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31.08.2010
 

Grenzenlose Energie

Iraner versprechen Fusionsreaktor bis 2020

Von Markus Becker

Sonne: Iraner wollen die Kernfusion nutzbar machenZur Großansicht
DPA

Sonne: Iraner wollen die Kernfusion nutzbar machen

Iran will das Sonnenfeuer zünden: Das Land hat den Bau eines eigenen Kernfusionsreaktors angekündigt - und zwar binnen zehn Jahren. Damit würden Teherans Forscher die Konkurrenz aus den Industriestaaten weit hinter sich lassen. Westliche Experten reagieren mit Unglauben.

Die iranische Regierung will schaffen, was kein westliches Land bisher vollbracht hat: einen funktionierenden Fusionsreaktor bauen, und das bis zum Jahr 2020. Damit wäre Teheran schneller fertig als die gesamte Konkurrenz der restlichen Welt, die derzeit am "Iter"-Projekt arbeitet. Am "International Thermonuclear Experimental Reactor" sind die EU, China, Indien, Japan, Südkorea, Russland und die USA beteiligt. Er soll nach aktuellen Planungen 2019 den Testbetrieb aufnehmen, wird aber seit Jahren von Problemen und einer Explosion der Kosten geplagt, die inzwischen auf 15 Milliarden Euro taxiert werden.

Iran will die restliche Welt nun überholen. Entsprechende Ankündigungen kursieren seit einiger Zeit - und jetzt hat Asghar Sediksade, Chef des iranischen Kernfusions-Forschungszentrums, sie präzisiert. Derzeit arbeiteten 36 Menschen an der Entwicklung des Fusionsreaktors, sagte Sediksade der halbamtlichen Nachrichtenagentur Isna. "Innerhalb der nächsten zehn Jahre wird das Personal auf 2000 Leute aufgestockt."

Man plane, "mindestens einen eigenen experimentellen Kernfusionsreaktor zu bauen", sagte Sediksade. Natürlich bedeute das nicht, dass man nicht in Kontakt mit anderen wissenschaftlichen Institutionen bleiben wolle. "Wir beachten auch die Kooperation mit anderen Kernfusionszentren", so Sediksade. Ob er damit eine internationale Zusammenarbeit meinte, blieb offen.

"Winzig kleines Experiment"

Herkömmliche Atomkraftwerke gewinnen durch Kernspaltung Energie. Die Kernfusion, bei der durch Verschmelzung von Atomkernen ungeheure Energiemengen entstehen, wurde dagegen bisher nur in Wasserstoffbomben erfolgreich eingesetzt (siehe Kasten). Ihre Nutzung zur Energiegewinnung ist bei weitem schwieriger und bisher noch nicht über das experimentelle Stadium hinausgekommen. Auch Iran hat auf diesem Gebiet bisher nur Grundlagenforschung betrieben.

"Von den Fachkonferenzen der vergangenen Jahre war lediglich bekannt, dass die Iraner ein winzig kleines Experiment besitzen, das sie von den Chinesen bekommen haben", sagt Hans-Stephan Bosch vom Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Greifswald. Dabei handele es sich wie bei "Iter" um einen sogenannten Tokamak, bei dem das heiße Fusionsplasma von starken Magnetspulen umschlossen wird. Der "Iran Tokamak-1" (IR-T1) werde am Plasmaphysik-Forschungszentrum der Azad-Universität in Teheran betrieben.

Die Ankündigung Teherans, bis 2020 einen funktionsfähigen Fusionsreaktor zu bauen, hält Bosch allerdings für unglaubwürdig. "Es gibt physikalische Gründe dafür, dass ein solches Experiment die Ausmaße eines 'Iter' besitzen muss", sagt Bosch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Bisher sei nirgendwo bekannt geworden, dass die Iraner auch nur ansatzweise bei einer solchen Größenordnung angelangt seien.

"Auf dem Stand russischer Anlagen Mitte der sechziger Jahre"

Auch die bisher genannten Investitionssummen würden nicht dazu passen. So hatte Ali Akbar Salehi, Chef der iranischen Atomenergiebehörde, laut einem Bericht der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti im Juli acht Millionen Dollar für das Fusionsprogramm angekündigt - die Ausgaben für "Iter" sind fast 200-mal größer.

Auch IPP-Forscher Karl Lackner äußerte sich skeptisch: "Es ist auszuschließen, dass im Iran in den nächsten zehn Jahren eine Fusionsanlage gebaut wird, die mit den Fusionsbrennstoffen Deuterium und Tritium sinnvoll betrieben werden kann - die Mindestforderung an einen experimentellen Kernfusionsreaktor", erklärte der Professor. Und selbst das würde erst den Zielen der europäischen Gemeinschaftsanlage "Jet" entsprechen.

