Nachgeforscht Schneller laufen dank Boost-Sohle?

Adidas verkauft Laufschuhe mit Spezialsohlen, die besonders gut federn. Zahlt sich das angebliche Wundermaterial wirklich aus?

Adidas-Schuh mit Boost-Sohle
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Adidas-Schuh mit Boost-Sohle

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Schuhe sind nicht nur Schuhe. Sie sind für Sportstars der Schlüssel zu millionenschweren Sponsoringdeals. Für Liebhaber sind sie Statussymbole und Sammlerstücke. Und: Für jede Generation gibt es einen neuen Hype, der aus Tretern Hightech-Produkte macht.

Nachdem inzwischen komprimierte Luft, Spezialgel, Helium und auch Computerchips schon den Weg in Schuhsohlen gefunden haben, sorgt Adidas seit einiger Zeit mit seiner Boost-Technology für Gesprächsstoff. Expandiertes thermoplastisches Polyurethan, kurz eTPU, steckt in den Sohlen. Das sieht zwar aus wie Styropor, soll aber laut Adidas besonders gut federn.

Streit mit Puma

Der Kunststoff kann angeblich Läufern helfen, mehr Energie von einem Schritt zum nächsten mitzunehmen. Und Adidas ist von seiner Technologie überzeugt. So sehr sogar, dass man sich jahrelang einen Rechtsstreit mit dem Konkurrenten Puma lieferte, der erst vor Kurzem endete - allerdings nur vorläufig.

Die Zahlen und Fakten aus Studien scheinen demnach auch für Adidas zu sprechen. Mehrere Versuche zeigten, dass elastischere Sohlen tatsächlich mehr Energie zurückspielen. Gegenüber der "Zeit" erklärte der kanadische Laufschuhguru Benno Nigg von der Universität Calgary, dass diese Schuhe in Versuchen einen Leistungsvorteil erbracht hätten.

Auch sein deutscher Kollege, der Biomechaniker Gerd-Peter Brüggemann von der Deutschen Sporthochschule Köln, konnte in einer bislang unveröffentlichten Studie zeigen, dass die Schuhe wohl hilfreich sind. Die Boost-Schuhe brachten 76 Prozent der eingesetzten Energie zurück, Vergleichsmodelle nur 71 Prozent. Und doch gibt es Zweifel daran, dass die neuen Schuhe definitiv besser sind.

"Wichtig ist, dass man sich im Schuh wohlfühlt"

Brüggemann erklärt, er habe im zweiten Teil seiner Studie die Leistung und den Energieverbrauch von Probanden mit verschiedenen Laufschuhen verglichen. Das Ergebnis: Ein Teil der Leute profitierte vom Boost, andere dagegen liefen weniger effizient mit dem Spezialkunststoff unter den Füßen.

Den Effekt erklärt sich Brüggemann damit, wie der menschliche Fuß auf unterschiedliche Sohlenhärten reagiert. Ist die Sohle eines Schuhs weicher, wird die Fußmuskulatur meist härter. Ist der Schuh aber härter, versucht der Fuß selbst mehr abzufedern. Im Ergebnis führe das dazu, dass Gesamtpaket Fuß und Schuh insgesamt immer ähnlich viel abfedern und entsprechend die Boost-Sohlen nicht unbedingt ein Plus sind.

Adidas jedoch hält auf Nachfrage an seinen Claims fest. Man habe sehr wohl auch die Leistung von Athleten mit und ohne Boost-Sohle gegeneinander verglichen und dabei bessere Leistungen festgestellt.

Was sollte also der geneigte Läufer vor dem nächsten Kauf tun? Der Rat, den Brüggemann aber auch andere Kollegen geben, klingt banal. "Wichtig ist, dass man sich im Schuh wohlfühlt", sagt der Biomechaniker aus Köln. Und tatsächlich steckt die vielleicht wichtigste Aussage über die angeblichen Wunderschuhe genau in diesem Satz.

