Israels Abwehrsystem Zittern unterm Raketenschirm

Hunderte Raketen hat die Hamas in den vergangenen Tagen auf Israel abgeschossen - bisher hat keine einen Menschen getötet. Israel feiert das als Erfolg der "Eisernen Kuppel". Wäre der Konflikt ohne das Abwehrsystem noch schneller eskaliert?

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Das Titelblatt der Broschüre ist nicht unbedingt subtil. Ein großes Auge, hinterlegt mit Nullen und Einsen, starrt den Betrachter an, darunter der Satz: "Übernehmen Sie die Kontrolle. Dominieren Sie den Kampfraum." Das Werbeblatt stammt von Elta, einer Tochterfirma des staatlichen israelischen Rüstungskonzerns IAI. Elta stellt, wenn man so will, die Augen und Ohren des israelischen Militärs her: Sensoren für Drohnen und Spähflugzeuge, Aufklärungssatelliten, Kommunikationselektronik und Radarsysteme.

"Heutzutage braucht man eine lückenlose Rundum-Überwachung", sagt ein Elta-Mitarbeiter. Das gehe nur, indem man die Sensoren zahlreicher Plattformen - am Boden, in der Luft und auf dem Wasser - miteinander vernetze, um Bedrohungen so früh wie möglich zu erkennen und abzuwehren.

Ein Teil dieser Architektur ist das Raketenabwehrsystem "Iron Dome" ("Eiserne Kuppel"), dessen Radar Elta produziert. Auf dem Firmengelände in Aschdod, auf halbem Weg zwischen Tel Aviv und Gaza, steht eine gigantische Halle. Innen sieht sie aus wie ein Tonstudio, das mitsamt Inhalt auf das Mehrfache seiner eigentlichen Größe angeschwollen ist. Riesige Schaumstoffpyramiden an den Wänden schlucken elektromagnetische Strahlung, die von einem meterhohen rechteckigen Kasten ausgesendet wird. Bei dem grün-tarnfarbenem Gebilde handelt es sich um ein Radar des Typs ELM-2084, das in dem reflexionsarmen Raum getestet und kalibriert wird. Nach Angaben von Elta handelt es sich um eine der technisch fortschrittlichsten Anlagen dieser Art weltweit.

Zweifel an 90-prozentiger Trefferquote

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Angriffe aus Gaza und Libanon: Israel unter Feuer
Das Radar soll anfliegende Raketen orten, die Berechnung ihrer Flugbahn und ihren Abschuss durch Abfangraketen ermöglichen. Hunderte Geschosse, die von der radikalislamischen Hamas aus dem Gazastreifen Richtung Israel abgefeuert werden, soll "Iron Dome" in den vergangenen Tagen vom Himmel geholt haben. Die Trefferquote liege bei 90 Prozent, erklärte ein Sprecher der Herstellerfirma Rafael am Donnerstag. Damit habe man die Quote von 85 Prozent aus dem letzten größeren Konflikt mit der Hamas im November 2012 noch übertroffen.

Unabhängige Experten bezweifeln diese Zahlen. Die "New York Times" zitierte Fachleute mit der Aussage, "Iron Dome" habe im November 2012 höchstens 40 Prozent der anfliegenden Raketen abgefangen. Der renommierte US-Rüstungsexperte Theodore Postol glaubt, "Iron Dome" habe nur in fünf bis zehn Prozent der Fälle den Gefechtskopf der anvisierten Rakete zerstört. Mordechai Shefer, früher bei Rafael beschäftigt, wollte in rund zwei Dutzend Abschussvideos sogar keinen einzigen Treffer erkannt haben.

