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14.08.2010
 

U-Boot-Krieg

Wunderwaffe im Ärmelkanal

Von Angelika Franz

Zweiter Weltkrieg: Was mit deutschen U-Booten geschah
Fotos
AP

Mit ihren U-Booten versenkten die Nazis Tausende Schiffe - die Briten konterten mit raffinierten Ortungssystemen. Jetzt haben Forscher sechs Wracks im Ärmelkanal entdeckt, die beweisen: Am Ende des Zweiten Weltkriegs waren Minen die größte Gefahr für die deutschen Boote.

Im Ärmelkanal liegt nicht alles dort, wo es liegen sollte. Manchmal finden Fischer in ihren Schleppnetzen Unerwartetes. U-Boot-Teile etwa - an Stellen, an denen laut den Abschusslisten der Alliierten aus dem Zweiten Weltkrieg gar keine Wracks liegen dürften. An Stellen wiederum, wo ein Verlust gemeldet wurde, liegt nichts. Wissenschaftler und Schatzsucher suchen seit Jahrzehnten nach den Wracks vieler deutscher U-Boote.

U-Boot-Abschüsse waren damals, vor rund 70 Jahren, wesentlich schwieriger festzustellen als Abschüsse von Schiffen. Zeugte ein aufsteigender Ölfleck von einem Treffer? Oder war nur bei heftigen Ausweichmanövern etwas Öl ausgetreten, das U-Boot aber unversehrt entkommen? Deuteten aufsteigende Luftblasen auf Atemluft aus dem Bootsinneren hin? Oder hatte das U-Boot nur Luft abgelassen, um in eine sichere Tiefe abzusinken?

Da die Alliierten sich nicht auf Ölflecke und Luftblasen verlassen wollten, bezogen sie ihre Informationen über versenkte U-Boote zumeist aus einer anderen Quelle: den Abhörprotokollen des deutschen Funkverkehrs. Das aber war eine relativ aufwendige Angelegenheit. Gerade im letzten Kriegsjahr, zwischen Juni 1944 und Mai 1945, operierten zahlreiche deutsche U-Boote im Ärmelkanal. Die Briten hatten alle Hände voll damit zu tun, den deutschen Funkverkehr abzuhören, zu dekodieren, zu übersetzen und die Informationen zu nutzen. Dabei konnte leicht das eine oder andere U-Boot übersehen werden.

Erst nach und nach können Forscher heute die Schicksale vieler U-Boote rekonstruieren - mit immer wieder überraschenden Erkenntnissen. So galt als sicher, dass in der Endphase des Krieges die britischen Ortungssysteme der Hauptgrund für die enormen Verluste der deutschen U-Boot-Flotte waren. Jetzt aber stellt sich heraus: Auch Minenfelder waren eine extrem wirkungsvolle Waffe.

"Bis heute mussten über 150 Verlustmeldungen korrigiert werden"

Nach Kriegsende hatten die Kriegsparteien andere Sorgen, als zu rekonstruieren, wo jedes einzelne U-Boot abgeblieben war. "Im September 1945 schätzte man, dass die Übersetzung und Analyse aller U-Boot-Logbücher und der Abgleich mit der entsprechenden Dokumentation der Alliierten einen einigermaßen großen Arbeitsstab etwa ein Jahr lang beschäftigen würde", erklärt der U-Boot-Historiker Axel Niestlé. Aber der Krieg war vorbei und "alle Orden waren bereits verteilt". Also ersparte man sich die Mühe. "Die Fehlerquote in der offiziellen Verlustliste, die der US Chief of Naval Operations schließlich 1946 veröffentlichte, war enorm", sagt der Historiker, ein Spezialist für U-Boot-Wracks im Ärmelkanal. "Bis heute mussten über 150 Verlustmeldungen korrigiert werden."