Unterschiedliche Lauftypen

Sowohl in Brüggemanns Studie als auch in einigen Untersuchungen des Kanadiers Nigg zeigte sich, dass Sportler, die vor dem Lauf ihren Schuh als komfortabel beschrieben, die besten Leistungen ablieferten. Was jedoch die einzelnen Athleten als komfortabel beschrieben, das war höchst verschieden.

Experte Nigg geht inzwischen davon aus, dass es vier bis fünf unterschiedliche Lauftypen gibt, denen verschiedene Sohlenstärken helfen. Da man aber noch nicht genau wisse, zu wem welcher Schuh passt, sei das eigene Laufgefühl der beste Indikator.

Hinzu kommt außerdem, dass es so etwas wie einen Placebo-Effekt für Schuhe zu geben scheint. Basketballer, die das Gefühl hatten, ihre Schuhe seien leichter, waren deutlich besser mit den leichten Sneakern als mit klassischen Schuhen. Sobald sie jedoch blind die Treter testeten, war der Vorteil der leichteren Schuhe verpufft.

Springen wie Gazelle?

Am Ende scheint es also darauf anzukommen, wie gut der Schuh passt und wie sehr man an den Schnickschnack in der Sohle glaubt. So hat Adidas bereits eine weitere Serie auf den Markt geworfen, die angeblich noch besser federn soll. Die Springblades genannten Kunststofflamellen sollen Sportlern mehr Energie zurückgeben und sogar angeblich höhere Sprünge ermöglichen.

Sportblogger berichteten enthusiastisch, dass sie nach vorne katapultiert worden seien. Die Tatsache, dass bereits 2013 ein Forscher anmerkte, die Lamellen könnten schon rein von der Anordnung her nicht den Fuß wirklich pushen, haben dagegen bisher die meisten geflissentlich ignoriert.



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
matthes schwalbe 06.10.2016
1. Der Schokoriegel
MARS, soll ja lt. Werbung auch verbrauchte Energie sofort zurückbringen....
El pato clavado 06.10.2016
2. lesen Sie Kommentar # 1 von matthes schwalbe
Damit ist alles gesagt,oder ?
viwaldi 06.10.2016
3. Was soll das?
Weil ein (!) Forscher im Jahre 2013 etwas "anmerkte", soll alles nicht stimmen? Ich kenne die Wahrheit auch nicht, aber wenn ein Reporter so ein windelweiches Abschlussstatement in seinem Artikel bringt, diskreditiert er sich nur selber - nicht aber den Laufschuh. Am Ende scheint es nicht so abwegig, wenn man bei bestimmten Laufstilen durchaus einen Vorteil aus einem Trampolineffekt in der Laufsohle ziehen kann. Selbst wenn es nur 1% wäre, kann dies bei manchen Wettkämpfen entscheidend sein. Für die Masse der Hobbyläufer, die letztendlich adidas die Taschen füllen sollen, geht es eh nur um einen Wohlfühleffekt. Wer aber sieht, welchen finanziellen und technischen Aufwand viele Hobby-Radler treiben, kann doch über ein paar Laufschuhe nur lächeln. Wer gegen die Behauptung von adidas aber anstinken will, der braucht halt echte Untersuchungsreihen, und nicht die "Anmerkung" einer unbekannten Einzelperson.
dashaarindersuppe 06.10.2016
4. wenn ein Auto auf ein anderes hinten drauf fährt
dann wird ein topflappen den man dazwischenlegt kaum einen Schaden verhindern. Die Beste Federung beim Laufen ist die z form des gesamten beines und das aufsetzen mit dem vorderfuss. Top ist barfusslaufen ohne Schuhe mit der richtigen vorderfuss technik
c1250336 06.10.2016
5. Einbildung ist halt auch Bildung
Aber wenn's haltbar ist und sich nicht in Kürze platt tritt oder in seine Einzelbestandteile auflöst. Und noch ein Aber: Herr Maier-Borst, netter Artikel, ich will Sie nicht zu sehr praisen, sonst pusht das ihren Claim too much?
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