A380-Unfall Dokumente enthüllen Schwachstellen der Pannen-Triebwerke

Der Streit um einen notgelandeten Airbus 380 wird immer brisanter: Hat Rolls-Royce die Fluggesellschaft Qantas über die Leistungsfähigkeit der Triebwerke getäuscht? Ein Gerichtsdokument offenbart jetzt eklatante Mängel - bei voller Last sind die Aggregate kaum zu betreiben.

ATSB / dapd

Es ist ein bitterer Streit, der gegenwärtig zwischen der australischen Fluglinie Qantas und dem britischen Triebwerkshersteller Rolls-Royce ausgefochten wird. Schuld ist der schwere Defekt an dem Triebwerk eines Airbus 380. Durch ein Ölleck und die anschließende Explosion einer Turbine hatte die Maschine Anfang November kurz nach dem Start in Singapur massive Probleme bekommen - mit mehr als 450 Menschen an Bord. Trümmerteile aus dem Triebwerk durchschlugen den Flügel. Crew und Passagiere entgingen nur um Haaresbreite einem Inferno.

Qantas sieht sich bei der Leistungsfähigkeit der Triebwerke von Rolls-Royce getäuscht und bereitet eine Klage vor. Ein Gerichtsdokument zeigt nun, wie extrem vorsichtig der Triebwerksbauer in Zukunft agieren will - und wie wütend Qantas inzwischen ist.

Das britische Fachmagazin "Flightglobal" zitiert aus einer eidesstattlichen Versicherung der Fluglinie. Demnach sollen bestimmte Varianten des betreffenden Triebwerks vom Typ Trent 972 gerade einmal 75-mal bei vollem Schub genutzt werden können - dann müssten sie komplett ausgetauscht werden. Ursprünglich habe Rolls-Royce aber mindestens 2000 Starts ohne Einschränkungen versprochen.

Die betreffende Turbine gibt es derzeit in drei Varianten:

  • "A Mod": Bei dieser Bauart trat das Problem auf, das zum Beinahe-Absturz der Qantas-Maschine führte. Vor dem Zwischenfall hatte Qantas insgesamt sieben solcher Triebwerke in Besitz. Die Fluggesellschaft hat sich mit Rolls-Royce darauf geeinigt, dass die "A Mod"-Triebwerke vom Typ Trent 972 vorerst nicht eingesetzt werden. Nach den Betriebsunterlagen sollten eigentlich 2000 Flüge mit Triebwerken dieses Typs möglich sein, bevor diese ausgetauscht werden müssen.
  • "B Mod": Diese Variante wurde im Dezember 2007 von Rolls-Royce herausgebracht. Vor dem Zwischenfall betrieb Qantas 16 Trent-972-Triebwerke dieses Untertyps. Die Betriebsunterlagen versprechen 14.800 Flüge, bevor ein Austausch nötig wird. Die australische Luftsicherheitsbehörde ATSB geht davon aus, dass "A Mod"- und "B Mod"-Varianten des Triebwerks Probleme bereiten könnten. Sie sind deswegen gezielt überprüft worden.
  • "C Mod": Das ist die jüngste Variante des Triebwerks, die im April 2010 vorgestellt wurde. Qantas betrieb vor dem Zwischenfall ein einziges Exemplar. Eine Beschränkung der Flugzahl vor dem Austausch des Triebwerks gibt es nicht.

Starts nur mit 80 Passagieren an Bord?

Das Problem: Rolls-Royce hat laut "Flightglobal" inzwischen neue Einsatzrichtlinien für die Triebwerke erlassen - und die haben es in sich: Demnach sind mit den "B Mod"- und "C Mod"-Triebwerken nun gerade einmal noch 75 Starts bei voller Triebwerksleistung zulässig, dann muss das Aggregat ausgetauscht werden.

Starts mit vollem Schub (320 Kilonewton) sind für Qantas aber an einigen Flughäfen wie etwa Los Angeles nötig, zumindest wenn die Maschinen voll beladen sind. Das liegt daran, dass die Startbahnen vergleichsweise kurz und die Tanks des Jets für einen 14-stündigen Flug proppenvoll sind. Außerdem treten zur bevorzugten Startzeit der Qantas-Maschinen häufig starke Gegenwinde auf.

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Airbus A380: Ein Riesenvogel, fünf Airlines
Rolls-Royce hat Qantas angewiesen, die betreffenden Triebwerke trotzdem nicht bei voller Leistung zu betreiben - sondern den Schub um mindestens acht Prozent herunterzusetzen. So lasse sich problematischer Maschinendruck vermeiden. Die Ölleitungen würden auf diese Weise besser halten. Ein Firmensprecher wollte sich nicht im Detail zu der Diskussion äußern. Man arbeite mit der Fluglinie weiterhin gut zusammen. Weitere Äußerungen halte er für unangemessen.

