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22.01.2010
 

Uranfabrik Gronau

Mitarbeiter nach Strahlenunfall wohlauf

Urananreicherungsanlage in Gronau (2003): Lieferant für KernkraftwerkeZur Großansicht
dpa

Urananreicherungsanlage in Gronau (2003): Lieferant für Kernkraftwerke

In einer Urananlage in Gronau ist es zu einem Zwischenfall gekommen. Ein Mitarbeiter war erhöhter Strahlung ausgesetzt und wurde im Krankenhaus behandelt. Sein Gesundheitszustand sei jedoch "sehr gut", sagten die Ärzte. Eine Gefahr für die Bevölkerung habe nicht bestanden, teilte der Betreiber mit.

Gronau - Der Vorfall ereignete sich am Donnerstag in der Behältervorbereitung: In der Uranfabrik im nordrhein-westfälischen Gronau wurden radioaktive Stoffe freigesetzt. Eine Sprecherin des Betreibers Urenco sagte am Freitag, der Mann, der sich in dem Raum aufgehalten hatte, sei vorsorglich zur Beobachtung in die Universitätsklinik Münster gebracht worden.

Dem Betroffenen gehe es den Umständen entsprechend gut. Die behandelnden Ärzte sprachen sogar von einem "sehr guten" Gesundheitszustand. "Von dem Mann geht keine Strahlung aus", sagte der Direktor der Klinik für Nuklearmedizin am Universitätsklinikum Münster, Otmar Schober. Zum jetzigen Zeitpunkt seien keine Frühschäden erkennbar, die in den ersten 48 Stunden nach einem solchen Unfall auftreten können. Zur Vorsorge sei dem Mann ein Cortisonspray verabreicht worden, um eventuellen Lungenschäden vorzubeugen.

Der Mann wird derzeit weiterhin auf der Station der Klinik für Nuklearmedizin beobachtet. Bei dieser Station handelt es sich um einen Kontrollbereich mit beschränktem Zugang. Auch Radiochemiker und Medizinphysiker der Klinik sind in die Betreuung eingebunden. Proben etwa von Blut, Speichel und Urin seien zur Auswertung in das regionale Strahlenschutzzentrum in Jülich geschickt worden, teilte das Klinikum mit. Ergebnisse sollten noch im Laufe des Tages vorliegen.

Spätfolgen noch unklar

Angaben zu möglichen Spätschäden könnten zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gemacht werden. "Generell kann es beim Einatmen von ätzenden Substanzen zu Schädigungen der Lunge, der Leber oder der Nieren kommen. Im aktuellen Fall ist es allerdings für eine solche Prognose noch zu früh", sagte Schober.

Wie es zu dem Zwischenfall kommen konnte, werde derzeit untersucht. Ein erster technischer Bericht liege vor und werde derzeit ausgewertet, erklärte das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium. Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren sagte die Urenco-Sprecherin.

Nach Angaben der atomrechtlichen Aufsichtsbehörde wurde am Donnerstag gegen 14.32 Uhr in einem Gebäude der Uranaufbereitungsanlage versehentlich Uranhexafluroid freigesetzt. Laut Betreiber sollte ein als "leer und gewaschen" angelieferter Uranbehälter von einem Mitarbeiter für eine Druckprüfung vorbereitet werden. Dabei sei es aus noch ungeklärter Ursache zur Freisetzung von radioaktivem Uranhexafluroid gekommen. Der Mitarbeiter wurde dabei am Arm, an den Beinen und an den Füßen kontaminiert und erlitt einen Schock.

Nur wenige Gramm

Es habe sich dabei nur um wenige Gramm des radioaktiven Stoffs gehandelt, erklärte Urenco. Die verstrahlte Raumluft habe man gefiltert, sie sei nicht nach außen gedrungen.

