WWF-Studie: Gen-Soja ist Standard im Stall

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Die Umweltorganisation WWF warnt vor gentechnisch verändertem Soja: Als Futtermittel dominiere es inzwischen den deutschen Markt, die Mehrheit der Schweine und Hühner werde auf diese Weise ernährt. Wo die Gefahr für den Menschen liegt, bleibt allerdings offen.

Sojapflanze (in einem Biohof): Gentechnisch verändertes Soja wird zum Standard Zur Großansicht
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Sojapflanze (in einem Biohof): Gentechnisch verändertes Soja wird zum Standard

Hamburg - Es klingt gefährlich, was der WWF verkündet: Rund 80 Prozent aller Soja-Importe für den deutschen Markt stammten aus gentechnisch veränderten Bohnen. 2011 seien 3,6 bis 4,0 Millionen Tonnen Gen-Soja an konventionell gehaltene Nutztiere verfüttert worden, nur 600.000 bis eine Million Tonnen seien nicht genetisch verändert gewesen.

Die WWF-Studie, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, beruft sich auf Schätzungen des Deutschen Verbands Tiernahrung (DVT), der rund drei Viertel aller deutschen Futtermittelhersteller vertritt. Die Hauptkritik des WWF: Dem deutschen Lebensmittelmarkt mangele es an Transparenz. Der Verbraucher könne nicht nachvollziehen, ob ein Produkt mit Hilfe von Gentechnik produziert worden sei.

Zwar unterlägen Produkte auf Basis gentechnisch veränderten Sojas einer gesetzlichen Kennzeichnungspflicht, sagt WWF-Mitarbeiterin Birgit Wilhelm. "Aber bei der Einfuhr ist Soja zunächst gleich Soja." Und von dort ins Supermarktregal sei der Weg weit. Am Ende sei für den Kunden kaum noch ersichtlich, was er kaufe. Zudem müssten Lebensmittel von Tieren, die mit gentechnisch verändertem Futtermittel gefüttert werden, bisher nicht gekennzeichnet werden.

Gentechnik auf dem Teller?

Ob deshalb aber "Gentechnik mit Fleisch, Eiern oder Käse auf unseren Tellern landet", wie der WWF behauptet, ist mehr als fraglich. Zwar haben bisherige Studien ergeben, dass verändertes Erbgut von Getreide sich durchaus in der Umwelt verbreiten kann. Aber kann auch das Schnitzel eines Schweins, das zu Lebzeiten Gen-Soja gefressen hat, Spuren veränderter DNA enthalten und die Gesundheit des Menschen gefährden?

Auf Nachfrage räumt WWF-Referentin Wilhelm ein, dass sie keine Studie kenne, die eine derartige Warnung rechtfertigen würde. Tatsächlich geben bisherige Untersuchungen an dieser Stelle Entwarnung. So haben Forscher der Technischen Universität München im März 2009 die Ergebnisse eines Langzeitversuchs mit Milchkühen veröffentlicht. Zwei Jahre lang gaben sie den Tieren gentechnisch veränderten Mais zu fressen. Doch in der Milch fanden die Forscher keinerlei Spuren transgener Komponenten. Ihr Fazit: Die Proteine und das Erbgut des Gen-Mais wurden von den Kühen offensichtlich genauso verdaut wie die von nicht verändertem Mais.

WWF-Referentin Wilhelm weist allerdings auf die ökologischen Unwägbarkeiten des Gensoja-Anbaus hin - wie etwadie Vermischung des manipulierten Erbguts mit dem von anderen Getreidesorten. "Deshalb ist es wichtig, dass Verbraucher die Entscheidungsfreiheit darüber besitzen, ob sie solche Produkte kaufen oder nicht." Zudem gebe der Weltmarkt ausreichend Mengen gentechnikfreien Sojas her, um den Bedarf Deutschlands zu decken.

