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AKW Fukushima: Tepco will Reaktorgebäude mit Deckel abdichten

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Die beschädigten Reaktorgebäude im Atomkraftwerk Fukushima sollen luftdichte Deckel bekommen. Die Betreibergesellschaft Tepco will Ende Juni mit den Bauarbeiten beginnen - doch das ist nur ein erster Schritt, um das havarierte AKW zu sichern.

REUTERS/ TEPCO

Die Bilder sorgten in aller Welt für Schrecken: Am 12. März riss eine gewaltige Explosion im Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi den oberen Teil von Reaktorgebäude 1 ab. In den Tagen darauf kam es auch an den Reaktoren 3 und 4 zu ähnlichen Explosionen von Wasserstoffgas.

Jetzt, mehr als drei Monate nach dem Beginn der nuklearen Katastrophe in Japan, will die AKW-Betreibergesellschaft Tepco die Dächer der beschädigten Reaktorgebäude abdichten. Am 27. Juni sollen die Bauarbeiten am Reaktor 1 beginnen, wie Tepco am Dienstag mitteilte. Rund um das Gebäude sollen vier Säulen errichtet werden, die ein 47 mal 42 Meter großes, mehrteiliges Stahlgerüst tragen.

Das Dach soll luftdicht sein und die Freisetzung radioaktiven Materials verhindern - wie etwa Wasserdampf aus den Abklingbecken für benutzte Brennstäbe und Staub. Zugleich soll der Deckel den Regen vom beschädigten Reaktor fernhalten. Die Konstruktion soll sowohl gegen Erdbeben als auch gegen starken Wind ausreichend gesichert sein. Auch die beschädigten Gebäude der Reaktoren 3 und 4 sollen entsprechende Deckel bekommen.

"Vorübergehende Notmaßnahme"

Tepco betonte, dass es sich dabei lediglich um eine "vorübergehende Notmaßnahme" handele, bis mit einer "mittelfristigen Lösung" begonnen werde. Unabhängige Experten sehen das ähnlich. "Das Stahlgerüst ist nur eine schnelle, kurzfristige Abdeckung", sagte Joachim Knebel, Reaktorexperte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). "Der nächste Schritt ist ein massives Stahlbeton-Containment, das den Reaktor auf lange Sicht verschließt und schützt." Dazu aber sei ein komplett neues Fundament notwendig. "Das ist eine Herkulesaufgabe", meint Knebel.

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Fukushima: So wird das Katastrophen-AKW gedeckelt
Zudem sei es außerordentlich wichtig, die beschädigten Reaktoren auch im Inneren abzudichten - was nach wie vor nicht gelungen sei. Normalerweise müssen Atomreaktoren eine geschlossene Kühlkette besitzen: Wasser wird von außen zugeführt, nimmt Hitze von den Reaktoren auf, wird anschließend außen luftgekühlt und wieder an die Reaktoren gepumpt - ohne dass unterwegs etwas verloren geht. Doch das sei noch nicht der Fall, betont Knebel: "Teile des Kühlwassers fließen noch unkontrolliert in die tieferen Räume der Reaktorgebäude und müssen von dort abgepumpt werden - entweder zurück in die Reaktordruckbehälter oder in Behälter zur Zwischenlagerung."

Tepco arbeitet weiter daran, eine Anlage zur Dekontaminierung des Wassers an diesem Freitag in Betrieb zu nehmen. Das Ziel: Statt immer neues Wasser in das AKW zu pumpen, soll das verseuchte Wasser recycelt und zur weiteren Kühlung verwendet werden. Zudem behindert das verseuchte Wasser die Arbeiten zur Instandsetzung der zerstörten Kühlsysteme des Kraftwerks.

