200 Jahre Gleitflug: Schneiderlein im Sturzwind

Von Johannes Schweikle

Albrecht Berblinger war wohl der erste Mensch, dem ein Gleitflug gelang. Bei seinem ersten öffentlichen Flug vor 200 Jahren stürzte der Ulmer Schneider aber ab, der Fehlschlag zerstörte sein Leben. Inzwischen weiß man: Der wagemutige Flugpionier war einfach an einer ungünstigen Stelle gestartet.

Flugversuch in Ulm: Durch die Lüfte gleiten wie ein Vogel Fotos
Stadtarchiv Ulm

Der Startplatz war doppelt so hoch wie ein Zehnmeterbrett. Das Bollwerk der Stadtmauer ragte 13 Meter über das Ufer. Auf dieser Bastion hatte man noch ein sieben Meter hohes Holzgerüst errichtet. Der Held stand also 20 Meter über der Donau. An beiden Ufern des Flusses drängte sich das Volk und wartete auf die Sensation. Doch der Held zögerte. Eine Dreiviertelstunde stand er unentschlossen tänzelnd auf dem Gerüst. Hinterher kolportierten die Zuschauer, er sei weiß geworden wie Backsteinkäs.

Am 31. Mai 1811 wagte sich Albrecht Ludwig Berblinger in Ulm an einen Menschheitstraum. Er wollte fliegen. Das andere Ufer der Donau war 40 Meter entfernt, dort sollte er landen. Der Hängegleiter, den er selbst konstruiert und gebaut hatte, war an Rücken und Armen befestigt. Ein zeitgenössischer Kupferstich zeigt Verstrebungen ober- und unterhalb der beiden Tragflächen, die aussehen wie das Gestänge eines Regenschirms. Der Name des Orts schien zu dem visionären Vorhaben zu passen: Der Flugpionier stand auf der Adlerbastei.

Albrecht Ludwig Berblinger wurde am 24. Juni 1770 in Ulm geboren. Nach dem Tod seines Vaters kam er 1783 ins städtische Waisenhaus, ein Jahr später schickte man ihn ohne groß zu fragen in eine Schneiderlehre. In diesem Handwerk wurde er schnell erfolgreich. Früher als vorgesehen machte er den Meister, zeitweilig beschäftigte er vier Gesellen. Doch seine Leidenschaft galt der Mechanik. Als der ehemalige Soldat Elias Schlumperger ein Bein verlor, baute Berblinger ihm eine Prothese mit beweglichem Kniegelenk. Die Ärzte des städtischen Spitals waren angetan von dieser Erfindung, 1809 ersuchte Berblinger beim bayerischen König um ein Patent. "Der allerunterthänigst Unterzeichnete hatte von früher Jugend an eine besondere Neigung zur Mechanik", schrieb der Tüftler über sich selbst. Doch der unterwürfige Ton nutzte nichts - Berblingers Gesuch wurde ohne Angabe von Gründen abgelehnt.

Dieser Rückschlag hat seinen Erfindergeist offensichtlich nicht gelähmt. Er warf sich auf die kühnste aller Ideen, diese lag quasi in der Luft. 1783 war der Heißluftballon der Brüder Montgolfier in Frankreich zur ersten bemannten Fahrt aufgestiegen. In Wien baute Jakob Degen ein kurioses Luftgefährt. Er kombinierte einen Schlagflügelapparat mit einem Wasserstoffballon. Dieser sorgte für den nötigen Auftrieb, 1808 schwebte Degen über dem Prater.

"Wie ein Vogel"

Berblinger setzte auf ein anderes Prinzip. Er wollte nicht mit den Flügeln schlagen wie ein Spatz. Die Tragflächen seines Hängegleiters waren wohl hinter dem Rücken durch ein Streckgelenk verbunden. Und er hatte Erfolg. Am Michelsberg, einem Hügel hinter der Stadt, hob er ab. "Wie ein Vogel", so ein Augenzeuge, sei er "von Gartenhaus zu Gartenhaus gehüpft". Albrecht Ludwig Berblinger war wohl der erste Mensch, dem der Gleitflug gelang.

Der Pionier wagte sich in die Öffentlichkeit, am 24. April 1811 erschien im "Schwäbischen Merkur" seine Anzeige: "Nach einer unsäglichen Mühe in der Zeit mehrerer Monate, mit Aufopferung einer sehr beträchtlichen Geldsumme und mit Anwendung eines rastlosen Studiums der Mechanik, hat der Unterzeichnete es dahin gebracht, eine Flugmaschine zu erfinden, mit der er in einigen Tagen hier in Ulm seinen ersten Versuch machen wird."

