WWF-Studie Deutsche werfen 313 Kilo Lebensmittel weg - pro Sekunde

Die Deutschen verschwenden jedes Jahr Millionen Tonnen Lebensmittel. Trotz jahrelanger Warnungen ist laut einer neuen WWF-Studie keine Trendwende zu erkennen. Das Hauptproblem ist der Verbraucher.

Lebensmittel im Müll: Die Verschwendung geht weiter
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Lebensmittel im Müll: Die Verschwendung geht weiter


Zwei Zahlen genügen, um die Tragödie zu verdeutlichen: Von den sieben Milliarden Menschen auf der Welt hungert täglich rund eine Milliarde. Gleichzeitig würde die globale Lebensmittelproduktion theoretisch ausreichen, um nicht nur sieben, sondern neun, zehn oder gar zwölf Milliarden Menschen satt zu machen.

Als eine der wichtigsten Ursachen dieses Missverhältnisses gilt die Verschwendung von Nahrungsmitteln - und die hat, trotz aller Appelle der vergangenen Jahre, offenbar nicht abgenommen, wie eine neue Studie der Umweltstiftung WWF nahelegt.

Allein in Deutschland landen demnach jedes Jahr rund 18,4 Millionen Tonnen an Nahrung im Müll. Etwa zehn Millionen davon seien bereits heute vermeidbar - ohne den Einsatz neuer Technologien, sagte WWF-Referentin Tanja Dräger de Teran am Donnerstag in Berlin. Im Schnitt würden die Deutschen also 313 Kilo genießbare Nahrungsmittel unnötig wegwerfen - pro Sekunde.

Großteil der Verschwendung wäre vermeidbar

Für die Studie "Das große Wegschmeißen" wurden mehrere vorhandene Untersuchungen zusammengeführt. Beleuchtet wird die Menge der Verluste während der gesamten Kette vom Acker bis hin zum Verbraucher. Während Lebensmittel in ärmeren Ländern bereits bei der Ernte, bei Transport und Lagerung verloren gingen, sei in reichen Ländern eher der Endverbraucher das Problem. Knapp 40 Prozent des Mülls falle in Deutschland in Privathaushalten an, heißt es. Hinzu kämen unter anderem Verluste bei der Produktion sowie in der Gastronomie. Der größte Teil davon sei vermeidbar.

Würden Landwirtschaft, Handel und Verbraucher gemeinsam Abfälle vermeiden, ergebe sich ein "signifikanter Beitrag zum Ressourcen- und Klimaschutz", sagte Dräger de Teran. Denn etwa Treibhausgasemissionen durch Düngung, Transport und Kühlung fielen für die weggeworfenen Lebensmittel vergeblich an. Der verschwendete "riesige Essensberg" befeuere damit den Klimawandel. Der wiederum dürfte in Zukunft die globalen Ernteerträge schmälern - ein Teufelskreis.

Gerade bei Kleinverbrauchern gelten viele Abfälle laut WWF als vermeidbar, vor allem bei Brot sowie Obst und Gemüse: "Bewusst einkaufen, frisch kochen und richtig lagern - so wirft man weniger weg", empfiehlt Fernsehkoch Christian Rach im Vorwort der Studie.

Viele Appelle, wenig Veränderung

Derartige Appelle gibt es bereits seit Jahren immer wieder, geändert hat sich wenig. So erschien zuletzt 2012 eine große Studie zur Verschwendung von Lebensmitteln in Deutschland. Seitdem habe man "keine grundlegende Tendenz der Zunahme oder Abnahme" beim Wegwerfen von Essen beobachten können, so der WWF. Lediglich die Verschwendung von Obst und Gemüse habe die Studie von 2012 vermutlich ein wenig überschätzt.

Aus der Politik kämen bisher lediglich "vollmundige Ankündigungen", es fehle an einer nationalen Strategie mit Zielen und Arbeitsschritten, bemängelte Expertin Dräger de Teran. Die Bundesregierung habe zwar erklärt, die Abfälle bis 2020 um die Hälfte reduzieren zu wollen. Allerdings gebe es zu dem Thema selten valide Daten, was die Überprüfung erschwere.

Die Autoren der Studie betonen an mehreren Stellen, dass die Datenbasis relativ unsicher sei. So hatte es 2012 geheißen, deutsche Endverbraucher würden pro Jahr 8,6 Millionen Tonnen Lebensmittel wegschmeißen. Die Spanne könne aber zwischen 5,8 und zehn Millionen Tonnen liegen.

Die WWF-Experten haben deshalb für ihre neue Studie Untersuchungen aus anderen Industrieländern ausgewertet, und die scheinen die aktuellen deutschen Zahlen zu bestätigen. Ob in den USA, in der Schweiz, in Skandinavien oder Großbritannien, überall zeigte sich ein ähnliches Bild: Die Endverbraucher werfen rund 20 Prozent ihrer Lebensmittel ungenutzt auf den Müll.