Tepco-Aktienkurs steigt stark an

Um Wasserstoffexplosionen wie in Fukushima künftig zu verhindern, plant Tepco weitere Sicherheitsmaßnahmen an zwei Atomkraftwerken. Sieben Reaktoren der Anlage Kashiwazaki-Kariwa im Norden Japans würden mit Entlüftungssystemen ausgestattet, teilte Tepco mit. Auch im Kernkraftwerk Fukushima-Daini würden Löcher in das Dach geschnitten und weitere Sicherheitsmaßnahmen getroffen, um im Unglücksfall schwere Explosionen zu verhindern.

Finanziell geht es für Tepco momentan steil bergauf. Nach der Ankündigung eines milliardenschweren Rettungsplans ist der Aktienkurs des Unternehmens am Mittwoch weiter stark gestiegen. Im ersten Handelsabschnitt legten Tepco-Papiere an der Börse in Tokio gut 28 Prozent zu und verbesserten sich um 70 auf 319 Yen (etwa 2,75 Euro). Bereits am Dienstag waren die Aktien um mehr als 25 Prozent gestiegen. Die Tepco-Aktien waren seit der Atomkatastrophe am 11. März um fast 90 Prozent abgestürzt.

Die japanische Regierung hatte zuvor beschlossen, einen Fonds einzurichten, um die mehr als 85.000 Opfer des Atomunfalls in Fukushima vor drei Monaten entschädigen zu können. Neben dem Staat sollen auch andere Energiekonzerne in den Fonds einzahlen. Das Parlament muss den Rettungsplan noch billigen. Dort wird starker Widerstand erwartet.

Radioaktivität bei Walen gemessen

Unterdessen haben japanische Walfänger bei zwei im Pazifik getöteten Zwergwalen Spuren von Radioaktivität entdeckt. Die beiden kürzlich vor der japanischen Nordinsel Hokkaido gefangenen Tiere wiesen 31 beziehungsweise 24,3 Becquerel radioaktiven Cäsiums pro Kilogramm auf, wie ein Fischereibeamter am Mittwoch erklärte. Grund sei möglicherweise der Unfall im Atomkraftwerk Fukushima. Die Radioaktivitätswerte lägen aber weit unter dem kürzlich in Japan festgelegten Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Zudem gebe es keine Vergleichsdaten, mit denen festgestellt werden könnte, ob die gemessenen Werte höher als normal seien. "Wir werden die Entwicklung weiter beobachten", fügte der Beamte hinzu.

Was den Walfängern drohen könnte, ist für Teeanbauer bereits Realität: Einige Plantagen in Japans größter Teeanbau-Provinz Shizuoka sollen den Verkauf radioaktiv belasteter Teeblätter stoppen. Wie die lokalen Behörden am Mittwoch bekanntgaben, wurden fünf Plantagen in Shizuoka aufgefordert, freiwillig den Vertrieb der Blätter einzustellen und die bereits ausgelieferten zurückzurufen.

Bei Untersuchungen war in den Teeblättern eine radioaktive Belastung oberhalb der Grenzwerte gemessen worden. Die Behörden hatten 20 Plantagen in dem Anbaugebiet Warashina, 370 Kilometer südwestlich von der Atomruine Fukushima, untersucht. In Warashina war vor kurzem in getrockneten Teeblättern radioaktives Cäsium festgestellt worden.

Der Bürgermeister der Provinzhauptstadt Shizuoka erklärte laut Medienberichten, er werde von der Zentralregierung in Tokio Schadensersatz verlangen. Japan hatte im vergangenen Jahr 83.000 Tonnen an getrockneten Teeblättern produziert. Davon entfielen 40 Prozent auf die Provinz Shizuoka. Die lokalen Behörden wollen nun weitere Strahlenmessungen vornehmen.