Uranhexafluroid ist weder brennbar noch explosiv, bildet jedoch mit Wasser die aggressive Flusssäure. Radioaktivität und Giftigkeit des Urans seien dagegen weniger kritisch und nur gefährlich, wenn Uran etwa über die Atmwege in den menschlichen Körper gelange, teilte Urenco mit.

Die Urananreicherungsanlage Gronau ist seit 1985 in Betrieb. Das dort angereicherte Uran nutzen Betreiber von Kernkraftwerken für die Brennelemente. Urenco reichert nach eigenen Angaben Uran in sogenannten Zentrifugenkaskaden an. Natururan besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Uran-Isotop U 235. 99,3 Prozent sind aus dem schwer spaltbaren Isotop U 238.

Die beiden Isotope sind zwar chemisch identisch, unterscheiden sich aber im Atomgewicht und im radioaktiven Verhalten. Bei der Urananreicherung werden sie in ein günstigeres Mischungsverhältnis gebracht, bevor sie als Reaktorbrennstoff verwendet werden können.

Das gasförmige Uranhexafluroid wird in Druckbehältern mit der Bahn oder per im Lastwagen nach Gronau angeliefert. Dort wird es mit Hilfe von Gaszentrifugen auf bis zu sechs Prozent angereichert. Die Transportbehälter werden nach Angaben des Unernehmens alle fünf Jahre einer Druckprüfung mit 28 Bar unterzogen. Beim eigentlichen Transport betrage der Druck im Behälter weniger als ein Bar.

Einzige Anlage in Deutschland

Im Oktober 2009 war bekannt geworden, dass nicht mehr benötigtes (abgereicherstes) Uranhexafluorid aus Gronau nach Russland transportiert worden war. In Gronau befindet sich die einzige kommerzielle Urananreicherungsanlage in Deutschland. Zurzeit hat die Anlage Urenco zufolge eine Kapazität von 2.750 Tonnen Uran-Trennarbeit pro Jahr. Das reiche, um 21 große Kraftwerke kontinuierlich mit angereichertem Uran zu versorgen. Der Sprecher des Wirtschaftsministerium sagte, bisher habe es keine nennenswerten Zwischenfälle in der Urananreicherungsanlage gegeben.

Atomkraftgegner haben unterdessen eine unabhängige Untersuchung des Zwischenfalls gefordert. "Das in Gronau behandelte Uranhexafluorid ist radioaktiv und reagiert mit Feuchtigkeit zu tödlicher Flusssäure", sagte Matthias Eickhoff vom Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen am Freitag. Im Interesse der Bevölkerung müsse der Zwischenfall von externen Fachleuten untersucht werden.

Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) forderte außerdem die Stilllegung der Anreicherungsanlage Gronau. Der Vorfall erinnere an die Verseuchungen in den Hanauer Atomfabriken, die letztlich alle stillgelegt wurden, erklärte der BBU-Vorstandsmitglied Udo Buchholz. Atomkraftgegner haben zudem Porteste angekündigt. Am Sonntagnachmittag will die örtliche Bürgerinitiative gegen die Anlage gemeinsam mit Umweltschützern eine Mahnwache abhalten.

cib/dpa/ddp/apn/AFP

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Atomkraftwerke in Deutschland

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In Deutschland sind formal derzeit noch 17 Atomkraftwerke in Betrieb. Tatsächlich am Netz sind aber deutlich weniger: Brunsbüttel ist nach mehreren schweren Pannen seit weit mehr als einem Jahr abgeschaltet. Krümmel wurde nach einem Brand im Juni 2007 erst im Juni 2009 wieder hochgefahren. Der älteste Meiler, Biblis A, ist seit Ende Februar nicht mehr am Netz und wird derzeit gewartet. Der benachbarte Block Biblis B ist seit Januar 2009 wegen Revisionsarbeiten abgeschaltet. Das AKW Stade ging Ende 2003 außer Betrieb und wurde 2005 stillgelegt. Obrigheim ging Mitte 2005 außer Betrieb.

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