Um aber eine Anlage wie "Iter" zu bauen, die deutlich mehr Energie erzeugt als sie zum Heizen des Plasmas verbraucht, fehle Iran zu einen die plasmaphysikalische Erfahrung, die im Fall von "Iter" in 40 Jahren aufgebaut werden musste. Zum anderen besitze Iran auch nicht die technischen und industriellen Kompetenzen, wie sie zum Beispiel zum Bau großer supraleitender Magnete oder hochspezialisierter Plasmaheizsysteme benötigt würden. Die iranische IR-T1-Anlage "entspricht in ihren Leistungsdaten dem Stand russischer Anlagen Mitte der sechziger Jahre", so Lackner.

Reaktor soll auch bei der Heilung von Krebs helfen

"Iter", der im französischen Cadarache entsteht, soll 2019 mit dem Testbetrieb beginnen und 2026 die erste Energie liefern - falls das Experiment gelingt. "Sollten die Iraner wirklich bis zum Jahr 2020 einen Reaktor fertigstellen wollen, wäre das interessant", meint Bosch.

Iran ist nicht das erste Land, das mit der Ankündigung eines Fusionsreaktors überrascht. Erst im Mai hatte Nordkorea ähnliche Pläne verkündet. In einer nordkoreanischen Zeitung hieß es, das Land habe alle wissenschaftlichen und technologischen Hürden genommen und die kontrollierte Kernfusion in Gang gesetzt. Unabhängige Experten hielten diese Behauptung ebenfalls für unglaubwürdig.

Der Bau eines Fusionsreaktors, in dem es zur kontrollierten Kernfusion kommt, wäre ein weitreichender wissenschaftlicher und energiepolitischer Durchbruch, denn als Rohstoffe für den Betrieb reichen letztlich Wasser oder Wasserstoff. Mit der Energiegewinnung allein will sich Irans Forschungszentrums-Chef Sediksade nicht einmal zufrieden geben. Das Kernfusionsprojekt solle auch Arzneimittel für die Nuklearmedizin, die "Heilung von Krebs" und neue Erkenntnisse in der Nanotechnologie ermöglichen, wird Sediksade von Isna zitiert.

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insgesamt 107 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
14.09.2010 von Crying Freeman: Iran wohl kein Tokamak

Nach diesem Bericht, geht es wohl bei Irans Fusionsbemühungen hauptsächlich um Dense plasma fusion und IEC-Fusion. http://www.isna.ir/ISNA/NewsView.aspx?ID=News-1612982&Lang=E mehr...

14.09.2010 von iceland62: Jugend forscht

Jugend forscht: <<Max Bigelmayr (20) von der Universität München, Magnus Anselm (21) und Sebastian Glasl (20) von der Technischen Universität München präsentierten einen selbst konstruierten portablen [...] mehr...

06.09.2010 von Newspeak: ...

Nie im Leben findet dort Kernfusion statt. Außerdem stimmt es auch nicht, daß wie in dem Bericht behauptet, von Kernfusionsreaktoren in der Garage keine Gefahr ausginge. Wenn sie tatsächlich funktionieren würden, dann würden [...] mehr...

04.09.2010 von underdog: ...

"Nein nein, das ist wirklich ein Fusionsreaktor. Der sieht nur so aus wie eine Atomrakete!" mehr...

04.09.2010 von Knutie: °

Sie verstehen da etwas falsch. Das ist keine Beweislegung, sondern der voraussichtliche Entwicklungsplan, wenn Bussard 200 $ Mill. an Spenden zusammen hat. Bussard ist aber 2007 verstorben bevor er von 1987 das Geld zusammen [...] mehr...

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Kernfusion - die Energiequelle der Zukunft?

Physik

REUTERS/NASA
Unter Kernfusion versteht man die Verschmelzung zweier Atomkerne zu einem schweren Kern. Abhängig von der Art der Elemente werden bei diesem Prozess ungeheure Mengen an Energie frei - zu besichtigen etwa bei der Sonne. Im Innern von Sternen herrscht derart großer Druck und eine entsprechend hohe Temperatur, dass Wasserstoffkerne zu Heliumkernen verschmelzen. Die praktische Nutzung des Effekts zur Energiegewinnung auf der Erde ist schwierig - wegen der immens hohen Temperaturen des Plasmas.

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