Von Johannes Pennekamp
Wenn zu viele Menschen auf engstem Raum eingeschlossen sind, droht höchste Gefahr - das zeigt die traurige Geschichte von Massenfluchten, die immer wieder zahlreiche Menschenleben gefordert haben. Das Unglück bei der Duisburger Love Parade, in dessen Folge 21 Menschen starben, ist nur das jüngste Beispiel.
2008 etwa kamen im indischen Jodphur mehr als 200 Pilger bei dem Versuch ums Leben, von einem Tempelberg zu fliehen. "Da ist eine hochverdichtete Masse in Bewegung geraten", sagte damals der Duisburger Verkehrsforscher Michael Schreckenberg, der zwei Jahre später das Sicherheitskonzept der Love Parade mitverantworten sollte. Die Ereignisse in Indien seien keine Folge von Kopf- und Rücksichtslosigkeit, sondern schlicht eine "physikalische Zwangsläufigkeit" gewesen.
Diese nüchterne Einsicht nutzen Wissenschaftler für den Versuch, gefährliche Entwicklungen bei Massenveranstaltungen vorauszuberechnen. Am Forschungszentrum Jülich etwa tüfteln Physiker seit zwei Jahren an einem Frühwarnsystem. Das vom Bundesforschungsministerium finanzierte Projekt "Hermes" soll es Polizisten und Ordnern künftig ermöglichen, Besucherströme rechtzeitig in sichere Bahnen zu lenken.
Simulation soll Laufwege von 60.000 Einzelpersonen berechnen
Das Warnprogramm, an dem neben dem FZ Jülich noch ein Dutzend weitere Forschungseinrichtungen mitarbeiten, soll die Besucher in Windeseile zählen und prognostizieren können, wie sich die Massen bewegen. Aus diesen Daten soll das System die Entstehung gefährlicher Situationen und Fluchtmöglichkeiten vorausberechnen - wichtige Informationen für die Einsatzleiter vor Ort also. "Wir wollen innerhalb von einer Minute berechnen, was innerhalb der nächsten 15 Minuten passiert", sagt der Jülicher Projektmitarbeiter Stefan Holl.
Die Software benutzt drei Rechenmodelle:
"Wir nutzen alle drei Methoden, um ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen", sagt Holl im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Unser Ziel ist, die Laufwege von bis zu 60.000 Einzelpersonen pro Minute zu berechnen."
Was die Forscher nicht verschweigen: Ihre Warnsoftware ist kein Allheilmittel. Wie sich einzelne Menschen in kritischen Situationen verhalten, können sie nicht modellieren. Mit diesem Argument hat Verkehrsforscher Schreckenberg auch das Sicherheitskonzept der Duisburger Love Parade verteidigt: Der Tunnel, in dem es zur Massenpanik gekommen war, sei groß genug ausgelegt gewesen. Mit stürzenden Menschen hätten die Organisatoren nicht rechnen können: "Das ist das Werk von Einzelnen. Dagegen kann man sich bei einer Masse nicht wappnen."
Streit um richtige Besucherzahlen
Damit Organisatoren und Veranstalter Mega-Events überhaupt gewissenhaft planen können, müssen sie wissen, mit wie vielen Besuchern zu rechnen ist. Erfahrungswerte aus den Vorjahren sind dafür die entscheidende Größe. Doch verlässliche Angaben sind Mangelware. So schwanken die Schätzungen über die Besucherzahl bei der Duisburger Love Parade zwischen 300.000 und 1,4 Millionen.
Nicht selten hat das Gerangel um die richtigen Zahlen politische oder Marketing-Gründe: "Veranstalter von Demonstrationen nennen oft exorbitante Teilnehmerzahlen, um ihren Events mehr Bedeutung zu geben", sagt Juan Manuel Gutierrez. Der Soziologe hat vor knapp zwei Jahren in der Nähe von Bilbao ein Unternehmen gegründet, das mit einem Hightech-Verfahren den wahren Besucherzahlen auf die Spur kommen will. Die Firma setzt bei Massenveranstaltungen Luftschiffe ein, die hoch aufgelöste Bilder vom Geschehen am Boden liefern. In Straßen, die von oben schlecht einsehbar sind, schickt das Unternehmen zusätzlich Fotografen, damit das Veranstaltungsgelände bis in die letzten Ecken erfasst wird.
Eine Computersoftware zählt die einzelnen Menschen automatisch und liefert die Besucherzahl. 18 Demonstrationen, Kundgebungen und Versammlungen haben Gutierrez und seine Kollegen so überprüft. "Unsere Ergebnisse liegen in aller Regel unter den offiziellen Angaben", sagt Gutierrez. Bei einer Kundgebung gegen Sozialeinschnitte der Regierung etwa zählte seine Firma nur 5156 Demonstranten. In der größten spanischen Tageszeitung "El País" war von 12.500 die Rede, der Veranstalter sprach gar von 30.000 Teilnehmern.
Gutierrez, dessen größter Auftraggeber eine spanische Nachrichtenagentur ist, beziffert die Ungenauigkeit seiner Messungen auf "maximal drei bis fünf Prozent". Egal ob Frühwarnsystem oder Besuchermessung, eine gewissenhafte Planung können die technischen Innovationen nicht ersetzen. "Warnsysteme können ein sehr gutes Hilfsmittel sein", sagt der Jülicher Ingenieur Holl. Die konkreten Entscheidungen müssten aber weiterhin erfahrene Einsatzleiter vor Ort treffen.
Mitarbeit: Markus Becker
wen ich in tv immer wieder sehe das irgend welche wissenschaftler meinen ein konzept zu haben um massen panik zu verhindern dann kommt nur ein breites grinsen dann sollen die erstmal ein program schreiben wen besoffene in spiel [...] mehr...
Sie sehen das mit Sicherheit nicht falsch. mehr...
Im Fall der Loveparade wäre man aber mit Gefühl, Intuition und gesundem Menschenverstand bestens beraten gewesen. Mehr hatte auch die Frühwarner im Netz Anfang Juni nicht zur Verfügung. Dennoch haben sie ohne Aufwand sehr [...] mehr...
Die meisten Einwände hier im Forum gegen Computervorhersagbarkeit sind sicher berechtigt. Aber wenn man die begrenzte Leistungsfähigkeit der Software berücksichtigt statt ihr blind zu vertrauen, sie nur als Teil oder ein Faktor [...] mehr...
wäre die Veranstaltung in dort in der Form nicht zugelassen worden? mehr...
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