Die Frage ist, ob die Abkehr von der Gentechnik in der Landwirtschaft angesichts der rapide wachsenden Weltbevölkerung realistisch ist. Zweifler gibt es auch in Umweltschutzorganisationen - wie etwa dem WWF selbst. Dessen Wirtschaftsexperte Jason Clay etwa rechnete in einem vielbeachteten Beitrag für das Fachblatt "Nature" vor, dass 70 bis 80 Prozent des Kalorienbedarfs der Menschheit von nur zehn Getreidesorten gedeckt würden - und nur eine davon sei auf dem Weg, ihre Ergiebigkeit bis 2050 zu verdoppeln.

Den meisten Schätzungen zufolge müsse das aber auch mit allen anderen zehn Sorten gelingen, um den künftigen Nahrungsmittelbedarf zu decken. "Ich bin Umweltschützer", meint Clay. "Und ich bin überzeugt, dass wir es uns nicht leisten können, die Gentechnik zu ignorieren, solange sie verantwortungsvoll genutzt wird."

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insgesamt 118 Beiträge
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1. Eindimensional gedacht
Stelzi 21.08.2012
Es geht ja nicht bloss um die potenzielle Schädlichkeit für den Menschen, sondern auch um die potenzielle Gefahr für das Ökosystem, wo diese genmutierten Gewächse rumstehen. Zur unbedenklichkeit gibt es auch noch keine klaren Beweise - genau so wie zur möglichen Schädlichkeit.
2. WWF kann eigentlich
hastdunichtgesehen 21.08.2012
nur vor sich selber warnen und seiner Borniertheit. Dahinter steckt reine Klientelpolitik.
3.
Ambermoon 21.08.2012
Mir persönlich macht's keine Angst, wenn mein Steak mit Genmais gefüttert wurde, aber ich würd's gern wissen. Ist das denn zu viel verlangt? Was für einen Hass auf das Volk muss diese Politikerbrut haben, uns so einfache Informationen vorzuenthalten?
4. Vorbeiargumentiert
Leser161 21.08.2012
Das veränderte DNA auf unseren Tellern landet ist ja auch irgendwie nicht das Problem. Veränderte DNA ist nicht giftig. In der Gentechnik können jedoch andere Gefahren laueren, wenn veränderte Organismen in die Umwelt gelangen. Es gibt daher Mitmeneschen, die wegen dieser potentiellen Gefahr für die Umwelt die Gentechnik nicht unterstützen möchten und deshalb keine mit Gentechnik produzierten Produkte essen möchten. Aber wahrscheinlich ist das mal eher wieder ein Fall von der Standpunkt des Diskussionsgegners ist zu kompliziert, da machen wir ihn doch lieber gleich lächerlich. PS: Mir ist das mit den genen egal, was mir nicht egal ist, ist vernünftige Diskussionskultur.
5.
bazzu 21.08.2012
Zitat von sysopDie Umweltorganisation WWF warnt vor gentechnisch verändertem Soja: Als Futtermittel dominiere es inzwischen den deutschen Markt, die Mehrheit der Schweine und Hühner werde auf diese Weise ernährt. Wo die Gefahr für den Menschen liegt, bleibt allerdings offen. WWF-Studie: Gen-Soja ist Standard im Stall - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,851051,00.html)
Mal wieder ein Artikel, indem nur die halbe Wahrheit steht. Warum habe ich noch nie einen Artikel in der deutschen Presse gelesen, indem klipp und klar das steht, was Biologen seit Jahren wissen: Gentechnisch veränderte Lebensmittel retten seit Jahren jedes Jahr hunderttausenden Menschen das Leben, sie sind umweltverträglicher und haben absolut kein Gefahrenpotential für den Menschen. Das sind jedenfalls die Ergebnisse aus 25 Jahren intensiver Forschung. Warum das in keinem Artikel erwähnt wird? Tja...reinster Bio-Lobbyismus. Wer würde sonst noch mehr Geld für schlechtere und umweltschädlichere Produkte ausgeben?
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