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25. August 2011, 11:32 Uhr

AKW-Katastrophe

Fukushima setzte mehr Cäsium frei als Hiroshima-Bombe

Die Explosion des Atomkraftwerks im japanischen Fukushima hatte gravierendere Folgen als angenommen: Sie setzte weitaus mehr radioaktives Cäsium frei als die Atombombe in Hiroshima. Dennoch lassen sich beide Katastrophen kaum vergleichen.

Tokio - Die seit dem Beginn der Atomkatastrophe von Fukushima freigesetzte Menge radioaktiven Cäsiums ist laut einem Zeitungsbericht 168 Mal höher als bei der Explosion der Atombombe von Hiroshima. Seit Beginn der durch das Erdbeben und den folgenden Tsunami vom 11. März ausgelösten Katastrophe seien 15.000 Terabecquerel Cäsium 137 freigesetzt worden, berichtete die Zeitung "Tokyo Shimbun" am Donnerstag. Bei der Explosion der Atombombe von Hiroshima im August 1945 seien - neben zahlreichen anderen Spaltprodukten - insgesamt 89 Terabecquerel an radioaktivem Cäsium freigesetzt worden. Die Zeitung beruft sich auf Berechnungen der Regierung.

Allerdings bezeichnet die Regierung selbst solche Vergleiche als "irrational". Die freigesetze Menge radioaktiver Stoffe bei einem Unglück in einem Atomkraftwerk und bei der Explosion einer Bombe lasse sich nicht vergleichen. In Hiroshima starben 140.000 Menschen sofort oder in den Monaten nach dem Abwurf der Atombombe. Neben der Radioaktivität, die von diversen Substanzen ausging, sorgten vor allem die Druckwelle und die Hitze der Bombe für viele Opfer.

Werden die Zahlen des französischen Instituts für Atomsicherheit (IRSN) zum Maßstab genommen, wurde bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 25 Jahren rund 900 Mal mehr Cäsium 137 freigesetzt als bei der Explosion der Atombombe von Hiroshima.

Unterdessen hat die japanischen Atomaufsicht bekannt gegeben, dass die Betreibergesellschaft des havarierten Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi sich der unzureichenden Schutzmaßnahmen im Falle eines großen Tsunami bewusst war. Der Betreiber Tepco habe erst vier Tage vor dem verheerenden Erdbeben der Stärke 9,0 vom 11. März und dem folgenden Tsunami, die Aufsichtsbehörde Nisa darüber informiert, dass Wellen von mehr als zehn Metern Höhe die Anlage treffen könnten. Ausgelegt war das Atomkraftwerk aber nur für Wellen, die halb so hoch sind.

Warnung vor dem Tsunami

Die Behörde habe Tepco empfohlen, Maßnahmen zum Schutz vor einem größeren Tsunami zu ergreifen, ohne dabei aber spezielle Anweisungen zu erteilen, berichtete die Nisa am Mittwoch. Das rund 240 Kilometer nördlich von Tokio gelegene AKW in Fukushima war am 11. März durch ein schweres Erdbeben und einen dadurch ausgelösten Tsunamischwer beschädigt worden. Die Wellen waren mit 15 Metern noch höher als von Tepco erwartet. Es war die schwerste Atomkatastrophe seit Tschernobyl im Jahr 1986.

Nach den Explosionen und Bränden in Fukushima wurde eine 20-Kilometer-Sperrzone um das havarierte Atomkraftwerk eingerichtet. Noch immer leben mehr als 85.000 Menschen in Notunterkünften oder Fertigbauten ohne jegliche Gewissheit, ob sie jemals in ihre Häuser zurückkehren können.

Derzeit treten nach Angaben der Regierung aus den Reaktoren 1, 2 und 3 noch maximal 200 Millionen Bequerel an radioaktiven Substanzen aus. Vor gut einem Monat waren es noch eine Milliarde Bequerel. Nach Angaben eines Regierungssprechers will der Staat zunächst weitere genaue Strahlenmessungen und Dekontaminierungsschritte abwarten sowie sich mit den betroffenen Gemeinden beraten, bevor eine endgültige Entscheidung über Dauer und Umfang der Sperrzone gefällt wird.

Ende Juli hatte die japanische Regierung angekündigt, weiteren Haushalten in der Nähe des havarierten Atomkraftwerks Fukushima eine Evakuierung empfehlen zu wollen. Man werde weitere Stellen in einem Wohngebiet benennen, bei denen die Strahlenbelastung über eine international empfohlene Höchstgrenze zu steigen drohen könnte. Im April hatte die japanische Regierung allerdings zu einer umstrittenen Maßnahme gegriffen: Sie hatte festgelegt, dass für Schulkinder in der Region Fukushima die Jahresbelastung mit bis zu 20 Millisievert als unbedenklich einzustufen sei. Das ist der gleiche Wert, dem in Deutschland beispielsweise AKW-Mitarbeiter ausgesetzt sein dürfen.

boj/AFP/dapd

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