Immerhin haben sich in den vergangenen Jahren einige Initiativen gebildet: Auf Internetplattformen wie Foodsharing.de geben Nutzer übrig gebliebene Nahrungsmittel gratis ab. Öffentlich zugängliche Kühlschränke sieht die Freiwilligen-Initiative VoluNation im Kommen: Diese teilte mit, im deutschsprachigen Raum seien mehr als 7500 freiwillige "Essensretter" im Einsatz, die bisher rund 200 Schränke mit nicht mehr verkäuflichen Produkten aus dem Handel füllten.

Doch offenbar ist die Zahl derer, die derlei Angebote nutzen, bisher zu gering, um einen spürbaren Rückgang der Verschwendung zu bewirken.

mbe/dpa

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insgesamt 273 Beiträge
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M. Michaelis 18.06.2015
1.
Warum sollte der WWF vor dem Wegwerfen von Lebensmitteln warnen ? Ich frage mich zudem wie solche Zahlen zustandekommen. Die Grundlage erschient mir ausgesprochen windig. Würden weniger Lebensmittel weggeworfen würde das niemandem nützen. Nicht das Wegwerfen von Lebensmitteln in gut versorgten Gesellschaften ist das Problem sondern der Verlust in Mangelgesellschaften. Diese Moralisiererei hilft niemandem.
atech 18.06.2015
2. Wegwerfgesellschaft hier, Hunger dort
dass hierzulande mehr Lebensmittel gekauft werden als der Verbraucher verzehrt, ist leicht zu erklären: der Mensch legt sich gerne Vorräte an, auch im heimischen Kühlschrank. Und wenn das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, spätestens ein paar Tage danach, wird die Ware weggeworfen. Wer verdirbt sich schon gerne den Magen mit verdorbenen Lebensmitteln? Die "eventuell noch brauchbaren" Lebensmittel in Dritte-Welt-Ländern zu verteilen würde auch wenig Sinn machen, weil dann die lokalen Bauern ihre Ware nicht mehr verkaufen könnten.
widower+2 18.06.2015
3. Es gibt viel zu tun
Ein Problem sind die Packungsgrößen. Man bräuchte wieder viel mehr Läden, in denen man tatsächlich Lebensmittel in der Menge kaufen kann, die man wirklich braucht. Bei den Discountern gibt es zum Beispiel Kartoffeln oder Gemüse nur in größeren Mengen zu kaufen. Allerdings bekommt man dann oft 5 Kilo Kartoffeln für den Preis eines Kilos loser Kartoffeln andernsorts. Da fliegen dann regelmäßig ein paar Kilo auf den Müll. Oder das Beispiel Lauch (oder Porreé). Den gibt es bei den Discountern nur im Kilobündel. Welcher Haushalt verbraucht schnell ein Kilo Lauch? Meistens braucht man nur eine Stange. Ich glaube, dass es hilfreich wäre, wenn man den Einzelhandel verpflichten würde, möglichst viele Lebensmittel in frei wählbaren Mengen zu verkaufen.
eisbaerchen 18.06.2015
4. Neuer Programm-Schwerpunkt bei den Grünen...
Wiedereinführung von Lebensmittelbezugskarten, die auf der Basis eines Durchschnittsverbrauchers minus Abfall ausgerechnet werden..wer mehr möchte, Pech gehabt...oder darf nur noch Salatblättchen knabbern.
mimas101 18.06.2015
5. Hmm
der böse Verbraucher? Schlicht zu einseitig. Die Familie hat sich heute eher zu einem Single-Haushalt gewandelt. Und das hat die Industrie als Quell für noch mehr Profite auch erkannt und gestaltet Produktmengen und Preise auch entsprechend. So ist es heute erheblich billiger eine Familienpackung zu kaufen und dann die Hälfte davon wegen Ablaufdatums pp wegzuwerfen als die eigentlich notwendigen Kleinmengen zu nehmen - die sind dann im Schnitt etwa 3x teurer als die gleiche Mengen in Großpackungen. Der einfache Grund: Single-Haushalte haben mehr Geld in der Tasche das dann abzuschöpfen ist. Die eher primitive Abzockmasche findet man auch z.B. Lebensmitteln die Kinder ansprechen sollen (weil die soundsoviel Mrd an Taschengeld haben an das man unbedingt ranwill): Da werden 75 Gramm Gummibärchen in einem Becher, bedruckt mit ein paar teuer lizenzierten Figürchen, im Kassenbereich aufgebaut. Der Preis ist dann fast so hoch wie die gleichen Gummibärchen der gleichen Firma in der 1-Kilo-Vorratsdose ein Regal weiter. Oder die System-Bausteine zum Kochen: Mittlerweile greift der selbstbestimmte Single gerne mal zu Fertigmischungen für Hackfleich & Co. Deren Mengen werden beim gleichen Preis zwar immer weniger (zur Zeit ausgelegt für 350 gramm Gehacktes) aber in der Kühltheke findet man (bisher) nur Gehacktes im 500-Gramm-Pack. Verschwendung ist da bereits vorprogrammiert.
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