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Fessenheim: Streit um Schließung von Problem-AKW

Atomkraftwerk Fessenheim Zur Großansicht
REUTERS

Atomkraftwerk Fessenheim

Das Kernkraftwerk Fessenheim an der deutsch-französischen Grenze hat Probleme gemacht, es sollte noch dieses Jahr abgestellt werden. Doch die französische Umweltministerin widerspricht.

Das umstrittene französische Atomkraftwerk Fessenheim soll offenbar doch nicht in diesem Jahr abgeschaltet werden. Umweltministerin Ségolène Royal machte am Montagabend im Sender TF1 klar, 2016 solle lediglich die Prozedur zur Schließung des an der Grenze zu Deutschland gelegenen Atomkraftwerks eingeleitet werden.

Sie widersprach damit indirekt der grünen Wohnungsbauministerin Emmanuelle Cosse, die von einer Schließung noch in diesem Jahr gesprochen hatte.

Das Abschalten eines Atomkraftwerks sei nicht wie das "Abdrehen eines Wasserhahns", sagte Royal. Neben der Beachtung von bürokratischen Vorgaben und komplizierten Sicherheitsvorschriften müsse auch an die Zukunft der Beschäftigten gedacht werden. "In einem Atomkraftwerk wie Fessenheim arbeiten 2000 Menschen", sagte Royal.

Ihre grüne Kabinettskollegin Cosse hatte am Sonntag gesagt, Präsident François Hollande habe ihr wiederholt versichert, dass die Schließung von Frankreichs beiden ältesten Atomreaktoren noch in diesem Jahr vorgesehen sei. "Der Präsident hat versprochen, Fessenheim bis Ende 2016 zu schließen. Das ist das Datum."

Die Abschaltung eines Reaktors sei ein "ziemlich einfacher Prozess", sagte Cosse. Das Aus für Fessenheim ist seit Langem eine Forderung von Frankreichs Grünen - allerdings fällt diese Frage nicht in den Zuständigkeitsbereich der Wohnungsbauministerin.

Die Zukunft des am Rheinkanal gelegenen Atomkraftwerks, dessen zwei Reaktoren 1977 ans Netz gingen, sorgt schon seit Jahren für Streit. Angeheizt wurde dies zuletzt durch Medienberichte in Deutschland über einen gravierenden Störfall im April 2014.

Den Berichten zufolge waren die Steuerstäbe zum Abschalten des Reaktors nach einer Überflutung in Block 1 nicht mehr manövrierfähig, so dass der Block durch die Einleitung von Bor ins Kühlsystem abgeschaltet werden musste. Der staatliche Stromkonzern EDF, der das AKW betreibt, soll den Vorfall heruntergespielt haben.

"Insgesamt zufriedenstellend"

Die französische Atomaufsichtsbehörde ASN hält den Zustand des Kraftwerks für "insgesamt zufriedenstellend". Zu einer Schließung aus Sicherheitsgründen gebe es "keinen Grund".

Hollande hatte im Wahlkampf versprochen, das Atomkraftwerk in seiner bis zum Frühjahr 2017 laufenden Amtszeit abzuschalten. Als Präsident beteuerte er zunächst, das AKW werde bis Ende 2016 geschlossen.

Später rückte der Sozialist aber davon ab. Hintergrund sind massive Probleme beim Bau eines neuen Atomreaktors im nordfranzösischen Flamanville. Dieser hätte bereits 2012 ans Netz gehen sollen - inzwischen ist Ende 2018 angepeilt. Die französische Regierung macht ein Abschalten von Fessenheim von der Inbetriebnahme des neuen Reaktors in Flamanville abhängig.

Royal hatte deswegen bereits in der Vergangenheit gesagt, der Prozess zur Stilllegung von Fessenheim solle 2016 eingeleitet, aber erst "2018 wirksam" werden. Allerdings ist völlig unklar, ob der neue Atomreaktor in Flamanville bis dahin tatsächlich betriebsbereit ist.

Frankreich ist von der Atomkraft so abhängig wie kein anderes Land weltweit: Rund 75 Prozent des produzierten Stroms kommen aus Atomkraftwerken. Frankreich will diesen Anteil bis 2025 auf 50 Prozent senken und dazu erneuerbare Energien massiv ausbauen.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte jüngst erneut aus Sicherheitsbedenken die Stilllegung von Fessenheim gefordert. Auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) forderte an diesem Wochenende den französischen Präsidenten in einem Brief zur sofortigen Abschaltung der grenznahen Atomkraftwerke Fessenheim und Cattenomauf.

