Zwei-Grad-Ziel: Kritische Klimagrenze ist nur noch schwer zu erreichen

Kaum mehr Spielraum zum Gegensteuern: Das von weltweit rund hundert Staaten angestrebte Zwei-Grad-Klimaziel lässt sich nach neuen Erkenntnissen nur sehr schwer erreichen. Rigorose Emissionsbeschränkungen sind die einzige Möglichkeit, warnen Klimaforscher.

London - Noch gewinnt die Menschheit einen Großteil ihrer Energie durch das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas - mit den bekannt negativen Folgen für das Weltklima. Neue Studien legen nun nahe, wie schnell das Ende des fossilen Zeitalters kommen muss, wenn die globale Erderwärmung wie gewünscht auf zwei Grad Celsius begrenzt werden soll. So könnten der Welt nach Meinung vieler Forscher zumindest die schlimmsten Folgen des Klimawandels erspart bleiben.

Braunkohlekraftwerk Frimmersdorf (Ende Februar 2008): "Nur mit einer schnellen Abkehr von den fossilen Brennstoffen haben wir gute Chancen, eine deutliche Erwärmung zu vermeiden"
DPA

Braunkohlekraftwerk Frimmersdorf (Ende Februar 2008): "Nur mit einer schnellen Abkehr von den fossilen Brennstoffen haben wir gute Chancen, eine deutliche Erwärmung zu vermeiden"

109 der insgesamt 192 Unterzeichnerstaaten der Uno-Klimarahmenkonvention haben sich zu dem Ziel bekannt, darunter die EU-Länder. Forscherteams um Malte Meinshausen vom Potsdam-Institut für Klimaforschung (PIK) und Myles Allen von der Oxford University berichten nun im Fachmagazin "Nature", welch große Anstrengungen nötig sind, um die politischen Willenserklärungen tatsächlich mit Leben zu füllen.

Die Forscher um Meinshausen errechneten in ihrer Studie, wie viel Kohlendioxid die Menschheit bis 2050 maximal noch in die Atmosphäre pumpen kann, um den kritischen Zwei-Grad-Wert nicht zu überschreiten. Ausgehend vom Jahr 2000 kamen die Wissenschaftler auf einen Wert von einer Billion Tonnen Kohlendioxid. Allein in den vergangenen neun Jahren hat die Menschheit jedoch bereits ein Drittel dieser Menge emittiert. "Wenn wir fossile Energien verbrennen wie bisher, werden wir das Kohlenstoff-Budget in nur 20 Jahren ausgeschöpft haben", erklärt Meinshausen.

Oder anders ausgedrückt: Wenn die Erwärmung auf maximal zwei Grad begrenzt werden soll, muss der Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 im Vergleich zu 1990 um mehr als 50 Prozent gesenkt werden. "Nur mit einer schnellen Abkehr von den fossilen Brennstoffen haben wir gute Chancen, eine deutliche Erwärmung zu vermeiden. Je länger wir warten, umso wahrscheinlicher wird uns unser Weg auf gefährliches Terrain führen", sagt der Forscher

"Die Natur kümmert sich nicht um das Datum"

Ähnlich sehen das auch die britischen Forscherkollegen: Das Allen-Team hat hochgerechnet, wie viel Kohlendioxid die Menschheit seit Beginn der Industrialisierung Mitte des 18. Jahrhunderts bereits in die Atmosphäre entlassen hat - und welche Auswirkungen dies bis zur Mitte des Jahrtausends haben könnte. Die Forscher kamen auf eine maximal mögliche Gesamtmenge von 3,7 Billionen Tonnen. Die Hälfte dieser Menge hat der Mensch nach ihren Berechnungen in den vergangenen zweieinhalb Jahrhunderten bereits ausgeschöpft.

Auch den Berechnungen von Allen und seinen Kollegen zufolge bleibt der Menschheit also nicht mehr viel Spielraum zum Gegensteuern. Bei den bisherigen Diskussionen um den Treibhauseffekt sei dem aktuellen Kohlendioxidausstoß viel zu viel Bedeutung beigemessen worden, erklären die Forscher in einem gemeinsamen Kommentar in "Nature". Es müsse vielmehr auch der über viele Jahrzehnte aufsummierte Kohlendioxidausstoß betrachtet werden.

"Die Natur kümmert sich nicht um das Datum", sagt Allen. "Um einen gefährlichen Klimawandel zu vermeiden, müssen wir den Kohlendioxidausstoß insgesamt reduzieren, nicht nur die Emissionen in einem bestimmten Jahr." Forscher Meinshausen sagte: "Je länger wir warten, umso wahrscheinlicher wird uns unser Weg auf gefährliches Terrain führen. Globale Emissionen müssen 2015 ihren Höchststand erreichen und gegen Ende des Jahrhunderts gegen null fallen."

chs/ddp/dpa/AP

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