Qantas argumentiert, dass es "normalerweise notwendig" sei, vom Flughafen in Los Angeles mit voller Leistung abzuheben. Man interpretiere die neuen Beschränkungen durch Rolls-Royce so, dass man in Zukunft nur 80 Passagiere an Bord eines Flugs ab Los Angeles haben könne - und nicht wie bisher 450. Das sei wirtschaftlich aber nicht sinnvoll.

Verspätungen bei der A380-Fertigung?

Rolls-Royce habe die Fluggesellschaft möglicherweise bei der Leistungsfähigkeit der Turbinen getäuscht, so Qantas. Gegenwärtig habe man mindestens fünf der betroffenen Turbinen im Einsatz, bei denen die Zahl von 75 Starts inzwischen überstiegen worden sei.

Qantas ist die einzige Fluggesellschaft, die an ihren A380-Maschinen die Trent- 972-Triebwerke einsetzt. Singapore Airlines und Lufthansa arbeiten mit Trent- 970-Aggregaten, die einen etwas geringeren Schub erzeugen. Hier wurden aber auch einzelne Turbinen nach Ölfunden ausgetauscht.

Die Schwierigkeiten mit den Rolls-Royce-Triebwerken beeinflussen inzwischen sogar die Produktion von neuen A380-Exemplaren. Airbus-Chef Tom Enders erklärte am Mittwoch in einer E-Mail an seine Mitarbeiter, man werde in diesem Jahr einen der Riesenflieger weniger an Qantas ausliefern als geplant. Auch im kommenden Jahr könne es möglicherweise Verschiebungen bei der Fertigung geben.

Andere Fluggesellschaften, darunter Emirates und Air France, verwenden an ihren A380-Jumbos Triebwerke des Typs Engine Alliance GP7200. Für deren Fertigung haben sich die Hersteller General Electric und Pratt & Whitney zusammengeschlossen. Größere Probleme sind hierbei bisher nicht bekannt geworden.

chs

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altruist 16.12.2010
1. oversized
Zitat aus SPON-Text "Weil Trümmerteile aus dem Triebwerk den Flügel durchschlagen hatten, entgingen Crew und Besatzung nur um Haaresbreite einem Inferno." Handwerksmeister beklagen, dass eine Vielzahl von Bewerbern nicht Rechnen und nicht Schreiben können-besonders bei Einwanderen. Bei Journalisten sieht das nicht anders aus-die können nicht Denken. Oder ist Quantas doppelbestückt? Mit einer englichen crew und einer deutschen Besatzung.
jocurt1 16.12.2010
2. Für Geld geht diese Firma (RR) über Leichen
Zitat von sysopDer Streit um einen notgelandeten Airbus 380 wird immer brisanter: Hat Rolls Royce die Fluggesellschaft Qantas über die Leistungsfähigkeit der Triebwerke getäuscht? Ein Gerichtsdokument offenbart jetzt eklatante Mängel - bei voller Last sind die Aggregate kaum zu betreiben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,734879,00.html
wenns um die Rendite geht. Und wie war das noch mal mit den Kosten für die Geschwindigkeitsmessgeräte bei dem Air France Flug über den Südatlantik, gings da nicht um Kosten für den Austausch. Uns jetzt sage keiner, der Kunde will das so. DER WILL LEBEND ANKOMMEN.
horst.m 16.12.2010
3. "damit die Ölleitungen besser halten.."
da fehlen einem schlicht die Worte, ich für meinen Teil werde mich niemals in diesen Flieger setzen.
Beteigeuze, 16.12.2010
4. Umrüstung auf General Electirc, Pratt & Witney: "Engine Alliance GP7200"
Zitat von sysopDer Streit um einen notgelandeten Airbus 380 wird immer brisanter: Hat Rolls Royce die Fluggesellschaft Qantas über die Leistungsfähigkeit der Triebwerke getäuscht? Ein Gerichtsdokument offenbart jetzt eklatante Mängel - bei voller Last sind die Aggregate kaum zu betreiben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,734879,00.html
Wie teuer wäre eine Umrüstung der A380 mit den Rolls-Royce-Tribwerken auf Triebwerke des Typs "Engine Alliance GP7200" von General Electric und Pratt & Witney? Bei den gegebenen Schwierigkeiten wäre das doch die vernünftigste Lösung. Muß erst eine A380 vom Himmel fallen? Hier sind offensichtlich industriepolitische Aspekte im Spiel.
Nihil novi 16.12.2010
5. Man muss froh sein.....
dass RR kein Staatsunternehmen ist, sonst hätten wir hier wieder alle Fanatiker in der Diskussionsrunde. Naja, vielleicht sinds einfach die Briten, die können halt nix:)
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