AKW-Betreiber Tepco: Die Vertuschungsfirma
Gefälschte Dokumente, vorgetäuschte Reparaturen, tödliche Unfälle: Das Desaster im japanischen AKW Fukushima ist der Höhepunkt einer Reihe von Skandalen der Betreiberfirma Tepco. Das Unternehmen wollte den Katastrophen-Reaktor angeblich diesen Monat stilllegen.
Die Betreiberfirma Tepco des japanischen Katastrophen-Reaktors gerät durch die Atomkatastrophe nicht das erste Mal ins Zwielicht. "Tokyo Electric Power Company", wie das Unternehmen vollständig heißt, ist eines der größten Unternehmen Japans - und affärenreich. Die gegenwärtige Katastrophe lässt nun frühere Skandale der Firma in neuem Licht erscheinen.
Vor neun Jahren musste der damalige Firmenchef von Tepco zusammen mit weiteren Managern die Firma verlassen. Japans größter Energieerzeuger war unter Verdacht geraten, in 29 Fällen Wartungsdokumente gefälscht zu haben. Die Spitzenfunktionäre übernahmen mit dem Rücktritt die Verantwortung für die Affäre. 17 Reaktoren, darunter auch der jetzige Unglücksmeiler, mussten für Inspektionen vorübergehend vom Netz genommen werden. Als Tepco die Reaktoren im Jahr 2003 wieder hochfuhr, gab es laute Proteste.
Unfälle und Vorwürfe über gefälschte Dokumente gegen Tepco gab es schon bald wieder. 2006 wurde dem Konzern vorgeworfen, Daten über die Kühlwassertemperatur in ihren Reaktoren in den Jahren 1985 und 1988 gefälscht zu haben. Die Daten seien noch 2005 bei Inspektionen vorgelegt worden. 2007 tauchten weitere gefälschte Reaktordaten von Tepco auf. Die Kraftwerke blieben aber diesmal in Betrieb.
Dafür verschob Tepco 2007 nach Bekanntwerden des Skandals die Fertigstellung neuer Reaktoren im AKW Fukushima-Daiichi, das in der Nähe des gegenwärtigen Katastrophenreaktors liegt, um ein Jahr. Eigentlich sollten die neuen Meiler 2013 und 2014 in Betrieb gehen. Der Plan dürfte nun korrekturbedürftig sein.
Nicht nur Vertuschungsaffären, auch Störfälle prägen die Geschichte der Atomanlage in Fukushima, 200 Kilometer nordöstlich von Tokio: Zuletzt war nach einem Erdbeben im Juli 2007 radioaktives Wasser aus einem Becken geschwappt, in dem verbrauchte Brennstäbe lagerten. 2006 trat radioaktiver Dampf aus einem Rohr, 2002 wurden Risse in Wasserrohren entdeckt. Im Jahr 2000 musste ein Reaktor wegen eines Lochs in einem Brennstab abgeschaltet werden. 1997 und 1994 gab es ähnliche Vorfälle, bei denen etwas Radioaktivität freigesetzt wurde.
Die gegenwärtige Katastrophe wäre angeblich fast verhindert worden: Der jetzige Katastrophen-Reaktor im Atomkraftwerk Fukushima sollte nach Angaben aus einer internationalen AKW-Datenbank noch in diesem Monat stillgelegt werden. Der Reaktor 1 des Meilers Fukushima-Daiichi sollte nach etwa 40 Jahren in diesem Monat den Betrieb einstellen. Eine Datenbank des Forschungszentrums Nuclear Training Centre (ICJT) in Slowenien nennt als "erwartetes Datum der Stilllegung" den März 2011.
Die AKW-Katastrophe könnte das Geschäft der Firma nachhaltig schädigen, denn viele Japaner waren gegenüber der Atomkraft schon vor dem Erdbeben kritisch eingestellt. Die Opposition gegen die Atomkraft ist in Japan stark - was sich auch aus der Geschichte erklärt: Das Land ist traumatisiert vom Abwurf von Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zum Ende des Zweiten Weltkriegs, bei dem die zerstörerische Energie der Kernkraft deutlich wurde.
Immer wieder gaben japanische Atomanlagen Anlass zu Sorgen, in den vergangenen Jahren gab es diverse Zwischenfälle. Aufgrund seiner Rohstoffarmut meinte Japan jedoch bislang, auf Atomkraft angewiesen zu sein. Das Land gewinnt rund 30 Prozent seines Stroms aus den landesweit 54 Atomkraftwerken.
boj/Reuters/dpa/AFP
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik Wissenschaft
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Technik
- RSS
- alles zum Thema Katastrophe in Japan 2011
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Samstag, 12.03.2011 – 17:02 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 72 Kommentare
Wenn es in einem Siedewasserreaktor zu Problemen kommt, werden sogenannte Steuerstäbe mit Cadmium- oder Borverbindungen zwischen die Uran-Brennelemente gefahren. Die Kernspaltung geht aber, gebremst, weiter. Um sie unter Kontrolle zu halten, muss der Reaktordruckbehälter dauerhaft mit Wasser gekühlt werden. Dafür sind Pumpen erforderlich, die mit Strom und im Pannenfall mit Dieselgeneratoren betrieben werden.
Wenn die generatoren ausfallen, kommen Batterien zum Einsatz. Problematisch wird es, wenn auch ihnen der Strom ausgeht. Dann kommt es nach einigen Stunden zur Kernschmelze. Teile des geschmolzenen Reaktorkerns können auf den Boden des Druckbehälters stürzen - und diesen ebenfalls aufschmelzen.
- Explosion in AKW: Japan zittert vor dem Katastrophenreaktor (12.03.2011)
- Überblick: Welche Gesundheitsgefahren jetzt drohen (12.03.2011)
- Reaktor in Fukushima: Wie es zur Kernschmelze kommt (12.03.2011)
- Japan: Regierung schickt 50.000 Soldaten in Katstrophengebiete (12.03.2011)
- Fotostrecke: Detonation in Fukushima 1
- Fotostrecke: Japan in Trümmern
- Der Freitag im Überblick: Japans schwarzer Tag (11.03.2011)
- Karten-Fotostrecke: Verheerendes Beben, gefährliche Welle
- Grenzen der Vorwarnung: Naturgewalt bezwingt Top-Technologie (11.03.2011)
- Fotostrecke: Der Tag nach dem Tsunami
- Themenseite Katastrophe in Japan: Im Ausnahmezustand
- Unfälle in Atomkraftwerken: Chronologie des Schreckens (12.03.2011)
MEHR AUS DEM RESSORT WISSENSCHAFT
-
Klimawandel
Erderwärmung: CO2, Treibhauseffekt und die Folgen - alle Nachrichten und Hintergründe -
Satellitenbilder
Blick von oben: Entdecken Sie die Schönheit der Welt - im Satellitenbild der Woche -
Artensterben
Kampf um die Vielfalt Wie der Mensch die Natur ausbeutet - und einen Massentod unter Tieren und Pflanzen verursacht -
Numerator
Rechenkunst: Zahlen und Logik - die Kolumne über die Wunderwelt der Mathematik -
Graf Seismo
Geheimnisvoller Planet: Erde, Wasser, Luft - die Kolumne über die größten Rätsel der Geoforschung

