Von Christian Schwägerl
Berlin - Steigende Preise, Stromausfälle, Abhängigkeit vom Ausland - so sieht angeblich die "Stromlücke" aus, die manche Fachleute für die kommenden Jahre prognostizieren. Wenn der Atomausstieg vollzogen werde und gleichzeitig zu wenig neue Kohlekraftwerke ans Netz gingen, drohe Deutschland der elektrische Notstand, heißt es in Studien der Energiewirtschaft. Auch die Deutsche Energie-Agentur (Dena) hat die Sorge genährt, dass allein der Ausbau der erneuerbaren Energiequellen nicht ausreicht, um den Stromhunger der Deutschen zu stillen. Mehr als 10.000 Megawatt gesicherter Leistung könnten fehlen - das entspricht ungefähr zehn Großkraftwerken.
Mit solchen Szenarien versucht das Umweltbundesamt (UBA) nun aufzuräumen. Die in Dessau angesiedelte Bundesbehörde, der seit wenigen Wochen der Ökonom und Umweltschützer Jochen Flasbarth als Präsident vorsteht, bezeichnet die Stromlücke in einer neuen Studie als "Phantom". Demnach treten Engpässe selbst dann nicht auf, wenn die deutschen Kernkraftwerke sukzessive vom Netz gehen und nur die gerade im Bau befindlichen Kohlekraftwerke noch fertig gestellt werden - aber keine neuen.
Der in diesen Debatten suggerierte Handlungsdruck sei "nicht gerechtfertigt", da die Versorgungssicherheit bis 2020 gewährleistet werden könne, heißt es in der Studie. Für Reaktionen auf einen möglichen Kraftwerksbedarf für die Zeit nach 2020 seien bis etwa zum Jahr 2015 keine Entscheidungen erforderlich, da die durchschnittliche Realisierungsdauer neuer fossile Kraftwerke rund drei bis sieben Jahre betrage.
Ökostrom und Energiesparen statt neuer Kohlekraftwerke
Die Botschaft der Studie ist deutlich: Die nächste Bundesregierung soll sich ganz auf Ökostrom, Effizienz und Energiesparen konzentrieren statt mühselige Konflikte mit Umweltschützern und Anwohnern um neue Kohlekraftwerke und sanierungsbedürftige Kernkraftwerke zu führen. Entscheidungen über den Neubau konventioneller Kraftwerke könnten "in einigen Jahren auf der Grundlage des dann zu erwartenden Kraftwerksbedarfs und vor allem des dann verfügbaren neuen Stands der Technik getroffen werden."
Doch warum kommen die Dena und das UBA zu so unterschiedlichen Einschätzungen? Wie immer bei Prognosen ist alles eine Frage der Annahmen. Die Dena geht davon aus, dass ältere Kohlekraftwerke möglichst schnell stillgelegt werden sollten. Sie ist skeptisch, dass die Deutschen binnen weniger Jahre ein Volk von hocheffizienten Energiesparern werden. Und sie steht dem Stromaustausch im EU-Verbundnetz skeptisch gegenüber.
Ausgerechnet die Umweltfachleute der Bundesregierung legen für ihre Studie zugrunde, dass ältere Kohlekraftwerke länger als gedacht in Betrieb bleiben. Dies sei klimapolitisch günstiger als der Neubau zusätzlicher Kohlekraftwerke, da Neuanlagen für 40 Jahre in Betrieb seien - mit einem CO2-Ausstoß, der nicht zu zukünftigen Emissions-Obergrenzen passe.
Das UBA setzt darauf, dass neue Technologien und ein Bewusstseinswandel in der Bevölkerung den Strombedarf sinken lassen. Zudem sehen die Experten Stromimporte nicht als Problem, sondern als Chance zu einem europaweiten Stromlastenausgleich an, wenn kurzfristig Spitzenlasten auftreten. Import soll dennoch keine Dauerlösung sein, sondern etwas für Ausnahmesituationen. Zu anderen Zeitpunkten würde Deutschland dann wieder Strom exportieren.
Ein riesiges Potential sehen die Dessauer UBA-Fachleute in einem intelligenteren Management des Stromverbrauchs. Wenn man durch neue Technik dafür sorge, dass Spitzenlasten niedriger ausfielen und Ökostrom gespeichert werden könne, löse sich die Stromlücke in Wohlgefallen auf, argumentieren sie.
Studie sowohl für Union als auch für SPD unbequem
Die UBA-Studie ist vor allem für Union und FDP unbequem, die im Falle eines Wahlsiegs die Laufzeit der deutschen Kernkraftwerke verlängern wollen. Die Regierungsexperten fordern dagegen, die Atomkraftnutzung "schnellstmöglich zu beenden".
Auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) dürfte das Papier nicht ins Konzept passen. Die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid aus Kohlekraftwerken, die Gabriel noch vor wenigen Monaten mit einem neuartigen Gesetz ermöglichen wollte, beurteilt das UBA negativ. Sie sei "bei näherer Betrachtung nicht nachhaltig". Auch sei die Sicherheit der Speicher nicht geklärt. Wenn überhaupt, sollten sie nicht für CO2 aus Kohlekraftwerken eingesetzt werden, sondern für die Emissionen aus der Zement- und Stahlindustrie. Diese sind nämlich im Gegensatz zu Emissionen für die Energieerzeugung technisch kaum noch zu verringern. Gabriel hatte die CO2-Speicherung als wichtige Option bezeichnet und sie gegen die Kritik von Umweltschutzverbänden verteidigt.
Die UBA-Strategen sehen ihre Studie als Denkanstoß für die neue Bundesregierung. Selbst konkrete Ziele für die Zeit nach 2020 werden vorgeschlagen: Schon 2030 solle der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung von heute 15 Prozent auf 50 Prozent gestiegen sein.
Zusätzliche Prozente könnten umweltfreundliche Erdgaskraftwerke mit Abwärmenutzung erbringen. 2030 soll laut UBA der Anteil konventioneller Grundlastkraftwerke, also der Atom- und Kohlestrom von heute, von 85 Prozent auf 35 Prozent gesunken sein. Rund zwei Drittel des Stroms würden dann aus erneuerbaren Quellen stammen oder zumindest hocheffizient produziert werden.
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Spannende Frage! Ggenläufige Tendenzen gibt es dennoch: - Elektroautos - Weitere Computerisierung - Weitere elektrische Helferlein mehr...
Ein wichtiger Gesichtpunkt, den Sie in die Diskussion einbringen und der bisher vernachlässigt wurde. Und dann gibt es noch das technologisch und finanziell machbare Einsparpotential von mindestens 30%. Nimmt man dann den [...] mehr...
Ich bezweifle mal, dass wir überhaupt mehr Energie benötigen werden. Irgendwann müssen da ja auch mal Demographiezahlen eine Rolle spielen. mehr...
Ich habe mal die betriebswirtschaftlichen Kosten für Kernkraft und PV zusammengesucht: Also vorweg - noch produziert ein AKW (abhängig von der Betrachtung) billiger Strom als eine PV-Anlage - die Details: *AKW*: _Reine [...] mehr...
Ja, hatte ich überlesen. mehr...
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