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Zentralasien: Goldgier bedroht die wilde Welt der Trampeltiere

Von Joachim Hoelzgen

Sie sind die Urviecher unter den Kamelen. Als Nutztiere beliebt, leben in Freiheit jedoch nur noch wenige Trampeltiere - und jetzt bekommen diese auch noch die Folgen der Wirtschaftskrise zu spüren.

Kamele bestimmen das Leben des Forschungsreisenden John Hare aus England. Er hat mit ihnen die Wüste Sahara durchquert auf der Karawanenroute vom Tschadsee nach Tripolis. Und er hat sieben Expeditionen in die Wüsten Zentralasiens unternommen, in marsähnliche Gegenden aus Sand, Trockentälern, Geröllfeldern und Wanderdünen.

Dort, in der Welt der alten Seidenstraße, befindet sich der Lebensraum von eher ungewöhnlich aussehenden Kamelen mit buschigem Fell. Es sind die sogenannten Baktrischen Kamele (Camelus bactrianus), die heute mit mongolischen Nomaden, Uiguren und chinesischen Kasachen dahin ziehen. Der Name der Tiere stammt von einem antiken Staat am Rand des Hindukusch, durch den Alexander der Große auf dem Weg nach Indien marschiert war.

Verglichen mit den einhöckrigen Dromedaren etwa der Saharawüste wirken die gut drei Meter großen Baktrischen Kamele wie Mammuts der Kamelwelt. Sie sind zäh und ausdauernd und dank großflächiger Fußsohlen gegen das Versacken im Wüstensand gewappnet. Wegen dieser Eigenschaft und aufgrund ihres energischen Passgangs lautet ihr Name auch Trampeltier.

Die zweihöckrigen Geschöpfe können salziges Wasser trinken - eine Besonderheit, die ihnen das Überleben selbst in Salzwüsten gestattet. Mit einem Zug können sie gut hundert Liter des brackigen Wassers hinunterspülen.

Kamele überleben selbst radioaktiven Staub

John Hare aber interessiert sich für einen Vetter der Baktrischen Kamele. Er spürt wild lebenden Tieren dieser Gattung nach, die in kleinen Gruppen in der großen Wüste Gobi und in der Sand- und Salzwüste Lop Nor leben, die bis 1996 das Atomversuchsgelände Chinas war.

Das spricht schon einmal für die Robustheit der Wildkamele, den einzigen, die es in den Wüsten der Welt gibt. "Während China seine Atomversuche vornahm, wanderten sie durch Wolken von radioaktivem Staub und überlebten sogar das", erklärt Hare. Ihn beeindruckt, dass die Tiere sogar Wasser trinken können, das mehr Salz enthält als Meerwasser. "Und dann trotten sie bis zu 30 Tage dahin, ohne einmal saufen zu müssen", hat der Experte beobachtet.

Dabei ist es schwierig, Wildkamelen zu folgen - so selten sind sie. Erst im Januar hat die chinesische Nachrichten-Webseite Tianshannet gemeldet, dass in den Wüsten der Region Xinjiang im Westen Chinas nur noch 500 Exemplare leben - und 400 im mongolischen Teil der Wüste Gobi. Demnächst, mit dem Beginn des Frühjahrs, werden sie ihr Fell am Hals und den Vorderbeinen abstoßen und wegen der Fellreste für einige Zeit zerlumpt und abgerissen aussehen wie die Clochards unter den Kamelen.

Wie die Wirtschaftskrise die Kamele trifft

Dabei sind die wild lebenden Tiere etwas zierlicher als die domestizierten Zweihöcker-Kamele. Sie sind ockerfarben und haben kürzere Ohren, aber längere Beine. Mit ihren Augen, die wiederum ein wenig größer sind als die der domestizierten Kamele, können sie kleinste Bewegungen wahrnehmen und fliehen - zum Ärger Hares, dem es nicht oft gelingt, seine Kamera rechtzeitig in Position zu bringen. Zu den wenigen natürlichen Feinden der Wildkamele zählen Wölfe, die es vor allem auf die Kamelkälber abgesehen haben.

Und nun wird auch noch die globale Wirtschaftskrise den Kamelen zur Gefahr. Denn in den Wüsten Zentralasiens gibt es Gold, und mit der Aussicht auf Inflation und den Anstieg des Goldpreises auf dem Weltmarkt wächst vermutlich auch die Zahl von illegalen Goldsuchern, die brutal Jagd auf Wildkamele machen - den größten Fleischlieferanten in den Weiten der Ödflächen und Bergketten.

