AKW Fukushima Roboter erkunden erstmals Katastrophen-Reaktoren

Im japanischen AKW Fukushima I sind zum ersten Mal zwei ferngesteuerte Roboter in die zerstörten Reaktoren vorgedrungen. Auf Ketten pirschten sie durch die Ruine - und maßen eine radioaktive Strahlung, die 6000-mal höher ist als im Normalbetrieb.

AP/ TEPCO

Tokio - Im havarierten Atomkraftwerk Fukushima I sind zum ersten Mal ferngesteuerte Roboter zum Einsatz gekommen. Die in den USA produzierten Maschinen, sogenannte PackBots, sind in die kritischen Reaktorblöcke 1 und 3 der AKW-Ruine vorgedrungen - und haben dort hohe Radioaktivität gemessen. Das teilte ein Sprecher der japanischen Atomsicherheitsbehörde (Nisa), Hidehiko Nishiyama, an diesem Montag mit. Mit Hilfe der Roboter überprüfen die Arbeiter die Strahlendosis, den Druck und die Temperatur in den Reaktorgebäuden, um sicherzugehen, dass die Männer dort arbeiten können.

Als Folge von Beben und Tsunami war das Kühlsystem der beiden Reaktoren ausgefallen. Wasserstoffexplosionen zerstörten zudem Teile des Dachs und verteilten radioaktiv verseuchte Trümmerteile auf dem Gelände. Deshalb konnten Tepco-Arbeiter die Gebäude seit der Naturkatastrophe nicht mehr betreten.

Bis Arbeiter in die Reaktoren vorgelassen werden können, wird es noch dauern. Zunächst müssen weitere Messungen durchgeführt und vor allem die radioaktive Belastung gesenkt werden. "Für Menschen ist es noch zu gefährlich, im Inneren zu arbeiten", sagte Nisa-Sprecher Nishiyama. Der Umgang mit den empfindlichen Robotern musste jedoch erst einmal trainiert werden, ließ die AKW-Betreiberfirma Tepco mitteilen. Deshalb würden die Maschinen auch erst jetzt, fünf Wochen nach der Erdbebenkatastrophe, verwendet.

Hightech-Roboter müssen Trümmer aus dem Weg räumen

Die Hightech-Roboter werden von der Firma iRobot aus Bedford im US-Bundesstaat Massachusetts hergestellt. Der Raupenantrieb macht sie manövrierfähig, dazu können die Maschinen Türen öffnen und kleinere Trümmerteile aus dem Weg räumen. Die Aufnahmen des Roboters aus dem Reaktorgebäude 3 zeigten Berge von Schutt - auch für den Roboter sei ein Vorankommen schwierig gewesen, hieß es. In Reaktor 1 sei der PackBot in den Eingangsbereich vorgedrungen.

Die gemessene Radioaktivität betrug 10 bis 49 Millisievert pro Stunde in Block 1 und 28 bis 57 Millisievert pro Stunde in Block 3. Das ist nach Angaben des Betreibers Tepco fast 6000-mal höher als im Normalbetrieb des Reaktors. Ab einem Wert von 1000 Millisievert bestehe akute Gesundheitsgefahr durch Strahlenkrankheit, die Übelkeit und Erbrechen zur Folge hat.

Es ist nicht das erste Mal, dass der PackBot bei international beachteten Rettungseinsätzen verwendet wird. Eine frühe Version des High-Tech-Apparats wurde in den Trümmern des World Trade Centers nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eingesetzt.

Die Strahlung verzögere die Arbeiten, erklärte der Betreiber Tepco, werde jedoch den Zeitplan nicht gefährden, innerhalb von neun Monaten das havarierte Kraftwerk unter Kontrolle zu bringen. Der AKW-Betreiber hatte am Sonntag erklärt, dass die Reaktoren frühestens in etwa sechs Monaten stabilisiert werden könnten.

"Wir haben eine hohe Strahlung im Reaktor erwartet"

"Wir haben eine hohe Strahlung im Reaktor erwartet - und genau das wurde durch die Messungen der Roboter bestätigt", sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Er sei sich sicher, dass Tepco die zu erwartenden Messungen in seinem Zeitplan für eine Stilllegung der Reaktoren einkalkuliert habe, so Edano weiter. Jetzt könne das weitere Vorgehen anhand der Daten besser geplant werden.

Laut der Betreiberfirma leisten die Roboter wertvolle Vorarbeit, schon bald müsse man jedoch auch Menschen in den belasteten Reaktor schicken, allerdings nur in kurzen Zeitintervallen. Im Laufe des Montags sollen die Roboter auch im Reaktorblock 2 Messungen durchführen.

Bei aller Technologie seien es immer noch die Menschen, die den wichtigsten Einsatz in Fukushima leisteten, sagte Takeshi Makigami vom Kraftwerkbetreiber Tepco. Die Roboter könnten aber helfen, das Kontaminierungsrisiko für die eingesetzten Personen so gering wie möglich zu halten: "Wir müssen erst einmal sehen, wo wir uns hinwagen können und was dort zu tun ist." So tief wie die die Roboter am Montag sind weder Mensch noch Maschine seit dem Erdbeben am 11. März in die Reaktorruine vorgedrungen.