Mit Material von AFP und dapd

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1. Der Aktionär, das unbekannte Wesen
ddkddk 15.06.2011
Tepco hat nicht nur mehrere Anlagen unrettbar verloren, sondern es fallen für deren Sicherung Kosten in überhaupt noch nicht bezifferbarer Höhe an. Gleichwohl steigt der Aktienkurs. Das scheint wohl nur vor dem Hintergrund erklärbar, dass die Anleger erwarten, dass das Unternehmen wegen seiner schieren Größe und seinen Verbindungen zur Politik nicht pleite gehen kann. Die Anleger dürften ferner davon ausgehen, dass der Durchbruch geschafft ist, wobei mit Durchbruch staatliche Hilfe und Förderung sowohl für die Sicherung der durchgegangenen Meiler als auch den Ausbau bestehender Meiler gemeint ist.
2. ===
Originalaufnahme 15.06.2011
Zitat von sysopDie beschädigten Reaktorgebäude im Atomkraftwerk Fukushima sollen luftdichte Deckel bekommen. Die Betreibergesellschaft Tepco will Ende Juni mit den Bauarbeiten beginnen - doch das ist nur ein erster Schritt, um das havarierte AKW zu sichern. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,768550,00.html
Und wieder ein neuer Thread. Ich hoffe, dass SPON auch ueber dieses Ereignis berichtet: Das Gelaende des US-amerikanischen AKW Fort Calhoun ist seit Anfang Juni durch das Missouri-Hochwasser ueberschwemmt. Siehe hier: http://www.youtube.com/watch?v=mSvvmrB7qEg&feature=related Am 7. Juni gab es dort einen Brand, der eine teilweise Evakuierung erforderte und das Kuehlsystem fuer ein Abklingbecken fuer eine Stunde ausser Betrieb setzte. Gestern (!) wurde dort ein Unfall der INES-Stufe 4 gemeldet (geringe Freisetzung - einige 10 bis einige 100 TBq - Strahlenexposition der Bevölkerung etwa in der Höhe der natürlichen Strahlenexposition) und der Luftraum ueber der Anlage "mit sofortiger Wirkung und bis auf Weiteres" gesperrt. Dies betrifft einen Radius von zwei Seemeilen bis zu einer Flughoehe von 3500 Fuss. Laut Behoerden handelt es sich um eine "Vorsichtsmassnahme". Quellen: http://tfr.faa.gov/save_pages/detail_1_6523.html http://ncrenegade.com/editorial/no-fly-zone-over-fort-calhoun-nuclear-plant-due-to-hazards/ http://shem.se/index.php?option=com_content&view=article&id=2182:alert-fort-calhounnebraska-nuclear-plant-flooded-about-to-get-worse-61411-&catid=13:environmental-news http://en.wikipedia.org/wiki/Fort_Calhoun_Nuclear_Generating_Station http://www.wowt.com/home/headlines/Ft_Calhoun_Flood_Defenses_123878599.html
3. Tepco Deckel
SystemX 15.06.2011
Tepco, Deckel, Japaner... Was für eine krasse Mischung und Ausgeburt des Wahnsinns.
4. asdfghjkl
Rodelkönig 15.06.2011
Zitat von ddkddkTepco hat nicht nur mehrere Anlagen unrettbar verloren, sondern es fallen für deren Sicherung Kosten in überhaupt noch nicht bezifferbarer Höhe an. Gleichwohl steigt der Aktienkurs. Das scheint wohl nur vor dem Hintergrund erklärbar, dass die Anleger erwarten, dass das Unternehmen wegen seiner schieren Größe und seinen Verbindungen zur Politik nicht pleite gehen kann. Die Anleger dürften ferner davon ausgehen, dass der Durchbruch geschafft ist, wobei mit Durchbruch staatliche Hilfe und Förderung sowohl für die Sicherung der durchgegangenen Meiler als auch den Ausbau bestehender Meiler gemeint ist.
Genau. Das wär doch hier bei uns in Deutschland auch nicht anders. Haltet aus! Haltet aus! Der Steuerzahler haut Euch raus! Viele Grüße
5. Aus Sicht der Hedge-Fonds
JayMAF 15.06.2011
Zitat von ddkddkTepco hat nicht nur mehrere Anlagen unrettbar verloren, sondern es fallen für deren Sicherung Kosten in überhaupt noch nicht bezifferbarer Höhe an. Gleichwohl steigt der Aktienkurs. Das scheint wohl nur vor dem Hintergrund erklärbar, dass die Anleger erwarten, dass das Unternehmen wegen seiner schieren Größe und seinen Verbindungen zur Politik nicht pleite gehen kann. Die Anleger dürften ferner davon ausgehen, dass der Durchbruch geschafft ist, wobei mit Durchbruch staatliche Hilfe und Förderung sowohl für die Sicherung der durchgegangenen Meiler als auch den Ausbau bestehender Meiler gemeint ist.
Aus Sicht der Hedge-Fonds ein prima Geschäft. http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/:reaktorkatastrophe-investoren-wetten-auf-hilfe-fuer-tepco/60065191.html
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Atom-Ruine: Kämpfe an allen Fronten
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Japan: Das Krisen-AKW Fukushima

