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06.10.2009
 

Vermeintliches Leichentuch Christi

Forscher fertigt zweites Turiner Grabtuch

Von Jens Lubbadeh

Turiner Grabtuch: Kopie und Original im Vergleich
Fotos
REUTERS

Es soll den Leichnam Jesu umhüllt haben, doch Kritiker sehen im Turiner Grabtuch nur eine mittelalterliche Fälschung. Jetzt hat ein italienischer Chemiker mit simplen Mitteln eine täuschend echte Kopie des rätselhaften Tuchs hergestellt - und hält es damit für entzaubert.

Eigentlich ist Luigi Garlaschelli Professor für Chemie im italienischen Pavia. Sein Fach ist die Herstellung von Fullerenen, jenen Molekülen aus Kohlenstoffatomen, die von der Struktur her wie Fußbälle aussehen. Nebenberuflich aber reizt Garlaschelli das Paranormale: Kornkreise, Poltergeister, Astrologie.

Mit einigen Gleichgesinnten von der Vereinigung CICAP, dem italienischen Komitee für die Beweisüberwachung paranormaler Phänomene, sucht er wissenschaftliche Begründungen für vermeintlich unerklärliche Erscheinungen. Jetzt hat sich Garlaschelli ein besonders rätselhaftestes Objekt vorgeknöpft: das Turiner Grabtuch. Es soll angeblich vor etwa 2000 Jahren den Leichnam des gekreuzigten Jesus Christus umhüllt haben.

Das 4,36 mal 1,10 Meter große Tuch wird daher von Gläubigen verehrt. Was ihm seinen Nimbus verleiht, ist der Abdruck eines 1,75 Meter großen, verletzten, bärtigen Mannes, der auf dem Tuch zu sehen ist. Für Gläubige sind es die Züge des Körpers Jesu, die sich in das Gewebe abgedrückt haben. Seit 1578 wird es im Dom der norditalienischen Stadt Turin aufbewahrt und lockt bei jeder Zurschaustellung zahlreiche Pilger an. Das letzte Mal war das im Jahr 2000 der Fall: Über eine Million Menschen kamen nach Turin, um das vermeintliche Leichentuch Christi mit eigenen Augen zu sehen.

Mit mittelalterlichen Methoden hergestellt

Garlaschelli hat mit seinem Team nun eine genaue Kopie des Turiner Grabtuchs hergestellt - in nur knapp sechs Tagen, wie er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE bestätigte. Für die Herstellung der Tuch-Kopie habe er ausschließlich Mittel und Methoden angewandt, die schon im Mittelalter bekannt waren. Garlaschelli sieht damit einen weiteren Beweis erbracht, dass das Leinentuch eine Fälschung ist.

Der Forscher benutzte einen Leinenstoff, der mit mittelalterlichen Methoden hergestellt worden war. Durch einfaches Waschen und Kochen mit Wasser ließ er ihn künstlich altern. Anschließend legte er das Tuch über einen seiner Studenten, der sich dafür freiwillig zur Verfügung gestellt hatte. Mit einer säurehaltigen, rötlichen Pigmentpaste, die ebenfalls schon im Mittelalter bekannt war, rieb er die Umrisse des Studenten ab und ließ das Pigment rund eine halbe Stunde einziehen. Zurück blieb das Abbild des Studenten auf dem Tuch. Anschließend versetzte er es noch mit Blutspuren, Brandlöchern und Wasserflecken. Die Bilder zeigen eine erstaunliche Ähnlichkeit zum echten Grabtuch (siehe Fotostrecke).

Seit dem Jahr 1900 beschäftigt das Tuch die Wissenschaft, die Forschung an ihm hat sogar schon einen eigenen Zweig begründet: die Sindonologie, abgeleitet vom altgriechischen Wort für Leichentuch (sindón). 1988 schien dann schon das Ende der neuen Disziplin gekommen: Mit umfangreichen Radiokarbon-Untersuchungen datierten drei Labors in der Schweiz, den USA und Großbritannien unabhängig voneinander das Alter des Tuchs auf das 13. oder 14. Jahrhundert. Damit könne es nicht das Grabtuch Christi sein, so das Fazit der Forscher. Passenderweise fällt auch die erste schriftliche Erwähnung des Tuchs genau in diese Zeit - und schon damals wurde die Echtheit des Tuchs in Zweifel gezogen.

Das Abbild birgt rätselhafte Details

Allerdings gab es auch Zweifel an der Radiokarbon-Studie: Kritiker bemängelten, dass in den Labors Proben verwendet worden waren, die von Flicken im Tuch stammten, mit denen im Mittelalter Brandflecken repariert worden seien. Die Datierung sei somit verfälscht und nicht repräsentativ für das gesamte Grabtuch. In einer israelischen Studie aus dem Jahr 1999 kamen Botaniker außerdem zu dem Schluss, dass die Pollen, die sich auf dem Tuch gefunden hatten, von Pflanzenarten des Nahen Ostens stammen mussten.

