Zeitgefühl Wir leben länger und denken kürzer

Das moderne Leben wird immer schneller. Die Folgen: Maschinen rauben uns Aufmerksamkeit, wir haben Angst, jede Minute etwas zu verpassen, wir planen nicht mehr langfristig. Internet-Pionierin Esther Dyson fragt sich, wie man aus dieser Tretmühle herauskommt.


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Wir leben länger und denken kürzer.

Es geht immer um Zeit.

Frankfurter Börse: Jeder weiß um die großen Probleme, bleibt aber ganz dem Hier und Jetzt verhaftet
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Frankfurter Börse: Jeder weiß um die großen Probleme, bleibt aber ganz dem Hier und Jetzt verhaftet

Das moderne Leben hat unser Zeitgefühl auf grundlegende und paradoxe Weise verändert, so dass wir kürzer zu denken scheinen, obwohl wir länger leben. Liegt es daran, dass wir mehr in jede Stunde packen oder dass die anderen mehr in jede Stunde zu packen scheinen? Aus einer Vielzahl von Gründen geht alles viel schneller und passiert mehr. Alles verändert sich ständig.

Früher automatisierten Maschinen die Arbeit, so dass wir mehr Zeit für andere Sachen hatten, heute jedoch automatisieren Maschinen die Produktion von Aufmerksamkeit beanspruchender Information, was uns Zeit raubt. Sendet beispielsweise jemand eine E-Mail an zehn Adressen, so nimmt sie (theoretisch) die Aufmerksamkeit von zehn Personen in Anspruch, was noch ein harmloses Beispiel ist.

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Seit die Belastungen des Alltags verschwunden sind – der Zeitaufwand für Isaac Newton, mit der Kutsche von London nach Cambridge zu fahren, die langen Wege zur Arbeit (ohne iPod), die lesefeindliche Finsternis –, kommt uns jede nicht produktiv genutzte Minute als verpasste Gelegenheit vor.

Und schließlich können wir mehr, in immer kleineren Zeiteinheiten messen. Von Flugmeilen bis zu Kalorien (Kohlenhydraten und Fettgrammen), von Freunden über StayFriends bis zu den Schritten auf einem Laufband, von Börsenkursen bis zu Millionen verzehrten Burgern, zählen wir Dinge nach Minuten und Sekunden. Leider überträgt sich das auch auf unser Denken und Planen: Unternehmen orientieren sich an kurzfristigen Erfolgen, Politiker an Wahlen, Schulen an Testergebnissen, die meisten von uns am Wetter, statt am Klima. Jeder weiß um die großen Probleme, bleibt aber ganz dem Hier und Jetzt verhaftet.

In seinem ganzen Ausmaß habe ich das Phänomen in den Vereinigten Staaten erstmals direkt nach dem 11. 9. 2001 bemerkt, als man keine Verabredungen mehr treffen und niemanden mehr für irgendetwas gewinnen konnte. Mich erinnerte das an Russland, wo ich mich seit 1989 häufig aufhielt. Dort hatten die Menschen es vermieden, längerfristig zu planen, weil gewöhnlich der Aufwand nicht lohnte. Jetzt plötzlich verhielten sich Amerikaner ganz ähnlich: Unternehmen investierten nicht mehr, Privatleute machten keine Berufs-, Heirats- oder Hausbaupläne mehr… alles kam zum Erliegen. Man hörte nur noch: "Ich will es mir überlegen" oder "Ich will es versuchen", aber nicht "Ich will".

Obwohl die akute Krise inzwischen längst überwunden ist, prägt nach wie vor ein Gefühl des Unwägbaren unser Denken. Am besten sich auf das laufende Quartal konzentrieren, denn wer weiß, welchen Job man nächstes Jahr hat. Am besten, jetzt bloß diese Prüfung bestehen, denn was ich heute lerne, wird in zehn Jahren ohnehin nicht mehr viel wert sein.

Wie können wir diesen Trend umkehren? Zwar ist dies ein gesellschaftliches Problem, dürfte aber auch ein geistiges ankündigen – eine Art mentale Diabetes. Die meisten von uns sind damit aufgewachsen, Bücher zu lesen (ab und zu jedenfalls) und mit nichtinteraktivem Spielzeug zu spielen, zu dem wir selbst Geschichten, Dialoge und Verhaltensweisen erfinden mussten. Heutige Kinder leben dagegen in einem mit Offerten überfluteten, zeitlich verdichteten Umfeld, das ihre Phantasie oft eher zu ersticken als anzuregen scheint.

Die Überfütterung mit vorgefertigten Informationen (Video, Audio, Fotos, Flackerbildschirme, sprechende Puppen, animierte Kampfspiele) ähnelt derjenigen mit zuckerreichen Fertiggerichten und könnte dem geistigen Stoffwechsel der Kinder – das heißt ihrer Fähigkeit, Informationen selbst zu verarbeiten – ernsthaft schaden. Werden sie in der Lage sein, Ursache und Wirkung zu unterscheiden, einem roten Faden zu folgen, wissenschaftlich zu denken, ein ganzes Buch zu lesen und nicht nur kleine Essays? Ich kenne die Antworten nicht, aber langfristig lohnt es, über diese Fragen nachzudenken.

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