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AKW-Katastrophe in Japan: Im Trümmerfeld von Fukushima

Zum ersten Mal gibt es Bilder, die den Zustand des AKW Fukushima aus nächster Nähe zeigen: überall Trümmer, Metall, Beton. Und dazwischen Arbeiter, die versuchen, Reaktorruinen zu kühlen. Immerhin ist es gelungen, ein Stromkabel zu verlegen - jetzt muss das Kühlsystem anspringen.

DPA/ DigitalGlobe

Im havarierten japanischen Atomkraftwerk Fukushima I soll an diesem Wochenende die Stromversorgung wieder in Gang gebracht werden. Im Eingangsbereich des Meilers ist sie nach Angaben der Betreibergesellschaft Tepco bereits wiederhergestellt. Dies sei ein wichtiger Schritt bei dem Versuch, die Kühlsysteme der Reaktoren möglichst bald wieder zu aktivieren. Seit Tagen kühlen Ingenieure, Soldaten und Feuerwehrleute die überhitzten Reaktorblöcke im Nordosten der Hauptinsel Honshu notdürftig, um eine Kernschmelze zu verhindern. (Alle Nachrichten im Liveticker.)

Am Sonntag könnte das Kühlsystem von Reaktor 2 wieder ans Stromnetz angeschlossen werden, sagte ein Sprecher der japanischen Behörde für Atomsicherheit am Samstagabend (Ortszeit). Die Betreiberfirma Tepco bestätigte die Information zunächst nicht. Eine Stromleitung zum Kühlsystem ist bereits gelegt; der Block gilt als am wenigsten beschädigt. Doch ob die Aktion glückt, ist nicht sicher. Das Erdbeben und der Tsunami haben die elektrischen Installationen verwüstet. Die Ingenieure müssen Risiken wie eine durch Funkenflug ausgelöste Explosion erst ausschließen, teilte ein Sprecher der japanischen Atomaufsichtsbehörde mit. Und: Ob die Wasserpumpen noch funktionieren und die Kühlsysteme wieder in Gang kommen, ist auch unklar.

Wie schwer die Schäden sind, wird anhand der Bilder deutlich, die das japanische Verteidigungsministerium jetzt veröffentlicht hat. Erstmal ist darauf aus der Nähe zu sehen, wie schwer die Anlage getroffen wurde - vom Erdbeben, Tsunami und den Explosionen. In ihren Strahlenschutzanzügen bewegen sich Feuerwehrleute durch das Trümmerfeld, winzig erscheinen sie angesichts der gigantischen Ruinen.

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Unglücks-AKW: Wasser marsch in Fukushima
Am hochproblematischen Reaktor 3 ist nach Angaben der japanischen Regierung eine Verbesserung zu beobachten. "Wir glauben derzeit, dass sich die Situation stabilisiert hat", sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Die Kühlung von außen durch Wasserbeschuss zeige Wirkung. In dem Reaktorbecken habe man jetzt mehr Wasser festgestellt. Seit Samstagmittag (Ortszeit) spritzten Armee und Feuerwehr wieder mit Spezialfahrzeugen tonnenweise Meerwasser auf den Reaktor 3. Wie der Fernsehsender NHK berichtete, dauerte die Aktion mehrere Stunden. Insgesamt wurden mehr als 1260 Tonnen Wasser über den Reaktor geschüttet. Es ist ein verzweifelter Einsatz, um die drohende Kernschmelze abzuwenden. Anders als in den Nachbarreaktoren lagert im Innern der Ruine von Block 3 auch das hochgefährliche Plutonium. Es wird befürchtet, dass der Wasserstand in dem Becken für die Brennstäbe bedrohlich niedrig ist.

In die Dächer der Reaktoren 5 und 6, in denen ältere Brennstäbe lagern, wurden Löcher gebohrt, durch die Wasserstoff entweichen kann. An den Reaktoren 1, 2 und 3 hatten Wasserstoffexplosionen zum Teil erhebliche Schäden verursacht. Die Situation in den Reaktoren 5 und 6 schätzen Experten als stabil ein. Die Abklingbecken dort werden nach IAEA-Angaben mit Notstrom aus Dieselgeneratoren des Reaktors 6 gekühlt. Zuletzt hatte die Nachrichtenagentur Kyodo am Samstag gemeldet, dass die Temperatur im Abklingbecken von Block 5 sinkt.

