Von Markus Becker
Das ominöse Dokument kursiert bereits seit langem, immer wieder landen Details in Zeitungen - doch die genauen Quellen der Informationen sind weitgehend unbekannt. "Mögliche Militärische Dimensionen des iranischen Atomprogramms" lautet der Titel des Dossiers, das von Experten der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA) angefertigt wurde und unter anderem auf Informationen mehrerer Geheimdienste basieren soll. Jüngst hatte die "New York Times" Anfang Oktober unter Berufung auf das Papier berichtet, Iran habe "genügend Informationen" für den Bau einer Atombombe.
Jetzt will die britische Zeitung "The Guardian" ein weiteres brisantes Detail aus dem Report erfahren haben: Iran habe möglicherweise an einer Technologie für fortschrittliche Atomsprengköpfe experimentiert. Die IAEA habe Teheran aufgefordert, entsprechende Hinweise aufzuklären.
Im Einzelnen geht es um die Technik der sogenannten "two-point implosion", die bereits in den fünfziger Jahren in den USA und der Sowjetunion entwickelt wurde. Von dieser Methode gibt es zwei Varianten: In der einfacheren Version ist Spaltmaterial in Form eines Rugbyballs von konventionellem Sprengstoff umgeben. Er wird von zwei Seiten zugleich gezündet und verdichtet das Spaltmaterial so stark, dass die nukleare Kettenreaktion einsetzt. Bei der zweiten Variante ist eine Hohlkugel aus Spaltmaterial von einer rugbyballförmigen Sprengladung umgeben, die an beiden Enden zugleich gezündet wird. Dies ist komplizierter, aber auch wirkungsvoller.
Kleine und kompakte Sprengköpfe
Die "two-point implosion" erlaubt wesentlich kleinere und kompaktere Sprengköpfe als etwa das Kanonen-Prinzip der Hiroshima-Bombe, bei dem zwei Uranladungen in einem Rohr aufeinander geschossen werden. "Falls Iran es mit der Entwicklung von Atomraketen ernst meint, wäre die Entwicklung eines solchen Sprengkopfs plausibel", sagte Wolfgang Liebert, Leiter der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit (Ianus) an der TU Darmstadt. "Ein Zündmechanismus mit einem fortgeschrittenen Implosionsprinzip wäre in diesem Fall genau das Richtige."
Denn auf diese Weise könnte man eine Atomwaffe relativ klein und kompakt konstruieren - so dass sie am Ende auch an Bord einer Rakete ins Ziel gebracht werden könnte. Voraussetzung all dessen sei aber, dass die Informationen aus dem IAEA-Dossier zutreffen. "Es ist immer möglich, dass es sich dabei um falsche Angaben handelt", sagt Liebert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Dennoch scheint es mehrere Punkte zu geben, die die IAEA überaus nervös machen. Sie hakt immer wieder nach, aber Iran verweigert in vielen fraglichen Punkten plausible Erklärungen."
So hat Teheran unter anderem eingeräumt, Tests mit Technologien durchgeführt zu haben, die es erlauben, Explosionen von Sprengladungen auf die Mikrosekunde genau zu synchronisieren. Für die Entwicklung von Atomwaffen ist das von zentraler Bedeutung. In der Vergangenheit hatte die IAEA Iran auch aufgefordert, Hinweise aufzuklären, wonach ein russischer Experte bei der Entwicklung dieser Technik geholfen haben soll.
Neue Enthüllungen "atemberaubend"
Die Möglichkeit, dass Iran an fortschrittlichen Atomsprengköpfen mit der "two-point implosion" arbeite, sei "atemberaubend", sagte ein nicht namentlich genannter europäischer Regierungsberater dem "Guardian". James Acton, Atomwaffenexperte des Carnegie Endowment for International Peace, nannte es "bemerkenswert, dass Iran bereits den vierten oder fünften Schritt gehen will, bevor es den ersten Schritt abgeschlossen hat".
Liebert ist an dieser Stelle anderer Meinung: Er fände es keineswegs völlig überraschend, wenn die Regierung in Teheran fortschrittliche Sprengköpfe erforschen ließe. "Sollten die Iraner tatsächlich, wie häufig behauptet, seit Jahren ein nukleares Waffenprogramm verfolgen, wäre ihnen entsprechende Fortschritte möglicherweise zuzutrauen", sagte der Physiker. Da die Technik der "two-point implosion" aus den fünfziger Jahren stamme, könnte Iran theoretisch schon vor Jahren damit angefangen haben, sie zu kopieren.
Erst vor kurzem hatte Iran mit der Enthüllung für Wirbel gesorgt, neben der Anlage in Natans eine weitere Fabrik zur Urananreicherung zu besitzen. Zwar hat die IAEA am Donnerstag Entwarnung gegeben: Bei der ersten Besichtigung der Anlage in der Nähe der Stadt Ghom habe man nichts gefunden, worüber man besorgt sein müsse, sagte IAEA-Chef Mohamed ElBaradei der "New York Times".
Doch nur einen Tag zuvor hatten die unabhängigen Experten Jeffrey Lewis, Flynt Leverett und Hillary Mann Leverett im Internet einen Bericht veröffentlicht, der sich vollkommen anders liest: Iran habe die Förderung in der Uranmine Gachin stark ausgeweitet. Das Land scheine eine "bedeutende heimische Uranquelle zu entwickeln", heißt es. Für die Versorgung eines zivilen Atomprogramms reiche die dort geförderte Menge bei weitem nicht aus - "aber für ein Waffenprogramm wäre sie relativ groß".
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