Debatte über Sommerzeit Kann man die Zeitumstellung einfach so abschaffen?

Zweimal im Jahr an der Uhr drehen - das nervt viele Bürger. Drohen Softwarepannen, wenn man sich von der Zeitumstellung verabschiedet?

Wecker im Laub
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Wecker im Laub

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Das Ergebnis der EU-Umfrage ist offenbar eindeutig: Mehr als 80 Prozent der Teilnehmer sollen sich ein Ende des Uhrenumstellens wünschen. Ob die Befragten dabei lieber die Sommerzeit abschaffen wollen oder das ganze Jahr über Sommerzeit sein soll, ist nicht klar. Die EU-Kommission hat sich noch nicht zu den bislang unbestätigten Ergebnissen geäußert.

So oder so - der Druck auf Brüssel wächst, in Sachen Abschaffung der Zeitumstellung aktiv zu werden. Aber wie schnell könnte ein solcher Schritt umgesetzt werden? Drohen Softwareprobleme, weil die die Wechsel zur Sommerzeit und zurück zur Normalzeit in Systemen einprogrammiert sind?

Zumindest in den vergangenen Jahren hatte es immer mal wieder Pannen und Systemausfälle gegeben, die mit Zeitumstellungen oder Datumswechseln zu tun hatten. Am bekanntesten dabei ist wohl der Millennium-Bug.

Zum Jahreswechsel von 1999 zu 2000 wurde vor weitreichenden Computerausfällen gewarnt, weil ältere Software Jahreszahlen ursprünglich nur zweistellig speicherte. Glücklicherweise traten die apokalyptischen Szenarien nicht ein, der Wechsel ins Jahr 2000 verlief weitgehend reibungslos.

Buchungssystem ausgefallen

Einige Probleme verursachte im Jahr 2012 aber eine Schaltsekunde. Sie wird alle paar Jahre an einem Tag im Jahr eingefügt, weil sich die Erde wegen der Gezeiten immer langsamer dreht. Am 1. Juli 2012 wurde die Zeit um 1:59:59 Uhr MESZ für eine Sekunde angehalten.

So etwas kann Software, die Zeitstempel auswertet, durcheinanderbringen. 2012 gab es bei diversen größeren Websites dann auch Störungen, etwa bei Reddit, Foursquare und LinkedIn. Auch das Buchungssystem der Fluglinie Qantas fiel zeitweise aus.

Weil Schaltsekunden sehr unregelmäßig alle paar Jahre eingefügt werden - mit einem Vorlauf von nur wenigen Monaten -, fordern manche auch ihre gänzliche Abschaffung. Bei einigen IT-Systemen umschiffen Programmierer das Problem der eingefügten Sekunde, indem sie die Computeruhr über einen gewissen Zeitraum minimal verlangsamen. Eine Sekunde ist dann minimal länger.

Solch raffinierte Eingriffe wären bei einer Abschaffung der Zeitumstellung kaum nötig. Experten sehen Probleme am ehesten dann, wenn Software schlecht programmiert ist und beispielsweise die Daten der Umstellung von Winter- auf Sommerzeit explizit im Programmcode stehen. Bei moderner Software sollte so etwas jedoch kaum der Fall sein - zumal Programme Zeitinformationen meist über das Betriebssystem, etwa Windows, zur Verfügung gestellt bekommen.

Umstellung problemlos

Große Unternehmen fürchten daher derzeit kaum Probleme, falls es den Wechsel von Sommerzeit und Winterzeit eines Tages nicht mehr gibt. "Die Deutsche Bahn kann mit beiden Systemen gut leben", sagte eine Unternehmenssprecherin. "Die Zeitumstellung ist für uns zur Routine geworden. Sollte sie entfallen, würden die Systeme automatisch angepasst."

Bei der DB AG müssen bislang zweimal pro Jahr Tausende Uhren umgestellt werden. Bei den 12.000 Bahnhofsuhren geschieht dies nach Unternehmensangaben automatisch und problemlos.

Auch bei der Lufthansa sieht man die Diskussion über eine Abschaffung der Sommerzeit gelassen. "Traditionell wechseln wir ja sowieso zum Zeitpunkt der jeweiligen Zeitumstellung unseren Flugplan - also Ende März und Ende Oktober", sagte Unternehmenssprecher Thomas Jachnow. Die Systeme müssten auch zwischendurch immer wieder an die Situation in den jeweiligen Ländern angepasst werden. Uhrzeitwechsel gebe es in vielen Ländern der Welt, und auch nicht überall am selben Tag.

Verzerrtes Bild?