Es mag bizarr klingen, aber das Treiben von Spekulanten und Anlegern im Westen beeinflusst durchaus das Schicksal der raren Kamele, die auf der Roten Liste gefährdeter Tierarten mit dem Vermerk "CR" für "critically endangered" registriert sind, der höchsten Alarmstufe vor dem Aussterben einer Spezies. "Der Goldboom bedroht die Wildkamele absolut, mehr noch als die Atomversuche", meint Hare, der schon bei seiner letzten Expedition an den Südrand der Lop Nor bittere Erfahrungen mit Goldschürfern gemacht hat.

Das war im Herbst 2005, als der Forscher von Ürümqi, der Hauptstadt Xinjiangs, zu einem großen Dünenwall namens Kumtag aufgebrochen war. Die Dünen bilden ein Bollwerk vor dem A'erjin-Gebirge, hinter dem das tibetische Plateau beginnt und das auf Deutsch - ironischerweise treffend zu der aktuellen Lage - "Goldgebirge" heißt.

Paradies wurde zum Tal des Todes

Bei einem früheren Besuch der Dünen war Hare auf einen Sandrücken gestoßen, der sich durch eine Art Niemandsland bis zu den Goldbergen erstreckt. Und ausgerechnet hier entdeckte der Engländer die einzige Süßwasserquelle der Lop-Nor-Wüste - ein Garten Eden, den Kamelbullen mit ihrem Harem von weiblichen Tieren als Tränke nutzten, ebenso wie Riesenwildschafe und tibetische Bären.

Doch als Hare später zu den schimmernden Dünen und zu der Quelle namens Kum Su zurückkehrte, war schon beim Anmarsch keines der Wildkamele mehr zu sehen. Um die Wasserstelle stieg eine todesschwangere Atmosphäre auf. Hare fand als böse Vorboten den Schädel eines Wildkamels und den zerfetzten Körper eines Widders.

Goldgräber waren über Kum Su hergefallen. Sie hatten ein Camp mit einer Lehmhütte errichtet samt Schlafquartier und Kochstelle. Und sie hatten Dutzende Metallkanister zurückgelassen, die hochgiftiges Zyanid enthielten - eine Blausäureverbindung, mit der sie Gold aus dem umgebenden Gestein auslaugten, um es an der Quelle zu waschen.

Alles in allem zählte John Hare 74 Zyanid-Kanister, von denen sieben ungeöffnet waren. Sein Paradies, das er bei der ersten Kumtag-Expedition antraf, hatte sich in ein Tal des Todes verwandelt. Und offenbar hatten die Goldsucher alle Wildkamele in der Gegend getötet, um an frisches Fleisch zu kommen. Bei seiner ersten Expedition dorthin war Hare noch Dutzenden der Tiere begegnet.

Buch machte Peking auf Vergiftung aufmerksam

All das hat Hare in einem gerade beim Londoner I. B. Taurus Verlag erschienenen Buch über Wildkamele beschrieben, das einen klassisch schönen Abenteuertitel trägt: "Mysteries of the Gobi - Searching for Wild Camels and Lost Cities in the Heart of Asia".

Und siehe da: Selbst die Regierung im fernen Peking ist beeindruckt. Sie hat durch Hare von der Verseuchung im Kumtag erfahren und drei Expeditionen dorthin entsandt, um die Wasserstelle zu entgiften und zu säubern. Die Umweltverwaltung Sepa hat sogar ein Kamelschutzgebiet in der Wüste eingerichtet - das sogenannte Xinjiang Lop Nor Wild Camel Nature Reserve. Ob das Reservat ein Vordringen der Goldsucher verhindern kann, ist allerdings fraglich. Andernorts haben die Glücksritter an Wasserstellen sogar Landminen verlegt, um Wildkamele, die auf sie treten, zu töten.

Hare ist dennoch kein Weg zu weit, um die Kamele zu retten. Er will jetzt in der Taklamakan-Wüste nach ihnen suchen. Auch dort, im äußersten Westen Chinas, zieht sich der Raum für die Vagabunden mit den spitzen Höckern gnadenlos zusammen. Die Karawanenrouten der Seidenstraße sind asphaltiert worden, und eine Fernstraße führt sogar ins Zentrum der Wüste, die so groß ist wie Frankreich.

In der Taklamakan hat man Öl und Erdgas entdeckt. Und es ist zu befürchten, dass Pekings Milliardenprogramm gegen die Wirtschaftskrise noch mehr Straßen, Pipelines und Stromnetze in die Welt der Wildkamele bringt.

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Trampeltiere: Die Clochards unter den Kamelen


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