Reichweiten der Hamas-Raketen
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Reichweiten der Hamas-Raketen

Doch selbst wenn die 90-Prozent-Trefferquote realistisch ist: Derzeit existieren nur sieben "Iron Dome"-Batterien, die je nach aktueller Bedrohungslage ihre Standorte innerhalb Israels wechseln. Deshalb liegen immer nur Teile des Landes unter dem Schutzschirm. Hinzu kommt, dass das zu verteidigende Gebiet in den vergangenen Monaten deutlich größer geworden ist, weil die Hamas inzwischen nahezu ganz Israel beschießen kann (siehe Grafik). Selbst in Haifa, rund 150 Kilometer vom Gazastreifen entfernt, heulten am Freitag die Sirenen, wie auch am Flughafen von Tel Aviv.

Hamas-Raketen reichen weiter und werden präziser

10.000 Raketen schlummern im Arsenal der Hamas, vermutet das israelische Militär. Rund zehn Prozent davon seien Waffen mit größerer Reichweite, sagte Yaakov Amidror, Generalmajor der israelische Reserve, dem "Christian Science Monitor". Die weitest reichende ist die M-302, die laut öffentlich zugänglichen Informationen bis zu 160 Kilometer weit fliegen kann. Zwar fing die israelische Armee im März eine größere Lieferung dieser Raketen ab, bevor sie auf dem Seeweg den Gazastreifen erreichen konnte. Dennoch soll die Hamas mehrere hundert M-302 besitzen.

Auch Hamas-Raketen kürzerer Reichweite, wie etwa die M-75, können Tel Aviv und Jerusalem erreichen. Sie sollen zudem deutlich präziser sein als noch Ende 2012. "Die Qualität scheint gut zu sein, fast wie aus einer Fabrik", sagte der israelische Raketenfachmann Uzi Rubin. Das sei ein deutlicher Unterschied zu den kleinen Kurzstreckenraketen, die oft noch immer in Küchen zusammengeschraubt würden.

Den Beschuss zu unterbinden, ist für die israelische Armee praktisch unmöglich. Viele der Raketen werden aus Wohngebieten heraus abgefeuert, nicht selten in direkter Nähe zu Kindergärten oder Krankenhäusern. Die Täter verschwinden danach in Windeseile oder aktivieren die Raketen gar per Zeitzünder, damit sie beim Abschuss weit weg sind. Solche Stellungen schnell zu erkennen und aus der Luft zu bekämpfen, gleicht einer Sisyphusarbeit.

Uno sieht möglichen Rechtsverstoß Israels

Zwar betont die Israelische Regierung, mit ihren Präzisionswaffen lediglich die "Infrastruktur des Terros" anzugreifen: Raketenstellungen, Waffenlager und Kommandozentralen der Hamas-Milizen. Doch seit Beginn der israelischen Angriffe im äußerst dicht besiedelten Gazastreifen sind rund 100 Menschen ums Leben gekommen. Zwei Drittel davon waren Zivilisten, sagt das palästinensische Gesundheitsministerium. Zwei Drittel waren Militante, sagt die israelische Armee. Die Uno erklärte am Freitag, Israel verstoße mit den Angriffen auf Wohnhäuser im Gazastreifen womöglich gegen internationales Recht. Berichte legten nahe, dass unter den Opfern der israelischen Bomdardements auch Kinder seien.

Hochauflösende Kameras und Infrarotsensoren am Boden, in Flugzeugen und an Bord von Drohnen, Radarsysteme, das Abhören von Kommunikation im Gazastreifen: Israel nutzt zahlreiche technische Mittel im Kampf gegen die Hamas. Zwar wird es nie hundertprozentige Sicherheit geben - doch ohne "Iron Dome", sagen dessen Befürworter, wäre der Konflikt noch weit dramatischer eskaliert als ohnehin schon. Ihr Argument: Der Schutz vor den Hamas-Raketen ermögliche eine mildere Reaktion Israels. Für die Angehörigen der toten Palästinenser mag das wie Hohn klingen. "Aber hätte in den vergangenen Tagen eine Rakete auch nur einen Israeli getötet", sagt ein israelischer Rüstungsfachmann, "wären wir wohl schon in den Gazastreifen einmarschiert."

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