Die wichtigsten Fragen zur Strahlengefahr
Was richtet Strahlung im menschlichen Körper an?
Die Schwere der Schäden hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Erste Symptome einer Strahlenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Stunden nach Einwirken der Strahlung auf den Körper auf. Klingen die Symptome ab, stellt sich nach einigen Tagen Appetitlosigkeit, Übermüdung und Unwohlsein ein, die einige Wochen andauern.
Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit bei hoher Dosis enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe. Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.
Wie verläuft eine leichte Strahlenkrankheit?
Menschen mit einer leichten Strahlenkrankheit erholen sich zwar in der Regel wieder. Doch oft bleibt das Immunsystem ein Leben lang geschwächt, die Betroffenen haben häufiger mit Infektionserkrankungen und einem erhöhten Krebsrisiko zu kämpfen.
Wie kann man sich schützen?
Im Gebiet, in dem ein nuklearer Niederschlag zu befürchten ist, kann es helfen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Gegen radioaktives Jod schützt die vorsorgliche Einnahme von Kaliumjodidtabletten. Allerdings schützt diese nur vor Schilddrüsenkrebs. Das eingenommene Jod lagert sich in den Drüsen links und rechts des Kehlkopfes an und verhindert so die Aufnahme von radioaktivem Jod. Wichtig: Jodtabletten nicht ohne behördliche Aufforderung einnehmen.
Radioaktives Jod baut sich in der Umwelt allerdings schnell ab. Gefährlicher ist radioaktives Cäsium, es hat eine längere Lebensdauer und wirkt bei Aufnahme durch die Luft oder über Nahrungsmittel im ganzen Körper. Dagegen helfen keine Pillen. Bricht ein Reaktor, wie in Tschernobyl geschehen, auseinander, gelangen großen Mengen Cäsium in die Atmosphäre und verstrahlen die Gegend, in der die Partikelwolke niedergeht, auf viele Jahre.
Was bedeutet die Maßeinheit Millisievert?
Sievert (Sv) ist eine Maßeinheit für radioaktive Strahlung. Ein Sievert entspricht 1000 Millisievert. Die Einheit gibt die sogenannte Äquivalentdosis an und ist somit ein Maß für die Stärke und für die biologische Wirksamkeit von Strahlung.
7000 Millisievert, also sieben Sievert, die direkt und kurzfristig auf den Körper treffen, bedeuten den sicheren Tod (siehe Grafik). Zum Vergleich: Am Montagmorgen maßen die Techniker am Kraftwerk Fukushima I eine Intensität von 400 Millisievert pro Stunde. In Tschernobyl tötete die Strahlung von 6000 Millisievert 47 Menschen, die unmittelbar am geborstenen Reaktor arbeiteten.
Wie hoch ist die Belastung im Alltag?
Menschen sind tagtäglich der natürlichen radioaktiven Strahlung im Boden oder der Atmosphäre ausgesetzt. In Deutschland beträgt sie laut Bundesamt für Strahlenschutz 2,1 Millisievert pro Jahr (siehe Grafik). Der menschliche Organismus hat Abwehrmechanismen gegen die natürliche Strahleneinwirkung entwickelt, um sich vor diesen Belastungen zu schützen.


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