Wie kühn sein Unterfangen war, zeigt ein Blick auf die Technikgeschichte des 19. Jahrhunderts. Als Berblinger auf der Adlerbastei an den Start ging, war noch nicht einmal das Fahrrad erfunden. Karl Drais sollte erst sechs Jahre später in Mannheim die erste Fahrt mit seiner zweirädrigen Laufmaschine unternehmen. Die erste Eisenbahn dampfte 1825 in England über die Schienen. Um 1837 entwickelte der Franzose Louis Daguerre die Fotographie. Davon sollte 1891 Otto Lilienthal profitieren. Genau 80 Jahre nach Berblinger hob er mit seinem Hängegleiter vom Boden ab, wie der Pionier aus Ulm setzte er auf das Prinzip des Gleitflugs. Doch Lilienthals Leistung war über Gerüchte erhaben. Schwarzweißfotos bewiesen der Welt, dass er fliegen konnte.

"Bleib den Leisten treu"

Am 30. Mai 1811 stieg Berblinger zum ersten Mal auf das Podest über der Adlerbastei. Das Volk wartete auf die Sensation, sogar König Friedrich von Württemberg war gekommen. Doch wie ein Chronist berichtet, "brach ein Flügel entzwei, musste also seine Kunst plötzlich zurücklassen und sein brochenen Flügel wieder probieren, bis auf den nächsten Tag ist er fertig geworden". Das dauerte dem König zu lang. Er reiste ab, zahlte aber dem Pionier eine Prämie von 20 Luisdor. Die "Schwäbische Chronik" zitierte den Herrscher, "dass jede Erfindung zu weiteren Fortschritten aufgemuntert werden müsse, wenn sie auch gleich im Entstehen den Erwartungen nicht entspreche".

Berblingers Absturz am nächsten Tag wird sozusagen eine Blamage mit Anlauf. Er wartet endlos auf günstigen Wind. Als er schließlich startet, fällt er in die Donau. Der Pionier überlebt den Absturz, aber seine bürgerliche Existenz ist ruiniert. Ulm verzeiht ihm sein Scheitern nicht. In seinem Beruf fasst der Schneider nicht mehr Fuß, seine Frau stirbt, sein Hang zu Alkohol und Kartenspiel wird aktenkundig. Am 28. Januar 1829 stirbt er und wird in einem Armengrab beerdigt.

Der gescheiterte Pionier besetzte in Ulm die Rolle der Spottfigur. Es hagelte Karikaturen und hämische Gedichte, bei Volksfesten machte man sich über den Schneider lustig. Im Biedermeier musste er als warnendes Beispiel herhalten:

Der Schneider bleibe bei der Nadel
Der Schuster bleib den Leisten treu
So lebt ein jeder ohne Tadel
Und bleibt von Schimpf und Vorwurf frei.

Erst im 20. Jahrhundert setzte sich langsam ein anderes Berblinger-Bild durch. 1952 erschien in der Schweizer "Zeitschrift für Luftfahrttechnik" ein Aufsatz, in dem sich Otto Schwarz mit den thermischen Verhältnissen an der Adlerbastei beschäftigte. Er zeigte, dass über dem kalten Wasser des Flusses auch bei wärmstem Wetter Abwind herrscht. Wegen der senkrechten Stadtmauer entwickelt sich Gegenwind nicht zum Aufwind, sondern zum Wirbelwind. Mit anderen Worten: Der Flugpionier war an einem denkbar ungünstigen Ort gestartet.

175 Jahre nach seinem Absturz rehabilitierte die Stadt ihren verkannten Erfinder. Zu seinen Ehren schrieb Ulm einen Flugwettbewerb aus. Die Fluggeräte sollten möglichst originalgetreu gebaut sein, doch alle modernen Leichtbaumaterialien waren erlaubt: Kohle- und Glasfaser, Aluminium und Polyurethanschaum. Gestartet wurde am historischen Ort, auf der Adlerbastei.

Von 30 Startern fielen 29 in die Donau. Lediglich Holger Rochelt schaffte es mit seinem Hängegleiter "SchneidAir" ans andere Ufer. Aber auch er machte eine schmerzhafte Erfahrung. Bei der Landung kugelte er sich einen Arm aus.

Der Autor hat einen Roman über den verkannten Pionier geschrieben. "Fallwind" (Klöpfer & Meyer, Tübingen 2011, 188 Seiten, 18,90 €) erzählt die fiktive Biografie des Albrecht Ludwig Berblinger.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war fälschlicherweise von Holger Härter die Rede. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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