Große Mengen an radioaktiv kontaminiertem Wasser erschweren zudem die Arbeiten in der Atomruine. Die Einsatzkräfte hoffen, schon bald Wasser aus einem Schacht des Reaktors 2 in einen Auffangbehälter abpumpen zu können, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Jiji Press am Montag. Sorge bereite hochradioaktives Wasser, das sich in einem Tunnelschacht angesammelt habe. Es sei innerhalb eines Tages um drei Zentimeter gestiegen. Laut Verteidigungsministerium wird das Personal vor Ort deutlich aufgestockt. Rund 2500 Soldaten sollen schon bald die Sicherheitskräfte vor Ort unterstützen.

Greenpeace: Region um Atomruine stark belastet

Die Atomsicherheitsbehörde gab am Montag laut Nachrichtenagentur Jiji Press zudem bekannt, für die Kühlung der Reaktorkerne der erdbebenbeschädigten Atommeiler ein System an die Reaktoren 1 und 3 anzubringen, das Luft in die Anlage pumpe. Es nenne sich "Airfine Cooler" und sei in französischen Atommeilern bereits erprobt. Das System funktioniere wie eine Art Wärmetauscher, der die heiße Luft aus dem Innern des Reaktors nach außen bläst. Nisa-Sprecher Nishiyama sagte: "Es dürfte das erste Mal sein, dass in Japan ein solches Gerät zum Einsatz kommt."

Die Region um die Atomruine Fukushima ist nach Messungen der Umweltorganisation Greenpeace spürbar radioaktiv belastet. In der Stadt Fukushima, rund 60 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt, seien noch bis zu vier Mikrosievert pro Stunde gemessen worden, sagte Greenpeace-Experte Thomas Breuer nach einer Messkampagne am Montag in Hamburg. Ein Mikrosievert entspricht einem Tausendstel Millisievert.

Die Bevölkerung bekomme dort in 14 Tagen die höchste vertretbare künstliche Strahlendosis für ein Jahr ab. In zwei Dörfern der Region seien Werte von 7 bis 48 Mikrosievert pro Stunde gemessen worden, dort erhielten die Bewohner bereits in zwei Tagen die Jahresdosis.

Breuer forderte die japanischen Behörden auf, die Menschen besser zu schützen. Es müsse über weitere Evakuierungen nachgedacht werden, ebenso über Maßnahmen gegen den radioaktiven Staub. Spielplätze und Kindergärten sollten vielerorts geschlossen werden. "Das alles haben wir leider dort nicht gesehen", sagte Breuer.

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
DPA
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.
Mitarbeit: Rosa Vollmer

wit/jok/dpa/AP

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Seite 1
fritz_64 18.04.2011
1. wie darf ich denn das verstehen...
"Ab einem Wert von 1000 Millisievert bestehe akute Gesundheitsgefahr durch Strahlenkrankheit, die Übelkeit und Erbrechen zur Folge hat." !!übelkeit und erbrechen!!! also nur ein kleiner infekt der nach ein paar tagen auskuriert ist, oder? unter strahlenkrankheit habe ich mir eigentlich immer was anderes vorgestellt....
DonCarlos 18.04.2011
2. Was sieht man auf Bild 15 eigentlich?
"Nahaufnahme der Schutzhülle des Reaktorkerns von Block 4" http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-66983-15.html Sind da ein paar Schrauben vom Reaktordeckel locker?
der_rookie 18.04.2011
3. .
Zitat von fritz_64"Ab einem Wert von 1000 Millisievert bestehe akute Gesundheitsgefahr durch Strahlenkrankheit, die Übelkeit und Erbrechen zur Folge hat." !!übelkeit und erbrechen!!! also nur ein kleiner infekt der nach ein paar tagen auskuriert ist, oder? unter strahlenkrankheit habe ich mir eigentlich immer was anderes vorgestellt....
Man könnte auch sagen: ab 1000 Millisievert hat man 10% Todesrate innerhalb von 30 Tagen (Quelle: Wikipedia - Stichwort "Strahlenkrankheit")
tschort 18.04.2011
4. L'homme suppose, Dieu dispose.
---Zitat--- Im Rahmen einer Pressekonferenz kündigte die Betreiberfirma Tepco an, das AKW innerhalb der nächsten sechs bis neun Monate stabilisieren zu wollen. ---Zitatende--- Hoffentlich haben die Manager von Tepco dieses Vorhaben mit der Vorsehung abgestimmt. Wenn sie sich entscheidet, noch ein Erdbeben dort zu produzieren, dann wird nichts daraus...
hr_schmeiss 18.04.2011
5. ...alles nicht so wild...
Zitat von fritz_64"Ab einem Wert von 1000 Millisievert bestehe akute Gesundheitsgefahr durch Strahlenkrankheit, die Übelkeit und Erbrechen zur Folge hat." !!übelkeit und erbrechen!!! also nur ein kleiner infekt der nach ein paar tagen auskuriert ist, oder? unter strahlenkrankheit habe ich mir eigentlich immer was anderes vorgestellt....
...und selbst das ist weitgehend nur psychosomatisch, weil man Angst hat, es könnte was passieren. 57 (oder waren es 57,5?) Mäuse-Sievert, da hätten die keinen Roboter schicken brauchen. Da kann man locker fast 20 Stunden zubringen, dann kotzt man halt ein bisschen. Da sind die Kölner zur Faschingszeit schlimmeres gewohnt. "Panzerähnliche Miniatur-Ketten machen sie manövrierfähig" - kann ich mir auch nicht so richtig vorstellen...
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