"AISat": Mini-Satellit soll Schiffe überwachen

Wer schippert wo? Ein neuer Satellit aus Deutschland soll auf diese Frage in Zukunft schnelle und präzise Antworten liefern. "AISat" soll vor allem dicht befahrene Meeresgegenden untersuchen, für die diese Informationen bisher noch fehlen.

Containerschiff im Indischen Ozean: "In der Praxis ist das nicht trivial" Zur Großansicht
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Containerschiff im Indischen Ozean: "In der Praxis ist das nicht trivial"

Berlin - Besonders spektakulär kommt das Ding unter der Decke nicht gerade daher. Das lebensgroße Modell von "AISat" sieht aus wie eine Pralinenkiste, an deren Unterseite eine übergroße Sprungfeder befestigt ist. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat mit dem Low-Cost-Satelliten aber durchaus Interessantes vor: Er soll dabei helfen, den weltweiten Schiffsverkehr aus der Luft zu überwachen - und zwar mit einer bisher nicht gekannten Genauigkeit.

"Es klingt einfach, aber in der Praxis ist das nicht trivial", Hansjörg Dittus, Chef des DLR-Instituts für Raumfahrtsysteme in Bremen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der fliegende Späher muss aus einem ganzen Haufen von Informationen die passenden heraussuchen. Technische Grundlage ist das sogenannte Automatic Identification System. Diese automatischen Sender müssen nach einer Anweisung der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO) mittlerweile auf allen großen Schiffen der Welt installiert sein. Von dort übermitteln sie ständig Schiffs- und Routeninformationen.

Allerdings reichen die UKW-Signale normalerweise nur ein paar dutzend Kilometer weit. Sobald sich die Schiffe weiter vom Land entfernen, können sie von Funkstationen bisher nicht dauerhaft erfasst werden. Ein paar Satelliten, unter anderem vom Luxemburgischen Unternehmen Luxspace, fangen immerhin schon jetzt AIS-Signale auf. Die Europäische Union will in den kommenden Jahren ein AIS-Beobachtungsnetz aufbauen, das derzeit entwickelt wird.

Doch die bisherigen Satelliten haben nach Angaben der DLR-Forscher das Problem, dass sie in besonders dicht befahrenen Meeresgegenden wie der Nordsee, dem Mittelmeer oder dem Atlantik vor der US-Küste nicht genau genug hinsehen können. Zu viele Informationen überlagern sich und verhindern eine Erkennung der Schiffe, zu viele Störsignale liegen außerdem auf benachbarten Frequenzen. Für Forscher Dittus gibt es für die Probleme eine einfache Erklärung: "Man nutzt ein für die irdische Anwendung entwickeltes System im All."

Zwei Jahre dauerte die Entwicklung

Abhilfe sollen bei den in Bremen entwickelten Nano-Satelliten die besonders lange Antenne schaffen, die eine Fokussierung auf kleine Meeresbereiche und dadurch hohe Auflösung erlaubt. Gerade einmal zwei Jahre hat die Arbeit an dem kleinen Flugkörper gedauert, der im Herbst von einer indischen Trägerrakete in eine 600 Kilometer hohe polare Umlaufbahn gebracht werden soll.

Mit "AISat" soll die Technik für besonders kleine Schiffsbeobachtungssatelliten erprobt werden. Bewährt sich das Gerät, dann könnte es schon bald Geschwister bekommen. Noch ist es nur eine Zukunftsvision: Ein Schwarm von Satelliten überwacht aus dem All den Verkehr auf den Weltmeeren. Wann immer ein Schiff verdächtige Manöver vollführt, liegen bereits wenige Minuten später entsprechende Informationen vor. Mit Radarsatelliten wie dem deutschen " TerraSAR-X" ließen sich dann weitere Informationen über das verdächtige Gefährt sammeln.

Schon jetzt werden die AIS-Schiffsdaten auch wissenschaftlich genutzt. So veröffentlichten Forscher um Bernd Blasius von der Universität Oldenburg Mitte Januar eine Karte der weltweiten Schiffsbewegungen. Um die Ausbreitung eingeschleppter Meeresbewohner abzuschätzen, hatten sie insgesamt mehr als 490.000 Schiffsbewegungen untersucht.

Doch bis tatsächlich eine größere Zahl von Schiffsbeobachtern im Formationsflug unterwegs sein wird, bleibt den Forschern noch einiges zu tun. "Große Netzwerke sind vom Boden aus schwer zu steuern. Deswegen müssen die Satelliten untereinander kommunizieren", sagt Hansjörg Dittus. Und auch ganz praktische Fragen sind derzeit noch zu klären: Bei einem Parabelflug im März wollen die DLR-Forscher die beste Strategie entwickeln, um die große Spiralantenne in der Schwerelosigkeit überhaupt ausfahren zu können.

chs

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