Niestlés letzter Coup war die Neuzuordnung von gleich fünf U-Boot-Wracks im Kanal und vor der Küste Cornwalls. Ermöglicht hat ihm das die kommerzielle US-Firma Odyssey Marine Exploration. Die geriet in die Schlagzeilen, als sie 2007 vor der Küste Cornwalls das Wrack der spanischen "Merchant Royal" mit Gold- und Silbermünzen im Wert von 500 Millionen US Dollar an Bord fand. Der Rechtsstreit mit der spanischen Regierung um das Eigentum der Münzen währt bis heute. Doch diesmal ging es nicht um Schätze. Diesmal schickten die Wissenschaftler an Bord des Forschungsschiffs "Odyssey Explorer" ihr ferngesteuertes U-Boot "Zeus" auf die Suche nach Metallhaufen mit Tarnanstrich.

Erstes Ziel war das Wrack eines deutschen U-Boots vom Typ VIIC, das Taucher 2007 vor der Küste Cornwalls entdeckt hatten. Doch weder hatten die Deutschen einen Verlust in der Region gemeldet noch gab es britische Dokumente über eine Versenkung. Die Bilder aber, die "Zeus" vom Wrack aufnahm, waren äußerst aufschlussreich: Sie zeigten einen Klappschnorchel vom Typ 2 mit einem Ringschwimmer-Schnorchelkopfventil sowie eine Anti-Radar-Beschichtung des Typs Jaumann um den Auspuff herum. "Auch wenn am Wrack selbst keine Identifizierungsmarken zu finden waren, konnte es sich bei einem U-Boot vom Typ VIIC mit dieser Ausstattung nur um U-325 handeln", sagt Niestlé.

U-325 kam nie an

Noch am 10. April hatte U-325 den Befehl bekommen, um die südwestliche Landzunge Englands herum den Konvoiverkehr zu stören. Als die Kriegshandlungen am 8. Mai eingestellt wurden, erwarteten sowohl Deutsche als auch Alliierte, das U-Boot würde an einem der Sammelpunkte auftauchen. Doch U-325 kam nie an. Ein Blick in die britischen Akten ergab einen plausiblen Grund: Genau im Operationsgebiet des U-Boots hatte am Vormittag des 30. April 1945 der Minenleger "HMS Plover" in einer Tiefe von rund 18 Metern den ersten Teil des Minenfelds mit dem Codenamen "Artizan B3" verlegt. Dazu passen auch die Zerstörungsspuren am Wrack: Im Druckkörper klafft ein riesiges, halbkreisförmiges Loch - ein Schaden, wie ihn nur eine Mine anrichten kann.

Auch das zweite U-Boot-Wrack, das die "Odyssey Explorer" ansteuerte, war vom Typ VIIC. Hier war die Identifizierung noch einfacher: "Die Bodenplatte für das früher vorhandene 8,8-cm-Deckgeschütz vor dem Turm war vorhanden, und mehrere Schlauchbootbehälter lagen unter dem Vorschiff", erklärt Niestlé. Damit konnte das U-Boot nur das deutsche U-650 sein. "Kein anderes U-Boot, das im Ärmelkanal verloren ging, hatte diese Ausstattung." Und auch hier lieferte "Zeus" Hinweise auf die Ursache des Untergangs: "Durch den Druckkörper lief ein Riss, wie ihn typischerweise ein 'Hedgehog' Wurfgeschoss mit 35 Pfund Explosivladung und Aufschlagzünder verursacht."

Puzzlestein für Puzzlestein setzte der Historiker zusammen. Am Ende seiner Recherche konnte er außer U-325 und U-650 auch noch U-1208, U-1021 und U-400 zweifelsfrei identifizieren. Und er hielt fest: U-325, U-1021 und U-400 lagen in Minenfeldern. Damit bestätigt sich, was Historiker wie Niestlé schon lange vermuten: "Die britische Marine und Air Force waren nicht so erfolgreich im Aufspüren und Versenken deutscher U-Boote, wie sie es während des Krieges und auch noch danach gerne dargestellt haben." Das Erfolgsrezept seien stattdessen die Minenfelder gewesen.

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