SPIEGEL ONLINE: Die Route vor der russischen Küste ist gut 5400 Kilometer kürzer als die traditionelle Strecke durch den Suezkanal. Wird die Abkürzung durch die Arktis jetzt zum Standard für die internationale Schifffahrt?
Stolberg: Zumindest für die Schwerguttransporte wird die Strecke eine große Rolle spielen. In einem Zeitraum von sechs bis acht Wochen im Hochsommer ist die Route für uns höchst interessant. Unsere Schiffe sind zehn Tage weniger pro Strecke unterwegs, außerdem können wir Treibstoff sparen. Wir haben pro Schiff etwa 350.000 Dollar weniger Kosten.
SPIEGEL ONLINE: Die Russen lassen sich die Nutzung der Nordostpassage aber teuer bezahlen. Was mussten Sie für Ihre beiden Schiffe an Zusatzgebühren einplanen?
Stolberg: Unser Kunde General Electric (GE) hat den größten Teil der Extrakosten gezahlt. Wir haben vorher vertraglich geregelt, dass Wartezeiten, Eisbrecherkosten und sonstige Gebühren übernommen werden. Dadurch musste Beluga Shipping selbst nur 40.000 Dollar zahlen. Im Vergleich zu den Beträgen, die General Electric an die russischen Behörden oder aber an uns noch entrichten muss, da wir die Wartezeiten GE entsprechend in Rechnung gestellt haben, macht das sicher nur einen sehr kleinen Teil des Gesamtkostenvolumens aus.
SPIEGEL ONLINE: Angesichts dieser Kosten bleibt die Frage, ob die Reise für Ihren Kunden General Electric nicht nur eine teuer erkaufte PR-Aktion war.
Stolberg: Die Nutzung der Nordostpassage ist ein Pionierprojekt und eine Teamleistung, auf die wir stolz sind. Das Medieninteresse an dieser legendären Route ist berechtigt groß und der PR-Effekt sicher auch für General Electric relevant. Für uns hat sich die Reise wirtschaftlich auf jeden Fall gelohnt. Wir haben bewiesen, dass wir mit den Schiffen Bauteile, die jeweils 200 bis 300 Tonnen schwer sind, transportieren können. Über den Landweg hätte man die Ladung gar nicht an ihren Zielort bringen können.
SPIEGEL ONLINE: Für die Umwelt ist der Schiffsverkehr im hohen Norden nicht ohne Risiken. Zwar wird global gesehen Treibstoff eingespart, doch die Schiffe bringen zum Beispiel große Mengen Ruß in die bisher reine Luft der Arktis.
Stolberg: Wir setzen im Moment schwefelreduzierten Treibstoff ein. Doch das wird für die Zukunft nicht ausreichen. Deswegen befassen sich derzeit mehrere Wissenschaftler im Elsflether Zentrum für Maritime Forschung mit dieser Fragestellung.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Schiffe sind eisverstärkt. Warum haben sie sich trotzdem auf der Nordostpassage von russischen Atomeisbrechern begleiten lassen?
Stolberg: Wir hätten das auch alleine geschafft. Aber wenn man Eisbrecher als Begleitung hat, kann man das Risiko entscheidend reduzieren. Zwar musste kein Eis gebrochen werden, aber der Eisbrecher war immer in der Nähe. Das hatten wir mit unserem Kunden auch so vereinbart, aus Sicherheitsgründen.
SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr wollten Ihre Schiffe schon einmal die Passage nutzen, scheiterten dann aber an der russischen Bürokratie. Wie lief die Sache diesmal?
Stolberg: Um einiges besser. Wir haben Anfang des Jahres die Pläne in Moskau besprochen. Die Kommunikation war im Prinzip gut. Vor der Abreise aus Wladiwostok gab es dann aber immer wieder Probleme mit den Behörden vor Ort. Die mussten sich erst mit der Idee anfreunden, dass Schiffe unter ausländischer Flagge durch den Norden Russlands fahren. Die Kommunikation zwischen Wladiwostok und Moskau hat wohl nicht so gut funktioniert. Im Laufe der Zeit sollte das effizienter gestaltet werden.
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen die Reise im kommenden Sommer also noch einmal machen?
Stolberg: Definitiv werden wir im kommenden Jahr wieder durch die Nordostpassage fahren, dann mit deutlich größeren Schiffen. Die können dann Bauteile von jeweils 1400 Tonnen aufnehmen. Dann können wir auf der Route durch die Arktis noch mehr Geld sparen, pro Schiff etwa 600.000 Dollar. Wir werden aber überlegen, in Zukunft einen russischen Partner mit an Bord zu nehmen. Das dürfte auch den bürokratischen Aufwand etwas reduzieren.
Das Interview führte Christoph Seidler.
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