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AKW-Katastrophe: Fukushima setzte mehr Cäsium frei als Hiroshima-Bombe

Die Explosion des Atomkraftwerks im japanischen Fukushima hatte gravierendere Folgen als angenommen: Sie setzte weitaus mehr radioaktives Cäsium frei als die Atombombe in Hiroshima. Dennoch lassen sich beide Katastrophen kaum vergleichen.

AKW in Fukushima: Explosion am 11. März 2011 setzte große Mengen Radioaktivität frei Zur Großansicht
AP/ NTV Japan via APTN

AKW in Fukushima: Explosion am 11. März 2011 setzte große Mengen Radioaktivität frei

Tokio - Die seit dem Beginn der Atomkatastrophe von Fukushima freigesetzte Menge radioaktiven Cäsiums ist laut einem Zeitungsbericht 168 Mal höher als bei der Explosion der Atombombe von Hiroshima. Seit Beginn der durch das Erdbeben und den folgenden Tsunami vom 11. März ausgelösten Katastrophe seien 15.000 Terabecquerel Cäsium 137 freigesetzt worden, berichtete die Zeitung "Tokyo Shimbun" am Donnerstag. Bei der Explosion der Atombombe von Hiroshima im August 1945 seien - neben zahlreichen anderen Spaltprodukten - insgesamt 89 Terabecquerel an radioaktivem Cäsium freigesetzt worden. Die Zeitung beruft sich auf Berechnungen der Regierung.

Allerdings bezeichnet die Regierung selbst solche Vergleiche als "irrational". Die freigesetze Menge radioaktiver Stoffe bei einem Unglück in einem Atomkraftwerk und bei der Explosion einer Bombe lasse sich nicht vergleichen. In Hiroshima starben 140.000 Menschen sofort oder in den Monaten nach dem Abwurf der Atombombe. Neben der Radioaktivität, die von diversen Substanzen ausging, sorgten vor allem die Druckwelle und die Hitze der Bombe für viele Opfer.

Werden die Zahlen des französischen Instituts für Atomsicherheit (IRSN) zum Maßstab genommen, wurde bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 25 Jahren rund 900 Mal mehr Cäsium 137 freigesetzt als bei der Explosion der Atombombe von Hiroshima.

Unterdessen hat die japanischen Atomaufsicht bekannt gegeben, dass die Betreibergesellschaft des havarierten Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi sich der unzureichenden Schutzmaßnahmen im Falle eines großen Tsunami bewusst war. Der Betreiber Tepco habe erst vier Tage vor dem verheerenden Erdbeben der Stärke 9,0 vom 11. März und dem folgenden Tsunami, die Aufsichtsbehörde Nisa darüber informiert, dass Wellen von mehr als zehn Metern Höhe die Anlage treffen könnten. Ausgelegt war das Atomkraftwerk aber nur für Wellen, die halb so hoch sind.

Warnung vor dem Tsunami

Die Behörde habe Tepco empfohlen, Maßnahmen zum Schutz vor einem größeren Tsunami zu ergreifen, ohne dabei aber spezielle Anweisungen zu erteilen, berichtete die Nisa am Mittwoch. Das rund 240 Kilometer nördlich von Tokio gelegene AKW in Fukushima war am 11. März durch ein schweres Erdbeben und einen dadurch ausgelösten Tsunamischwer beschädigt worden. Die Wellen waren mit 15 Metern noch höher als von Tepco erwartet. Es war die schwerste Atomkatastrophe seit Tschernobyl im Jahr 1986.

Nach den Explosionen und Bränden in Fukushima wurde eine 20-Kilometer-Sperrzone um das havarierte Atomkraftwerk eingerichtet. Noch immer leben mehr als 85.000 Menschen in Notunterkünften oder Fertigbauten ohne jegliche Gewissheit, ob sie jemals in ihre Häuser zurückkehren können.

Derzeit treten nach Angaben der Regierung aus den Reaktoren 1, 2 und 3 noch maximal 200 Millionen Bequerel an radioaktiven Substanzen aus. Vor gut einem Monat waren es noch eine Milliarde Bequerel. Nach Angaben eines Regierungssprechers will der Staat zunächst weitere genaue Strahlenmessungen und Dekontaminierungsschritte abwarten sowie sich mit den betroffenen Gemeinden beraten, bevor eine endgültige Entscheidung über Dauer und Umfang der Sperrzone gefällt wird.

