilien. Parallel zum Verschwinden vieler Tiere hat sich die Zahl der Menschen seit 1960 auf 7,4 Milliarden verdoppelt.

Den stärksten Rückgang der Tierzahlen beobachteten die Umweltschützer in Süßgewässern wie Seen, Flüssen und Sümpfen. Die Populationen der 881 beobachteten Arten hätten sich in diesen Lebensräumen zwischen 1970 und 2012 um 81 Prozent verringert. Bis 2020 drohe insgesamt ein weiterer Rückgang. Vor allem, weil die Lebensräume immer weiter schwinden oder sich verschlechtern, heißt es im Report.

Tote Fische in der Peene in Anklam in Mecklenburg-Vorpommern nach einer Panne in einer Zuckerfabrik (Archivbild)
Stefan Sauer/dpa

Tote Fische in der Peene in Anklam in Mecklenburg-Vorpommern nach einer Panne in einer Zuckerfabrik (Archivbild)

90 Prozent der See- und Küstenvögel Neuseelands bedroht

Auch die Zahl der Ozeanbewohner sei im gleichen Zeitraum um 40 Prozent zurückgegangen, vor allem wegen Überfischung. Diese gefährdet auch viele Meeresvögel, die schlecht Futter finden.

Wie das Umweltministerium von Neuseeland unabhängig vom WWF-Report berichtet, sind rund 90 Prozent der dort lebenden See- und Küstenvögel und mehr als ein Viertel der Meeressäuger vom Aussterben bedroht. Unter den gefährdeten Arten seien Albatrosse, Pinguine, Seelöwen und der Maui-Delfin, von dem es nur noch 63 Exemplare gebe.

Maui-Delfine vor Neuseeland
Auckland Conservancy/dpa

Maui-Delfine vor Neuseeland

Laut dem aktuellen WWF-Report sind zudem die Populationen der Wirbeltiere an Land seit 1970 um 38 Prozent geschrumpft. Hier ist der schrumpfende Lebensraum ein wichtiger Faktor. Obwohl sich zum Beispiel der Verlust an Waldflächen weltweit in den vergangenen 25 Jahren verlangsamt habe, sei seitdem dennoch eine Fläche von 239 Millionen Hektar an Naturwäldern vernichtet worden. Zum Vergleich: Deutschland hat eine Fläche von unter 36 Millionen Hektar. Aber auch Umweltverschmutzung und Klimawandel tragen ihren Teil bei.

Feldhamster vor dem Aus

In Deutschland steht die Natur ebenfalls unter Druck. Laut WWF-Report hat die Artenvielfalt weiter abgenommen - knapp 30 Prozent von 32.000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten seien im Bestand gefährdet, 5,6 Prozent bereits ausgestorben. Hauptursache laut WWF: intensive Landwirtschaft.

Sorgen machen sich Experten derzeit etwa um den Feldhamster: "Es ist kurz vor Ultimo", sagte der Biologe Peer Cyriacks auf einer Tagung zum Thema in Heidelberg, die unabhängig vom WWF-Bericht stattfindet.

Feldhamster in Mannheim (Archivbild)
Uwe Anspach/dpa

Feldhamster in Mannheim (Archivbild)

In Nordrhein-Westfalen seien die Feldhamster kürzlich ausgestorben. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gibt es nach Zahlen des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) aus dem Jahr 2012 längst keine mehr. In Baden-Württemberg sieht es auch schlecht aus: Die Zahl der verbliebenen Hamster im Südwesten schätzte Cyriacks auf höchstens 100; bundesweit sollen es nicht mal mehr 100.000 dieser Tiere geben.

Fünf Gründe für das Sterben

Der WWF setzt die derzeitige Entwicklung in eine lange zeitliche Perspektive: In den vergangenen fünfhundert Millionen Jahren habe es auf der Erde nur fünf sogenannte "Massenauslöschungsperioden" gegeben; derzeit erlebe der Planet durch das Einwirken des Menschen seine sechste. Eine solche "Massenauslöschungsperiode" sei dann gegeben, wenn ein großer Teil der Spezies deutlich schneller ausstirbt, als natürlicherweise zu erwarten wäre.

Die Theorie, dass das sechste Artensterben bereits begonnen hat, ist nicht neu. Bereits 2015 hatten Wissenschaftler berichtet, dass in den vergangenen hundert Jahren bis zu 100-mal mehr Arten ausgestorben seien als erwartet und vor einem neuen Massensterben gewarnt. Die Autorin Elizabeth Kobert erhielt im gleichen Jahr für ihr Buch "Das sechste Sterben" den Pulitzer-Preis.

Der letzte "Living Planet"-Report des WWF stammt aus dem Jahr 2014. Damals hatten die Umweltschützer berichtet, dass sich die Zahl der mehr als 10.000 untersuchten Wirbeltier-Populationen zwischen 1970 und 2010 im Durchschnitt halbiert habe.

jme/AFP/dpa



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