Lebensmittel in der Nähe von Fukushima belastet

Bei Spinat und Milch von Bauernhöfen in der Nähe von Fukushima wurde eine erhöhte Strahlenbelastung festgestellt. Sie lag bei beiden Lebensmitteln über den amtlichen Grenzwerten, wie Kabinettssekretär Yukio Edano am Samstag erklärte. Sie stellten aber "kein unmittelbares Gesundheitsrisiko" dar. Wenn man die Milch ein Jahr lang trinke, entspreche die Strahlenbelastung jener bei einer Computertomographie (CT) - beim Spinat wäre es ein Fünftel. Sollten auch bei anderen Lebensmitteln erhöhte Strahlenbelastungen festgestellt werden, würde man Lebensmittellieferungen aus der Region stoppen, sagte Edano weiter. Die verstrahlte Milch wurde rund 30 Kilometer vom Atomkraftwerk entdeckt, der Spinat wurde 60 bis 80 Kilometer südlich der Reaktoren geerntet.

Etwa 390.000 Japaner sind seit der Katastrophe vom Freitag vor einer Woche obdachlos. Die Zahl der Todesopfer durch das Erdbeben und den darauf folgenden Tsunami stieg nach Angaben der Polizei bis Samstag auf 7197. Damit wurde die Zahl der Toten bei dem Erdbeben in Kobe 1995 überschritten. 10.905 Menschen werden vermisst. Einige der Vermissten dürften während der Katastrophe nicht in der Region an der Nordostküste gewesen sein. Andererseits hat die ungeheure Kraft des Tsunamis wahrscheinlich viele Menschen mit aufs offene Meer gerissen. Den Erfahrungen vom Tsunami 2004 in Asien zufolge dürften die meisten dieser Leichen nie gefunden werden.

Demos in Deutschland

Die Katastrophe in Japan treibt die Atomkraftgegner in Deutschland in Scharen auf die Straße. An diesem Wochenende sind deutschlandweit mehrere Demonstrationen, Mahnwachen und Veranstaltungen geplant.

SPD-Chef Sigmar Gabriel ist bereit, gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel einen überparteilichen neuen Energiekonsens für Deutschland zu suchen. Nach dem atompolitischen Hin und Her der letzten Monate brauche Deutschland dringend Planungssicherheit, sagte Gabriel der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" (Samstag). Nach Gabriels Auffassung müssen auch manche Grüne und Naturschützer umdenken: "Wenn wir zügig vorankommen wollen mit Ökostrom, können wir nicht jedes Windrad wegen des Vogelflugs problematisieren." Die SPD sei bereit, einen Ausbau neuer Stromnetze zu fördern, die Erdverkabelung voranzutreiben und auch die Modernisierung fossiler Kraftwerke mitzutragen, wenn die Sicherung des Industriestandorts Deutschland dies verlange.

Im Gegenzug müsse die Union ihre atompolitische Denkpause zu drei dauerhaften Kurskorrekturen nutzen: Die sieben auf Weisung Merkels für drei Monate abgeschalteten älteren Atomkraftwerke sollen nicht wieder ans Netz gehen.

Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP) ging dagegen auf Distanz zu Angela Merkels neuem Atomkurs. Er hält auch nach der nuklearen Katastrophe in Japan eine Verkürzung der Laufzeiten für deutsche Atomkraftwerke nicht für beschlossene Sache. "Ich wäre mit konkreten Schlussfolgerungen vorsichtig", sagte Westerwelle im SPIEGEL-Gespräch.

Nach Informationen des SPIEGEL bezeichnete Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle die Reaktion der Deutschen auf die Nuklearkatastrophe von Fukushima als "hysterisch". Bei der Sitzung der FDP-Fraktion am vergangenen Dienstag sagte Brüderle, eine solche Reaktion sei typisch für die Deutschen. Keine andere Nation habe so hektisch Beschlüsse gefasst wie Deutschland.

Kritik am neuen Kurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der Atompolitik kommt auch vom CSU-Politiker Erwin Huber: "Die Union darf nicht so tun, als wäre die Energiepolitik, die sie seit Jahrzehnten vertreten hat, plötzlich alter Käse", sagte er dem SPIEGEL. Der wirtschaftspolitische Sprecher der CSU im Bundestag, Georg Nüßlein, unterstützte dagegen die Kehrtwende: "Wenn dein Pferd tot ist, dann steig ab."

