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28.12.2009
 

Neue Energiewirtschaft

Der lange Weg zur Zivilisation 1.0

Basteln an einer neuen Welt: Derzeit sind wir eine Zivilisation des Typs 0.7Zur Großansicht
Corbis

Basteln an einer neuen Welt: Derzeit sind wir eine Zivilisation des Typs 0.7

Homo sapiens hat es weit gebracht: vom Jäger und Sammler bis zum Demokraten. Auch die nächsten Zivilisationsstufen werden große Anstrengungen erfordern, glaubt Autor Michael Shermer. Der Schlüssel dazu: ein weltumspannender freier Handel mit erneuerbaren Energien.

Es ist Januar. Ein Monat, der benannt ist nach dem römischen Gott Janus (lateinisch für Tür). Er ist das Tor zum neuen Jahr, janusköpfig in die Vergangenheit blickend, um die Zukunft vorherzusagen. In diesem speziellen Januar 2009 befinden wir uns sowohl ökonomisch als auch ökologisch an einem Scheidepunkt. Wenn wir jemals in die Vergangenheit blicken mussten, um unsere Zukunft zu retten, dann heute. Insbesondere müssen wir zwei Dinge tun:

  1. Die Implosion der Wirtschaft stoppen und den Märkten ermöglichen, wieder frei und fair zu funktionieren;
  2. und den Wechsel unserer primären Energiequellen von nicht-erneuerbaren, fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien zu vollziehen, die uns gestatten werden, auch in Zukunft zu gedeihen.

Gelingen uns diese grundlegenden Veränderungen nicht, werden wir dazu verdammt sein, die endlosen, durch Stammesdenken geprägten, politischen Machenschaften und wirtschaftlichen Konflikte über uns ergehen zu lassen, die die Zivilisation bereits seit Jahrtausenden plagen.

Wir müssen den Wechsel zur Zivilisation 1.0 vollziehen. Lassen Sie mich das erklären.

In einem 1964 erschienenen Artikel über die Suche nach extraterrestrischen Zivilisationen, schlug der sowjetische Astrophysiker Nikolai Kardaschow den Einsatz von Radioteleskopen vor. Mit ihnen sollten Signale aus anderen Sonnensystemen empfangen werden, in denen Zivilisationen auf drei verschiedenen Entwicklungsstufen vorkommen könnten:

  • Eine Zivilisation vom Typ 1 wäre in der Lage, sämtliche Energiequellen ihres Heimatplaneten zu nutzen;
  • eine Zivilisation vom Typ 2 könnte die gesamte Kraft ihrer Sonne ernten;
  • und eine Zivilisation vom Typ 3 könnte über die Energie ihrer gesamten Galaxie verfügen.

Aufgrund unserer damaligen Energieeffizienz schätzte der Astronom Carl Sagan 1973, dass die Erde auf einer Skala von Typ 0 bis Typ 1 eine Zivilisation des Typs 0.7 darstelle (neueren Berechnungen zufolge liegen wir inzwischen bei 0.72).

Da die Kardaschow-Skala logarithmisch ist - jede Erhöhung des Energieverbrauchs erfordert also eine gewaltige Zunahme in der Energieerzeugung - werden wir das Ziel mit fossilen Brennstoffen nicht erreichen. Erneuerbare Energien wie Sonnenenergie, Windenergie und Erdwärme sind ein guter Anfang, und in Verbindung mit Kernenergie - vielleicht sogar der Kernfusion (statt der heutigen Kernspaltungsanlagen) - könnten wir damit eines Tages eine Zivilisation 1.0 werden.

Wir sind nahe dran. Wenn wir unseren janusköpfigen Blick in die Vergangenheit richten, um die Zukunft zu sehen, können wir die Geschichte der Menschheit auf dem Weg zur Zivilisation 1.0 kurz überfliegen:

