AKW-Desaster in Fukushima Japaner wollen Strahlen-Reaktoren verpacken

Die Reaktorblöcke 1 bis 4 in Fukushima sind weiterhin außer Kontrolle. Japans Regierung greift jetzt zu verzweifelten Mitteln, um die Strahlung einzudämmen: Kunstharz soll versprüht werden, eine Plane die Anlage abdecken. Die IAEA rät zu einer Ausweitung der Evakuierungszone.

Von Cinthia Briseño

DPA/ Air Photo Service

Tokio - Die Hiobsbotschaften aus dem havarierten Katastrophen-AKW in Fukushima reißen nicht ab. Zwar erklärte der Betreiber Tepco, dessen Chef sich auf recht ungewöhnliche Weise aus dem Krisenmanagement zurückgezogen hat, am Mittwoch, die Lage in allen sechs Reaktoren habe sich verbessert.

Dann kam das kaum zu vermeidende "aber": Die Reaktorblöcke 1 bis 4 seien weiterhin noch nicht unter Kontrolle. Eine Drohne hatte doch kurz zuvor Luftaufnahmen von dem Kernkraftwerk gemacht, die das ganze Ausmaß der Zerstörung belegen.

Der Betreiber kämpft weiter gegen das atomare Desaster an. Die Techniker sind seit mehr als zwei Wochen immer wieder in der Atom-Ruine, unter extremen Arbeitsbedingungen und immer unter der lebensbedrohlichen Gefahr einer radioaktiven Kontaminierung.

Plane über die Reaktoren, Harz auf den Boden

Längst hat sich auch die Regierung eingeschaltet. Um den Austritt von radioaktiven Partikeln in die Umwelt zu stoppen, erwägt Tokio jetzt, die Reaktoren mit einer Art Schutzhülle zu versiegeln. Ein Spezialgewebe soll die Ruine abdecken. Das sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Mittwoch nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo. Auf diese Weise könnten sich Arbeiter möglicherweise jeweils für längere Zeiträume im Gefahrenbereich aufhalten.

Zudem soll der Boden rund um die schwer beschädigten Reaktoren mit Kunstharz besprüht werden. Die Methode solle am Donnerstag zunächst in einem Teilbereich getestet werden, erklärte Tepco-Sprecher Hidehiko Nishiyama. Die Idee dahinter sei, die radioaktiven Partikel am Erdboden "festzukleben". Genauere Angaben machte er allerdings nicht.

"Jede Möglichkeit", sagte Edano, würde von Regierung und Atomexperten derzeit diskutiert und geprüft. Auf der Liste hat weiterhin die Kühlung der teils freiliegenden Brennelemente in den Reaktoren höchste Priorität, um eine größere Kernschmelze zu verhindern. Experten vermuten, dass diese Prozedur noch mehrere Monate dauern könnte.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat außerhalb der evakuierten 20-Kilometer-Zone um das havarierte Kraftwerk hohe Strahlendosen gemessen. In dem 7000-Einwohner-Ort Iitate, rund 40 Kilometer nordwestlich des AKW, hätten Teams der Atombehörde die höchsten Strahlungswerte gemessen, sagte der IAEA-Experte für nukleare Sicherheit, Denis Flory. "Eine erste Beurteilung deutet darauf hin, dass eine der IAEA-Kriterien für die Evakuierung überschritten wurde", fügte er bei einer Pressekonferenz in Wien hinzu. Einer IAEA-Vertreterin zufolge ist der gemessene Wert zweimal so hoch wie der Richtwert für eine Evakuierung.

Die japanische Regierung hat ein Gebiet von 20 Kilometern rund um die beschädigten Reaktoren von Fukushima geräumt und in einem Radius von 30 Kilometern empfohlen, Türen und Fenster geschlossen zu halten. Auch die Umweltorganisation Greenpeace hatte bereits nach eigenen Messungen die Evakuierung des Ortes und eine Ausweitung der Evakuierungszone auf 40 Kilometer gefordert. Die IAEA hat im Bereich der nuklearen Sicherheit kaum Kompetenzen. Sie kann Mitgliedstaaten nur Ratschläge geben - aber nichts anordnen.