wbr/jul/dpa/dapd/AFP

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1. Bitte um Erklärung!
gehts_noch123? 19.03.2011
Zitat von sysopZum ersten Mal gibt es Bilder, die den Zustand des AKW Fukushima aus nächster Nähe zeigen: überall Trümmer, Metall, Beton. Und dazwischen Arbeiter, die versuchen, Reaktorruinen zu kühlen. Immerhin ist es gelungen, ein Stromkabel zu verlegen - jetzt muss das Kühlsystem anspringen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,751970,00.html
Wie kann irgendein Mensch annehmen, dass in diesem Trümmerfeld jemals ein Kühlsystem anspringen soll und das vermutlich nicht nur in einem Reaktor, sondern vermutlich in gleich vieren nicht. Gehts eigentlich noch!
2. keine Strahlungswerte
keinzeitungsleser 19.03.2011
Zitat von sysopZum ersten Mal gibt es Bilder, die den Zustand des AKW Fukushima aus nächster Nähe zeigen: überall Trümmer, Metall, Beton. Und dazwischen Arbeiter, die versuchen, Reaktorruinen zu kühlen. Immerhin ist es gelungen, ein Stromkabel zu verlegen - jetzt muss das Kühlsystem anspringen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,751970,00.html
Es fällt immer wieder auf, das keine Strahlungswerte vom Kraftwerksgelände bekanntgegeben werden, obwohl doch vor Ort sicher immer wieder Messungen vorgenommen werden.
3. Alles nicht so schlimm?
avollmer 19.03.2011
Sieht gar nicht wesentlich beschädigt aus, macht sogar einen reparablen Eindruck. Geht wahrscheinlich in einem Jahr wieder ans Netz.
4. Atomkraft? Solar und Wind sind keine Alternativen Kalte Fusion schon eher
steuben1978 19.03.2011
so ein Unfug! Es ist nicht möglich mit Solar oder Wind ganz Deutschland flächendeckend zu versorgen. Vorher war die Atomlobby am Drücker, jetzt sind es die Windkraft und Solar Herrsteller. Deutschland wird so noch abhängiger vom Ausland. Welches seine Atomkraftwerke mit zum Teil geringeren Standards weiterbetreiben wird. Nur um das Klarzustellen ich bin ein Gegner der Atomkraft nur Solar und Wind sind keine ALternative. 2 Große Problem: 1 . Grundlast nicht sicherzustellen, 2. Wirkungsgrad ist im Vergleich zu modernen Kohlekraftwerken lächerlich! Da müssen andere Alternativen her. Solche z. Bsp. Ich hoffe inständig das diese Sache keine Verarschung ist http://www.physorg.com/news/2011-01-italian-scientists-cold-fusion-video.html http://www.freeenergytimes.com/2011/03/19/frank-perley-of-the-washington-times-writes-op-ed-piece-about-rossi-focardi-cold-fusion-technology/
5. Japan
rsi 19.03.2011
Zitat von sysopZum ersten Mal gibt es Bilder, die den Zustand des AKW Fukushima aus nächster Nähe zeigen: überall Trümmer, Metall, Beton. Und dazwischen Arbeiter, die versuchen, Reaktorruinen zu kühlen. Immerhin ist es gelungen, ein Stromkabel zu verlegen - jetzt muss das Kühlsystem anspringen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,751970,00.html
Diese Verwüstungen sind noch gar nichts. Wer die Zeit.de oder ausländische Medien verfolgt sieht dort Gebiete, wohl so groß wie Schleswig-Holstein, die verwüstet sind. Landstriche die wie gigantische Sperrmüllberge aussehen. Es gibt offenbar mehr als 12000 Tote nach einer Naturgewalt von der Stärke mehrere tausend Atombomben. Ganze Städte wurden ausgelöscht, mit großen Teilen ihrer Einwohner. Nur, da strahlt natürlich nichts, weil es mit dem Atomunfall nichts zu tun hat. Naja, vielleicht gibt es hier auch irgendwann wenigsten einen Toten. Na, und die evakuierte Stadt wird wahrscheinlich schneller wieder bewohnbar sein als die anderen aufgebaut. Atom bleibt aber immer noch aufregender als Tsunami. Und, bei Atom kann man auch noch vorsorglich "siehste" sagen, denn, wenigsten eine Handvoll Opfer werden sich statistisch schon noch errechnen lassen. Zumindest in Deutschland wird man es interessant und gut finden. Die ganze, durch wirtschaftskraft aufgebaute HighTech hat dort mehr Opfer verhindert, man denke an Indonesien. Wahrscheinlich werden wir am Ende unverständlich beobachten, dass die Japaner noch weiter Atomkraftwerke bauen. Und die Chinese nur ihre Baupläne überprüfen und ggf. verbessern.
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