Rätselhaft blieb auch, wie das Abbild des Menschen auf dem Tuch entstanden war. Vor allem irritierte Forscher, dass es Details zeigte, die erst die moderne Forschung wiederentdeckt hatte. So ist auf dem Haupt des Mannes eine Dornenkrone und kein Dornenkranz zu sehen - entgegen allen anderen mittelalterlichen Jesus-Darstellungen, die ihn mit einem Dornenkranz zeigen. Und auch in den Abdrücken der Hände sind die Nägel durch die Handwurzeln geschlagen worden - und nicht durch die Handflächen. Tatsächlich hatten das die Römer bei Kreuzigungen so getan.

Zumindest die technische Machbarkeit einer mittelalterlichen Tuchfälschung sieht Garlaschelli durch seine Studie aber belegt: "Das Ergebnis zeigt eindeutig, dass dieses vermeintlich unglaubliche Objekt von menschlicher Hand hergestellt werden kann - mit billigen Materialien und einer ziemlich simplen Prozedur." Tatsächlich dauerte die Herstellung des Tuchs nur knapp eine Woche. Um allerdings die richtigen Konzentrationen an Pigment und Säure herauszufinden, hatte Garlaschelli im Vorfeld mehrere Jahre lang experimentieren müssen. Er plant nun, seine Arbeit bald in einem wissenschaftlichen Fachmagazin zu veröffentlichen - in einem 50-seitigen Aufsatz.

2010 soll das Grabtuch wieder ausgestellt werden

Reaktionen von der Kirche auf seine Arbeit erwartet Garlaschelli nicht: "Die Kirche äußert sich nicht zu der Echtheit des Tuchs." Finanziert wurde seine Arbeit von einer Gruppe italienischer Atheisten und Agnostiker. Einfluss auf die Ergebnisse habe dies nicht gehabt, beteuert Garlaschelli. Wenn die Kirche weitere Forschungen bezahlen wolle, würde er auch für sie arbeiten. Das aber sei nicht zu erwarten: "Die Kirche fördert diejenigen, die die Echtheit des Tuches unterstützen." Auch über eine Läuterung der Gläubigen macht er sich keinerlei Illusionen: "Diejenigen, die an das Tuch glauben, werden das auch weiterhin tun", sagte Garlaschelli der italienischen Zeitung "La Repubblica".

Fest steht, dass auch im nächsten Jahr wieder viele Menschen nach Turin pilgern werden - dann soll das Grabtuch erneut ausgestellt werden. Millionen werden durch zentimeterdickes Panzerglas in das rätselhafte Antlitz blicken, von dem sie glauben, es sei das von Jesus Christus. Dann aber wird sich Garlaschelli schon neuen Mysterien zugewandt haben: Er plant ein Buch über die vermeintlichen Wunder von Lourdes.

Mit Material von AP

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insgesamt 572 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
09.10.2009 von reuanmuc: .

Dann haben Sie aber ein sehr eingeschränktes und seltsames Verständnis von Kultur. Ich meinte auch die Essgewohnheiten, die Gewohnheiten der Kindererziehung und viele andere mehr. Kern ist, dass diese Gewohnheiten in einer [...] mehr...

09.10.2009 von Monika Chinwuba: --

"Die Kirche" ist nach heutigem Sprachverständnis etwas irre führend. Was die römisch-katholische Kirche betrifft, so bewahrt sie es als 'Schatz' auf und stellt das Tuch alle paar Jahre zur Anschauung aus. Jeder [...] mehr...

09.10.2009 von reuanmuc: .

Es ist umgekehrt: nur weil die Äpfel nicht plötzlich verschwinden, oder neue aus dem Nichts auftauchen, macht das Zählen überhaupt Sinn!! mehr...

09.10.2009 von ntholeboha: Sicher nicht!

So einfach sollte man es sich nicht machen. Es ist unbestritten, dass durchaus viele ueberaus intelligente Menschen dennoch glaeubig sind. Das zieht meiner Meinung nach deren Intelligenz keinesfalls in Zweifel. Es spricht eher [...] mehr...

09.10.2009 von Monika Chinwuba: --

Da gibt's keine abgeschwächte Form. Heute - obgleich wir in größeren Gesellschaften leben - ist der "kulturelle Gebrauch" hierzulande eindeutig die Verfassung, die Menschenrechte und die Rechtsprechung. mehr...

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