Die radioaktive Belastung des Wassers in den Gräben und Kellern des AKW Fukushima ist massiv: 1000 Millisievert pro Stunde wurden mitunter dort gemessen - Mengen, die höchste Gefahr bedeuten, wenn man mit dem Wasser in Kontakt käme. Zuvor war im Meer vor Fukushima der zulässige Wert des radioaktiven Jods 131 um das 3355fache überschritten worden.

Tepco wolle Katastrophenmeiler reaktivieren

Unter den Atomexperten, die die nächsten Maßnahmen ausarbeiten sollen, sind inzwischen auch Fachleute aus den USA: 40 Mitarbeiter hat das US-Energieministerium bereits nach Japan geschickt. Auch einige Experten der amerikanischen Atomaufsichtsbehörde NRC sind darunter. Insgesamt fünf Nuklearexperten will der französische Atomkonzern Areva in das havarierte Kernkraftwerk schicken. Die Spezialisten sollen die japanischen Arbeiter dabei unterstützen, das radioaktiv verseuchte Kühlwasser aus den teilweise zerstörten Reaktorblöcken herauszupumpen. Ganz uneigennützig dürfte die Unterstützung aus dem Ausland nicht sein: Der weltweiten Atomlobby käme es nur zugute, wenn die Atomkatastrophe nicht noch weitere Ausmaße annimmt.

Die Arbeiter in dem Katastrophen-Kernkraftwerk Fukushima sind zunehmend mit ihren Kräften am Ende. Bei ihnen wächst die Angst vor dauerhaften Gesundheitsschäden. Das sagte ein Manager einer Vertragsfirma des Betreibers Tepco der Zeitung "Asahi Shinbun". Derweil geht es den drei Technikern, die im havarierten Atomkraftwerk mit radioaktivem Wasser in Kontakt kamen, offenbar gut. "Wir haben sie untersucht und keine Strahlung messen können", sagte der Sprecher der Atomsicherheitsbehörde, Yoshiyuki Tada.

Angesichts des Desasters verwunderte es, dass Tepco scheinbar allen Ernstes darüber nachgedacht hatte, die vier Reaktoren möglicherweise eines Tages wieder in Betrieb zu nehmen. Immerhin, das haben die Verantwortlichen verworfen. "Wir haben keine andere Möglichkeit, als sie auszurangieren", sagte der kommissarische Chef der Betreiberfirma, Tsunehisa Katsumata. Die Reaktorblöcke 1 bis 4 seien durch das Erdbeben vom 11. März so stark beschädigt, dass sie unbrauchbar seien für die Stromerzeugung. Warum Tepco seine Überlegungen auf einer Pressekonferenz öffentlich mitteilte, darüber kann man nur rätseln.

Für Kopfschütteln sorgte auch die Ankündigung, dass der Konzern prüfen wolle, ob die Reaktoren 5 und 6 später wieder Strom erzeugen könnten. Nach einem Bericht des TV-Senders NHK sagte Katsumata, die Entscheidung darüber hänge von Beratungen mit Experten, der Regierung und den Anwohnern ab.

Japan überprüft Atommeiler

Die japanische Regierung zieht eine Verstaatlichung der Betreiberfirma in Erwägung. Bis es möglicherweise tatsächlich dazu kommt, werden aber vermutlich weiterhin radioaktive Substanzen in die Umwelt gelangen. Hinzu kommt, dass in Bodenproben innerhalb der Anlage Fukushima I hochgiftiges Plutonium entdeckt wurde.

Mit Blick auf die Katastrophe zieht Japans Regierung jetzt Konsequenzen für die gesamte heimische Atomindustrie: Am Mittwoch hat sie die dringende Überprüfung aller Reaktoren des Landes angeordnet - um weitere Fukushima-Horrorszenarien zu vermeiden. Ein Schreiben in diesem Sinn richtete der Minister für Wirtschaft, Handel und Industrie, Banri Kaieda, an die Chefs der neun regionalen Stromversorger sowie an zwei weitere AKW-Betreiber.

