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Zahme Gänse: Mit Küken kuscheln für die Forschung

Ein Interview von

Forschungsprojekt: Gans schön niedlich Fotos
Michael Quetting

Um eine Gruppe zahmer Gänse für Messflüge einspannen zu können, muss man sie auf einen Menschen prägen. Ein Max-Planck-Forscher aus Radolfzell erzählt von seiner Zeit als hauptberuflicher Gänsevater, in der viel gekuschelt wird.

Zur Person
  • Michael Quetting
    Michael Quetting arbeitet am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell. In seinem Blog berichtet er von seinem Sommer mit den Graugänsen.
  • Blog: "Graugänse - Sommer 2015"
SPIEGEL ONLINE: Herr Quetting, was muss man eigentlich tun, um einmal beruflich mit Gänseküken kuscheln zu können?

Quetting: Also ich bin biologisch-technischer Assistent und arbeite seit sechs Jahren am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell - und ich habe einen Pilotenschein für das Ultraleichtflugzeug des Instituts. Für ein aktuelles Forschungsprojekt brauchen wir zahme Vögel, und es ist sinnvoll, dass der Pilot die Tiere auf sich prägt.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie mit den Gänsen vor?

Quetting: Im Prinzip geht es darum, ihre Hilfe als Biosensoren in Anspruch zu nehmen. Es gibt inzwischen hochauflösende GPS-Logger, die in der Sekunde 20 Datensätze erfassen können. Mit diesen Geräten lässt sich nicht nur das Flugverhalten der Vögel erforschen. Die Daten liefern auch Informationen über die Umgebung, in der die Gänse fliegen - etwa die Windgeschwindigkeit. Über die Windverhältnisse in bis zu 3000 Meter Höhe weiß man gar nicht so viel. Die einzigen Daten stammen von Wetterballons, die jedoch kein engmaschiges Netz bilden. Deshalb ist auch der Deutsche Wetterdienst schon sehr an den Daten interessiert. Zahm sein sollten die Gänse wegen eines Nachteils der neuen Logger: Deren Batterie hält nur etwa zwei Stunden.

SPIEGEL ONLINE: Wie bereiten sie die Küken aufs Arbeitsleben vor?

Quetting: Schon als sie noch im Ei waren, habe ich ihnen regelmäßig das Propellergeräusch des Ultraleichtflugzeugs sowie das Getröte einer Ballhupe vorgespielt und ihnen - aus Nils Holgersson - vorgelesen, damit sie sich an meine Stimme und an den Flieger gewöhnen. Die Küken kommunizieren auch untereinander vor dem Schlüpfen, diese akustische Prägung während der Zeit im Ei ist deshalb wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sehen Ihre Arbeitstage momentan aus?

Quetting: Zurzeit lebe ich in einem Wohnwagen auf dem Institutsgelände und lasse mich auf den Rhythmus der Küken ein. Der Tag beginnt gegen fünf Uhr, wenn sie aufwachen, und geht bis abends um halb neun oder neun. Wir sind vor allem draußen unterwegs, und sie erkunden die Welt. Etwa eine Dreiviertelstunde am Stück sind sie meistens aktiv. Dann fangen sie mit einem bestimmten Trillern an, das zeigt, dass sie müde sind. Ich lege mich auf eine Isomatte, damit sie sich ankuscheln können. Nach etwa einer Dreiviertelstunde werden sie wieder munter und starten die nächste Tour. Wenn sie draußen schwimmen, ziehe ich einen Neoprenanzug an und gehe mit ins Wasser.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Blog zum Projekt wird deutlich, dass Sie viel Freude mit den Küken haben.

Quetting: Ja, schon das Ausbrüten der Gänseeier war spannend. Weil Gänse Wasservögel sind, ist das nicht so simpel wie mit einem Hühnerei. Die Gänsemutter schwimmt zwischendurch herum und setzt sich dann mit nassem Federkleid wieder auf die Eier, sodass diese immer wieder befeuchtet und etwas gekühlt werden. Das muss man im Brutkasten nachstellen, damit die Eihaut nicht austrocknet, was die Küken beim Schlüpfen behindern würde.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie ihre Zöglinge voneinander unterscheiden?

Quetting: Ein paar schon, aber nicht alle. Sie haben deshalb verschiedenfarbige Ringe bekommen. Aber die Küken haben ein klar unterschiedliches Naturell. Die älteste, Gloria, zum Beispiel ist am stärksten auf mich geprägt. Nemo habe ich so getauft, weil er als erstes getaucht ist - und er ist ganz deutlich der beste Schwimmer. Und Frida ist eher die Außenseiterin, die gern am Rand steht und meckert. Weil die Geschlechtsbestimmung für die Küken schmerzhaft ist, habe ich darauf erst einmal verzichtet, es kann also sein, dass aus Frida noch ein Frieder wird. Aber Namen wollte ich ihnen gleich geben.

SPIEGEL ONLINE: Graugänse können etwa 17 Jahre alt werden - wie lange werden ihre sieben Sie denn begleiten?

Quetting: Nur ein paar Monate. Im Juli und August machen wir die Messflüge in der Region. Anschließend werden die Vögel an einem See ausgewildert, an dem schon einige andere halbzahme Graugänse leben.

SPIEGEL ONLINE: Warum behalten Sie die Gänse nicht länger für Forschungsprojekte?

Quetting: Es ist nun einmal der Lauf der Dinge, dass auch Gänsekinder erwachsen werden und im Herbst anfangen, sich mehr um ihre Artgenossen als um ihren Papa zu kümmern. Deshalb möchten wir der Natur ihren Lauf lassen und sie in ihre erwachsene Freiheit führen, anstatt sie weiter am Institut zu halten.

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Hässliches Entlein, schöner Schwan

Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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