Ende Juli hatte die japanische Regierung angekündigt, weiteren Haushalten in der Nähe des havarierten Atomkraftwerks Fukushima eine Evakuierung empfehlen zu wollen. Man werde weitere Stellen in einem Wohngebiet benennen, bei denen die Strahlenbelastung über eine international empfohlene Höchstgrenze zu steigen drohen könnte. Im April hatte die japanische Regierung allerdings zu einer umstrittenen Maßnahme gegriffen: Sie hatte festgelegt, dass für Schulkinder in der Region Fukushima die Jahresbelastung mit bis zu 20 Millisievert als unbedenklich einzustufen sei. Das ist der gleiche Wert, dem in Deutschland beispielsweise AKW-Mitarbeiter ausgesetzt sein dürfen.

boj/AFP/dapd

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Wie war das noch?
Günter Bodendörfer 25.08.2011
Zitat von sysopDie Explosion des Atomkraftwerks im japanischen Fukushima hatte gravierendere Folgen als angenommen: Sie*setzte weitaus mehr radioaktives Cäsium frei als die Atombombe in Hiroshima. Dennoch lassen sich beide Katastrophen kaum vergleichen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,782303,00.html
Harmlose Wasserstoffexplosion. Die Gesundbeter werden sicher gleich auftreten.
2. ..
firstdayhome 25.08.2011
hört sich krank an erst abzuwarten was passiert und dann die bevölkerung über die nächsten schritte zu informieren, die ja ohnehin schon zu spät kommen einfach unglaublich
3. Es bleiben grundlegende Fragen offen
kabelfritze 25.08.2011
Ich würde gerne wissen, von wem die Messergebnisse stammen und was wo wie gemessen wurde. Auch würde mich interessieren, ob die Daten sich nur auf die Verseuchung an Land beziehen, oder ob die Kontamination des Meeres da mit drin ist. Ich vermute Ersteres, wobei man getrost davon ausgehen kann, dass die Belastung von Grund- und Meerwasser um ein Vielfaches höher ist. Wenn man mal Folgendes in Beziehung setzt: nach Hiroshima und Nagasaki wurden ganze 30 Fälle von Behinderung in Folge radioaktiver Einwirkung staatlicherseits anerkannt. Wir wissen auch, dass es in der japanischen Gesellschaft als unschicklich gilt, persönliches Leid zu präsentieren. Man muss annehmen, dass dies 1945 noch wesentlich ausgeprägter war. Die Dunkelziffer liegt mit Sicherheit dramatisch darüber. Zweitens haben die Japaner aber nicht die letzten Monate die Luft angehalten und sich von Astronautennahrung ernährt. Selbst wenn man nur die 30 offiziellen Fälle mit 168 multipliziert, sind das über 5000 bis zur Lebensunfähigkeit behinderte Neugeborene. Ich find das so furchtbar, dass bei mir der Selbstschutzreflex greift. Wer sich dieses Leid vollumfänglich vorstellen könnte, würde wohl den Rest seiner Tage in der Klapse verbringen, so traurig ist das.
4. Hiroshima vs. Fukushima
ANDIEFUZZICH 25.08.2011
Zitat von Günter BodendörferHarmlose Wasserstoffexplosion. Die Gesundbeter werden sicher gleich auftreten.
Das ist alles typisch desinformationshaft. Japan ist anscheinend überfordert, mit der Katastrophe allein klarzukommen. Hier mein dritter Versuch mal was zur Aufklärung beizutragen: http://www.fairewinds.com/updates
5. ...
Bernhard Fischer 26.08.2011
Zitat von kabelfritzeIch würde gerne wissen, von wem die Messergebnisse stammen und was wo wie gemessen wurde. Auch würde mich interessieren, ob die Daten sich nur auf die Verseuchung an Land beziehen, oder ob die Kontamination des Meeres da mit drin ist. Ich vermute Ersteres, wobei man getrost davon ausgehen kann, dass die Belastung von Grund- und Meerwasser um ein Vielfaches höher ist. Wenn man mal Folgendes in Beziehung setzt: nach Hiroshima und Nagasaki wurden ganze 30 Fälle von Behinderung in Folge radioaktiver Einwirkung staatlicherseits anerkannt. Wir wissen auch, dass es in der japanischen Gesellschaft als unschicklich gilt, persönliches Leid zu präsentieren. Man muss annehmen, dass dies 1945 noch wesentlich ausgeprägter war. Die Dunkelziffer liegt mit Sicherheit dramatisch darüber. Zweitens haben die Japaner aber nicht die letzten Monate die Luft angehalten und sich von Astronautennahrung ernährt. Selbst wenn man nur die 30 offiziellen Fälle mit 168 multipliziert, sind das über 5000 bis zur Lebensunfähigkeit behinderte Neugeborene. Ich find das so furchtbar, dass bei mir der Selbstschutzreflex greift. Wer sich dieses Leid vollumfänglich vorstellen könnte, würde wohl den Rest seiner Tage in der Klapse verbringen, so traurig ist das.
Sie würden gerne wissen, von wem die Messergebnisse stammen und was wo wie gemessen wurde. Ich empfehle hier (http://fukushima.physikblog.eu/discussion/5/blog-strahlenwerte-in-japan#Item_410) und hier (http://fukushima.physikblog.eu/discussion/79/nd-oder-die-kunst-der-nichtmessung#Item_15) sich Informationen zu holen, welche auf japanische Originalquellen verweisen.... ebenso bei EX-SKF und Enformable Sie werden sich über all diese Manipulationen sicher sehr erschrecken!!!
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Fotostrecke
Fukushima: So wird das Katastrophen-AKW gedeckelt

Das Tsunami-Beben von Japan

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

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