  • Typ 0.1: Wechselnde Gruppen von Hominiden leben in Afrika. Die Technik besteht aus primitiven Steinwerkzeugen. Konflikte zwischen den einzelnen Gruppen werden durch eine Dominanzhierarchie gelöst und es kommt zwischen den Gruppen häufig zur Anwendung von Gewalt.
  • Typ 0.2: Banden von umherziehenden Jägern und Sammlern bilden verwandtschaftliche Verbände mit einem überwiegend horizontalen politischen System und einer egalitären Wirtschaft.
  • Typ 0.3: Stämme von Individuen, die durch ihre Verwandtschaft miteinander verbunden sind, aber mit einer stärker ortsgebundenen und landwirtschaftlichen Lebensweise. Anfänge einer politischen Hierarchie und eine primitive wirtschaftliche Arbeitsteilung.
  • Typ 0.4: Häuptlingstümer, bestehend aus einer Koalition von Stämmen, die eine einzige, hierarchische, politische Einheit bilden und von einem dominanten Anführer geleitet werden. Sie zeigen Anfänge deutlicher wirtschaftlicher Unterschiede und einer Arbeitsteilung, bei der Mitglieder der niederen Schichten Lebensmittel und andere Produkte herstellen, die von nicht produzierenden Mitgliedern der höheren Schichten verbraucht werden.
  • Typ 0.5: Der Staat als politische Koalition, die für ein genau definiertes, geografisches Territorium und die entsprechende Bevölkerung zuständig ist. Dazu eine Handelswirtschaft, die darauf ausgerichtet ist, gegenüber anderen Staaten eine günstige Handelsbilanz im Spiel um Gewinn und Verlust zu erzielen.
  • Typ 0.6: Imperien dehnen ihre Kontrolle über Bevölkerungsgruppen aus, die kulturell, ethnisch und geografisch nicht in ihr normales Zuständigkeitsgebiet fallen, mit dem Ziel der wirtschaftlichen Dominanz über rivalisierende Imperien.
  • Typ 0.7: Demokratien, welche die Macht zwischen mehreren Einrichtungen aufteilen. Diese werden von gewählten Vertretern geführt, die von einigen Bürgern gewählt werden. Es sind die Anfänge einer Marktwirtschaft.
  • Typ 0.8: Liberale Demokratien, in denen jeder Bürger eine Stimme hat. Die Märkte beginnen, durch den freien Handel mit anderen Staaten ein wirtschaftliches Spiel von beiderseitigem Vorteil umzusetzen.
  • Typ 0.9: Demokratischer Kapitalismus: Die Verschmelzung liberaler Demokratie mit freien Märkten, die sich nun, dank demokratischer Bewegungen in Entwicklungsländern und ausgedehnten Handelsblöcken wie der Europäischen Union, über den gesamten Erdball erstrecken.
  • Typ 1.0: Globalismus mit einer weltübergreifenden, kabellosen Internetanbindung. Alles Wissen ist digitalisiert und für jedermann zugänglich. Eine globale Ökonomie mit freien Märkten, in denen jeder mit jedem Handel treiben kann, ohne die Einmischung von Staaten oder Regierungen. Ein Planet, auf dem alle Staaten Demokratien sind und in denen jeder ein Stimmrecht hat.

Wenn wir aus dieser Vergangenheit in die Zukunft blicken, erkennen wir, dass die Kräfte, die verhindern könnten, dass wir die Zivilisation 1.0 erreichen, in erster Linie politischer und wirtschaftlicher und nicht technischer Natur sind. In nichtdemokratischen Staaten herrscht erheblicher Widerstand gegen die Übergabe der Macht an das Volk - besonders in Theokratien, deren Anführer lieber zu den Häuptlingstümern des Typs 0.4 zurückkehren würden. Die Globalisierung der Wirtschaft erfährt erhebliche Opposition - auch im industrialisierten Westen, wo die Sichtweise der meisten Menschen immer noch von ökonomischem Stammesdenken beherrscht wird.

Die wissenschaftliche Idee, die dieses ganze Spiel verändern kann, ist die Verbindung von Energie und Ökonomie: die Entwicklung erneuerbarer Energien, die günstig und für jeden überall auf dem Planeten zugänglich sind und die jeder mit jedem anderen austauschen darf. Das wird alles verändern.

Aus dem Englischen von Daniel Bullinger

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Der Autor

Michael Shermer ist Herausgeber des Magazins "Skeptic", schreibt Kolumnen für den "Scientific American" und hat unter anderem das Buch "The Science of Good and Evil" veröffentlicht.

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Die Internetzeitschrift "Edge" versammelt in einer legendären Serie Beiträge der renommiertesten Wissenschaftler der Welt. Jedes Jahr wird ihnen eine Frage gestellt. Dieser Beitrag entstand als Antwort auf die Frage: Was wird alles verändern? SPIEGEL ONLINE präsentiert ausgewählte Beiträge exklusiv.






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