boj/AFP

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1.
wo_st 08.03.2016
Wenn der Reaktor Fessenheim unkontrolliert sein wird, dann sind die 2000 Beschäftigten und viele andere Anwohner auch Tod, oder nur dem Tod sehr nahe.
2. Wie hoch ist der Zusatznutzen im Verhaeltnis zum Risiko?
Beat Adler 08.03.2016
Wie hoch ist der Zusatznutzen einen alten Atomreaktor weiterzubetreiben im Verhaeltnis zum Risiko? Interessant waere eine Risiko-Analyse einer Versicherungsgesellschaft: Wie hoch ist die Jahres-Praemie, um einen alten Atomreaktor, einen Dinosaurier der Technologiegeschichte, um ein weiteres Jahr zu versichern mit einer Schadenssumme von 100 Milliarden Euros? Wetten, dass die Versicherungspraemie hoeher ist, wie die Bruttoeinnahmen durch den Verkauf elektrischer Energie? Schlussfolgerung: Alle alten Atomreaktoren vom Netz, subito!
3. Tja
karl-felix 08.03.2016
jetzt rächt sich die Abhängigkeit vom Atomstrom . Auf der einen Seite Milliarden teure neue AKW die man nicht ans Laufen bringt, auf der anderen Seite Uraltmeiler die ständig mit Pannen vom Netz gehen . Das wird jetzt richtig teuer für die Franzosen . Herzlich Beileid. Dagegen sind wir in Deutschland wirklich in einer kommoden Situation , Strom im Überfluss und nicht das geringste Problem bei der Abschaltung der Atommeiler. Hoffen wir nur, dass keiner der französischen Uraltmeiler in die Luft fliegt und weite Teile unserer Heimat unbewohnbar macht. Ich wäre dafür, den Franzosen die entsprechende Strommengen kostenlos zu liefern , unter der Voraussetzung,. dass die die Schrottmeiler schliessen.
4. Nicht billig, aber sehr gefährlich
lars.manhof 08.03.2016
Wenn Fessenheim hopps geht, dann ist das schöne Süddeutschland für 2 - 3 Generationen nicht mehr bewohnbar und die CSU- und AfD-Anhänger können hautnah ausprobieren, in wievielen Ländern sie vielleicht Asyl bekommen, oder ob sie abgeschoben werden ins Herkunftsland. Diese Deutschen könnten dann verspüren, was sie früher falsch gemacht haben.
5. Atomstrom zu teuer - EDF-Finanzvorstand tritt zurück
Zuversicht7 08.03.2016
Zitat von Beat AdlerWie hoch ist der Zusatznutzen einen alten Atomreaktor weiterzubetreiben im Verhaeltnis zum Risiko? Interessant waere eine Risiko-Analyse einer Versicherungsgesellschaft: Wie hoch ist die Jahres-Praemie, um einen alten Atomreaktor, einen Dinosaurier der Technologiegeschichte, um ein weiteres Jahr zu versichern mit einer Schadenssumme von 100 Milliarden Euros? Wetten, dass die Versicherungspraemie hoeher ist, wie die Bruttoeinnahmen durch den Verkauf elektrischer Energie? Schlussfolgerung: Alle alten Atomreaktoren vom Netz, subito!
Atomstrom zu teuer - EDF-Finanzvorstand tritt zurück Zitat Aus http://www.iwr.de/ Vom 07.03.2016, 15:58 Uhr Wollte Ex-CFO Piquemal Entscheidung pro Hinkely Point C vertagen? Der 46-jährige Piquemal soll den Energiekonzern nach Informationen eines Insiders wegen der hohen Kosten für den geplanten Bau neuer Atomkraftwerke verlassen haben. Dies berichtete Bloomberg am Wochenende. Der Ex-CFO hatte sich demnach für eine Verschiebung der finalen Investitionsentscheidung für den Bau des Atomkraftwerks (AKW) Hinkley Point C im Südwesten von England ausgesprochen. Aus seiner Sicht belaste eine solche Entscheidung die Bilanz des Konzerns. Laut Bloomberg will der Konzern im April für dieses Projekt eine Entscheidung fällen. Piquemal sei mit seiner Intervention und Forderung nach einer Verschiebung gescheitert und ziehe nun die Konsequenz, heißt es. Nach einem Wort des Dankes für die geleistete Arbeit des ehemaligen CFO, der den Job bei EDF seit 2010 ausgefüllt hat, sucht man in der kurzen Mitteilung des Konzerns vergebens. Die EDF-Aktie gibt an der Pariser Börse bislang um rund sieben Prozent nach. Der Energieriese befindet sich zu knapp 85 Prozent in Händen des französischen Staates. Einer scheint wohl schon einiges zu AHNEN?
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Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
DPA
In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
DPA
Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.


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