Im Fall einer Abschaffung der Sommerzeit in der EU geht die Lufthansa auch davon aus, dass es einen gewissen Vorlauf geben wird. "Mit diesem wird es uns dann leichtfallen, die Systeme individuell anzupassen", erklärte Jachnow. Das bedeute zwar einen gewissen einmaligen Aufwand, dieser werde aber "sehr überschaubar" sein. "Da in den Folgejahren keine Umstellung erforderlich sein wird, würde sich der Aufwand sogar reduzieren - auf die Jahre gerechnet."

Die EU-Kommission will die vollständigen Ergebnisse der Onlineumfrage zur Zeitumstellung demnächst veröffentlichen, auf ein genaues Datum wollte sie sich allerdings nicht festlegen. "Der Bericht wird eher früher als später herauskommen", sagte Kommissionssprecher Margaritis Schinas.

Die Onlineumfrage war im Auftrag des Europaparlaments durchgeführt worden. Die Kommission betonte aber, dass es sich dabei um kein Referendum handle. Die Umfrage sei nicht das einzige Instrument, mit dem die Behörde über ihr weiteres Vorgehen entscheiden werde. Die Befragung liefere lediglich zusätzlichen Input.

Man darf auch bezweifeln, ob die nun durchgesickerten Ergebnisse der Befragung überhaupt repräsentativ sind. An ihr hatten 4,6 Millionen Menschen teilgenommen, drei Millionen kamen aus Deutschland. 80 Prozent der Teilnehmer hatten sich gegen die Zeitumstellung ausgesprochen. Dabei könnte auch ein verzerrtes Bild entstanden sein, weil womöglich vor allem Gegner der Umstellung an der Umfrage teilgenommen haben. Kritik gab es auch, weil die Abstimmungsseite zwischenzeitlich nicht zu erreichen war.

Damit die Zeitumstellung abgeschafft werden kann, müssten die Regierungen der EU-Staaten gemeinsam mit dem EU-Parlament einen entsprechenden Beschluss fassen. Womöglich droht dann sogar ein Uhrzeit-Wirrwarr in der EU, wenn benachbarte Länder unterschiedliche Entscheidungen treffen, ob bei ihnen künftig immer die Sommerzeit oder immer die Winterzeit gilt.

Korrektur: Im Text hieß es ursprünglich, das 21. Jahrhundert habe am 1. Januar 2000 begonnen. Es begann jedoch ein Jahr später.

insgesamt 105 Beiträge
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Seite 1
kritik-fix 29.08.2018
1. ... 1998 ... 1999 ... ... ... 2000, wir haben es erlebt
Ein neues Thema für die Apokalyptiker. Aber waren wir nicht alle überrascht, als am Morgen des 1. Januar 2000 die Sonne wieder aufging und wir frohen Mutes, teils verkatert, aufwachten?
stevie25 29.08.2018
2. Mit der Europawahl abstimmen lassen
Da braucht man nur einen zusätzlichen Zettel!
sikasuu 29.08.2018
3. Drohen Softwarepannen? Ein Patch & gut ist.
Wir können ohne Probleme mit der "astronomischen (15° = 1 Std) Zeiteinteilung leben. Wenn es da Probleme mit Tageszeit & Helligkeit geben sollte ist es nur eine "Vereinbarung" in dem betroffenen speziellen Bereich um die abzufangen. . Warum muss man das an der UHR drehen. MEZ/MESZ ist doch auch nur so was, das aber europaweit. . Die Begründungen FÜR die Wiedereinführung in den 80gern "Energieeinsparung" ist doch schon lange widerlegt. . Selbst die gleiche Zeitzone von Warschau bis Gibraltar ist schon fragwürdig. Andere Staaten können auch mit mehreren Zeitzonen leben ohne das sie daran kollabieren :-) Europa tut das auch, OEZ, MEZ, GMT bringt auch niemand ins schwimmen. . Also was soll dieses "Ritual" 2x im Jahr?
w.vollmer 29.08.2018
4. Was für eine Frage
Warum nicht? War doch mit der Einführung auch ganz einfach.
Kimmel 29.08.2018
5. Wo liegt das Problem bei der Umstellung?
Im Sommer hat man abends mehr Zeit, im Winter ist es morgens früher hell, was bei den ohnehin schwierigen Verkehrsbedingungen in der morgentlichen Rush-Hour auch nicht von Nachteil ist. Ok, dann entscheidet mal was ihr lieber habt. Im Sommer eine Stunde länger hell oder dass die Kinder im Winter im Hellen zur Schule gehen können. Beides geht nicht ohne Umstellung. Und wenn es zu einem Zeitwirrwar kommt in der EU bin ich mal gespannt, was Leute die im Ausland arbeiten davon halten, wenn an Wohn und Arbeitsstätte unterschiedliche Zeitzonen herrschen. Mal von der Logistik in Transport, Reiseverkehr und grenzübergreifender Kommunikation ganz zu schweigen, da wird die Industrie noch einiges drüber zu sagen haben.
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