Zähe Meerestiere Das Comeback der Suppenschildkröte

Von Seefahrern als Proviant geschätzt, von der Haute Cuisine zur Suppeneinlage degradiert: Jahrhundertelang haben Menschen der Grünen Meeresschildkröte nachgestellt. Jetzt melden Artenschützer eine erstaunliche Entwicklung bei den Beständen der Meeresreptilien.

Von Volker Mrasek


Vor gut 500 Jahren muss die Welt für die Grüne Meeresschildkröte noch in Ordnung gewesen sein. Da hatte man die bis zu fünf Zentner schweren Reptilien noch nicht zu Suppenschildkröten degradiert. Christoph Kolumbus stieß nach seiner vierten Atlantik-Überquerung im Jahr 1503 auf Horden der Tiere. An den heutigen Kaiman-Inseln vorbeisegelnd, staunte der Italiener in spanischen Diensten über "ein Meer voller Schildkröten".

Doch dann nahm das Martyrium der urtümlichen Kriechtiere seinen Lauf. "Grüne Meeresschildkröten waren ein exzellenter Proviant für Seefahrer auf ihren langen Schiffsreisen von Europa in die Neue Welt, man konnte sie wochenlang an Bord halten", erzählt der schwedische Meeresbiologe Sebastian Troëng von der Universität Lund. Später dann wurden sie zur geschätzten Delikatesse: "Man machte aus ihnen Suppe oder Ragout für die großen Märkte in Europa und den USA", so Troëng.

Bestände erholen sich schnell

Ein halbes Jahrtausend nach Kolumbus beschäftigt sich der Wissenschaftler eingehend mit den gepanzerten Meeresbewohnern. Und er weiß Ermutigendes über die als bedroht geltende Tierart zu berichten. Troëng und acht andere Experten werteten 25- bis 35-jährige Beobachtungsreihen von sechs der weltgrößten Strand-Nistplätze aus, die weibliche Suppenschildkröten traditionell zur Eiablage aufsuchen. Zwei davon liegen am berühmten Great Barrier Reef vor Australien, die anderen in Costa Rica, Florida, Hawaii und Japan.

Das Ergebnis des Öko-Zensus: Die Bestände der Grünen Meeresschildkröte erholen sich wieder, zum Teil sogar kräftig. Die Zahl der nestbuddelnden Weibchen habe von Jahr zu Jahr um vier bis 14 Prozent zugenommen, schreiben die Biologen im Fachblatt "Global Ecology and Biogeography".

"Das sind gute Nachrichten für die Grüne Meeresschildkröte", freut sich Troëng. "Schließlich hört man selten davon, dass sich eine bedrohte Art wieder erholt." Von den sechs anderen Schildkröten-Spezies, die in tropischen und subtropischen Ozeanen leben und ebenfalls als bestandsgefährdet gelten, stehen solche Nachrichten noch aus.

Schätzung: Mehrere Millionen Tiere existieren

Den sechs untersuchten Nistplätzen ist gemein, dass sie alle in langjährigen Schutzgebieten liegen und streng bewacht sind. "Wenn die Strände zu Nationalparks gehören und auch die kommerzielle Jagd auf Schildkröten verboten wurde wie bei uns am Great Barrier Reef schon in den fünfziger Jahren, dann zahlt sich das irgendwann aus", sagt Colin Limpus vom Queensland Parks and Wildlife Service in Australien. Wichtig für den Artenschutz sei ein langer Atem, so der Vize-Vorsitzende der internationalen Expertengruppe für Meeresschildkröten (MTSG) zu SPIEGEL ONLINE: "Von der Geburt bis zur Geschlechtsreife vergehen bei der Grünen Meeresschildkröte 35 Jahre. So lange muss man sich gedulden, bis ein dezimierter Bestand von ausgewachsenen Tieren wieder zunimmt."

Nach einer vorsichtigen Schätzung der Meeresbiologen bestehen die untersuchten sechs Populationen der Suppenschildkröte heute aus "einigen zehn Millionen" Tieren. Sie warnen aber vor falschen Schlüssen. Die Frage, ob die Art angesichts solcher Individuenzahlen überhaupt noch schutzbedürftig sei, kontert Troëng mit der Feststellung, "dass viele Bestände heute immer noch wesentlich kleiner sind, als sie es ursprünglich einmal waren". Allein in der Karibik könnten zu Kolumbus’ Zeiten zwischen 50 und 200 Millionen Grüne Meeresschildkröten gelebt haben, wie die Experten vermuten. Heute gehen sie davon aus, dass die Population dort nur noch etwa ein Prozent ihrer ursprünglichen Stärke besitzt, so Troëng.

Dramatische Rückgänge an nicht geschützten Stränden

Durch die neue Studie ist auch eine Erhebung der MTSG aus dem Jahr 2004 nicht revidiert. Darin wurden sogar 32 Nistplätze der Suppenschildkröte einbezogen - auch solche, die bis heute nicht effektiv geschützt sind und wo die Tiere noch immer ausgebeutet werden. An Stränden in Mexiko, Venezuela, Thailand, Malaysia, Indonesien, Pakistan, Indien und der Türkei zeigte sich ein weniger erfreulicher Trend. Dort ging die Zahl Eier ablegender Weibchen noch im ausgehenden 20. Jahrhundert zum Teil drastisch zurück, im Extremfall um bis zu 99 Prozent - wobei die Datenlage allerdings nicht immer besonders gut ist.

Auch verfangen sich viele Schildkröten unnütz in den Schleppnetzen der Fischerei. In der Roten Liste gefährdeter Arten führt die World Conservation Union (IUCN) die Grüne Meeresschildkröte unverändert als "gefährdet" - mit insgesamt rückläufigen Beständen.

Ihre besondere Rolle im Naturhaushalt füllen die behäbigen Reptilien demnach noch lange nicht wieder voll aus - auch wenn strikte Schutzmaßnahmen ihr mancherorts gut bekommen. Grüne Meeresschildkröten sind so etwas wie Schafe zur See: Als Vegetarier weiden sie Seegras-Wiesen ab. Wenn sie das verdaute Pflanzenmaterial wieder ausscheiden, steht es anderen Mitgliedern des marinen Ökosystems zur Verfügung, die an die Nährstoffe sonst nicht herankämen. "Ein perfektes Recycling", schwärmt Colin Limpus. Es komme der Artenvielfalt zu Gute, zum Beispiel in Korallenriffen. Troëng formuliert es drastischer: "Wenn die Tiere pupsen, profitiert die Produktivität der marinen Ökosysteme davon."

Von der Genesung der Grasfresser in den sechs Mega-Habitaten geht für den schwedischen Biologen eine Signalwirkung aus: "Das ermutigt uns, in unseren Bemühungen auch für andere gefährdete Arten nicht nachzulassen."

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