Die derzeit abgeschalteten oder im Bau befindlichen Atomanlagen dürften nicht ohne vorherige Kontrolle in Betrieb gehen, sagte der Minister bei einer Pressekonferenz, die im Fernsehen übertragen wurde. Bis Ende April muss in allen bestehenden AKW auch bei einem Stromausfall weiter Energie verfügbar sein. Die neuen Vorkehrungen sehen außerdem vor, ständig Feuerwehrfahrzeuge mit Schläuchen vorzuhalten, um Reaktoren notfalls von außen kühlen zu können. Auch müssen die Kühlsysteme in den Meilern und Abklingbecken für verbrauchte Brennstäbe besser instand gehalten werden. Nach einer umfassenden Untersuchung der Katastrophe von Fukushima sollen weitere Schritte wie der Bau von Tsunami-Schutzmauern geprüft werden.

Insgesamt 18 Atomkraftwerke stehen im erdbebengefährdeten Japan - viele in der Nähe des Meeres.

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

Mit Material von dpa und AFP

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insgesamt 273 Beiträge
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Seite 1
jomarten, 30.03.2011
1. *
Zitat von sysopDie Reaktorblöcke 1 bis 4 in Fukushima sind weiterhin außer Kontrolle. Japans Regierung greift jetzt zu verzweifelten Mitteln, um die Strahlung einzudämmen: Kunstharz soll versprüht werden, eine Plane die Anlage abdecken. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,754074,00.html
Super, das sind ja mal richtig durchdachte Lösungsansätze. Ich hätte da auch noch einen. Die Regierung könnte Strahlung doch einfach verbieten.
christian0061 30.03.2011
2. subunternehmer...
"Das sagte ein Manager einer Vertragsfirma des Betreibers Tepco der Zeitung "Asahi Shinbun"." aha, also sind da subunternehmer aktiv, schlecht bezahlt,schlecht ausgebildet,schlecht versorgt, wie gestern hier zu lesen war, werden nach der lebensdosis freigestellt ohne anspruch auf weitere versorgung............... da haben wir also: -keinerlei versicherungsschutz für den schadensfall... - kein endlagerkonzept, keine finanzielle vorsorge für die endlagerkosten - ausgebeutete billigstarbeiter das sind die gründe weltweit, warum atomstrom sooo billig ist. bei uns in d kommt noch dazu, dass atomstrom gar nicht billig ist! danke internationale atomindustrie
haschdienews 30.03.2011
3. ...
Zitat von jomartenSuper, das sind ja mal richtig durchdachte Lösungsansätze. Ich hätte da auch noch einen. Die Regierung könnte Strahlung doch einfach verbieten.
Verbieten? Wem? Der Atom-Ruine? Ungefähr so: "Hey du Schrotthaufen, strahl nich, sonst hau ich dich!"
Miss Limone 30.03.2011
4.
ahja, und wenn dann die alles an weiterem Unheil verhindernde Plane erfolgreich jeweils über Reaktor 1 - 4 liegt, werden Reaktor 5 und 6 wieder in Betrieb genommen (Ironie.exe)
Bins 30.03.2011
5. Titel wahrscheinlich nicht "summa cum laude" fähig
Zitat von sysopDie Reaktorblöcke 1 bis 4 in Fukushima sind weiterhin außer Kontrolle. Japans Regierung greift jetzt zu verzweifelten Mitteln, um die Strahlung einzudämmen: Kunstharz soll versprüht werden, eine Plane die Anlage abdecken. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,754074,00.html
Ich habe zwar null Ahnung von der Materie, aber ist es dann nicht so, dass die folgenden, radioaktiven Partikel dann auf dem Kunstharz landen und so besser von Wind und Wetter transportiert werden können ? Scheint mir höchstens eine Lösung zu sein, wenn kein Nachschub an Partikeln erfolgt....
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