Anschläge mit Drohnen Die Furcht vor der fliegenden Mini-Bombe

Sie spionieren, sie überwachen, sie tragen Bomben: Kleine Drohnen bereiten Sicherheitsexperten zunehmend Kopfzerbrechen, denn die Miniflieger sind schwierig zu bekämpfen.

S.Auguste/ Armée de l'air/ Etat Major des Armées

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Es geschah vor fast genau fünf Jahren: Eine kleine Drohne schwebte bei einer Wahlkampfveranstaltung in Dresden von oben herab - und landete keine zwei Meter vor Bundeskanzlerin Angela Merkel, die amüsiert lächelte. Thomas de Maizière dagegen, der neben Merkel auf der Bühne stand, wirkte auf den Fotos alles andere als entspannt. Dem damaligen Verteidigungsminister dürfte schon 2013 klar gewesen sein, dass auch kleine Drohnen zu einer ernsthaften Bedrohung werden können.

Die Gefahr ist seitdem massiv gewachsen. Die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) hat Drohnen regelmäßig eingesetzt, um Ziele auszuspähen und die Anschläge aus der Luft zu filmen. Andere Propagandavideos zeigen Quadrocopter des IS beim Abwurf kruder Mini-Bomben. Die irakische Armee hat ähnliche Bomben-Drohnen gegen den IS eingesetzt. Die mit dem IS verfeindete Kurdenmiliz YPG soll ebenfalls derartige Waffen im Arsenal haben.

Auch weitab von Krisengebieten kam es zu Zwischenfällen. Im November 2014 etwa musste ein Fußballspiel zwischen Serbien und Albanien abgebrochen werden, nachdem eine Drohne ins Stadion geschwebt war. Sie trug eine Flagge, hätte aber genauso gut eine Bombe an Bord haben können.

Etwa zur gleichen Zeit machten Vorfälle Schlagzeilen, bei denen Drohnen Dutzende Male über französischen Atomkraftwerken gesichtet wurden. Und Venezuelas Präsident Nicolás Maduro soll Anfang August zum Ziel eines Anschlags mit zwei Multikoptern geworden sein.

Furcht vor fliegenden Bomben in den Händen von Profis

Zwischen potenziellen Angreifern und Verteidigern "läuft ein Katz-und-Maus-Spiel, das sich in Zukunft verschärfen wird", sagt ein Insider aus der Drohnen-Industrie. Die im Handel erhältlichen Geräte seien inzwischen "idiotensicher zu bedienen", wie die Videos des "Islamischen Staats" zeigten. "Wenn der IS das kann, dann kann das jeder."

Wozu gar geübte Piloten fähig sind, zeigen millionenfach geklickte YouTube-Videos. In einem etwa ist zu sehen, wie eine Drohne zwischen den Waggons eines Frachtzugs und unter ihnen hindurch fliegt - während der Zug in voller Fahrt über die Schienen donnert. Ein solcher Pilot am Steuergerät einer fliegenden Mini-Bombe dürfte zu den Albträumen von Personenschützern gehören.

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Sicherheitsbehörden und Militärs arbeiten bereits seit Jahren an Abwehrsystemen. Sie bieten drei Möglichkeiten, gegen Drohnen vorzugehen:

  • Der Abschuss vom Boden aus,
  • das Neutralisieren per Störsender,
  • die Bekämpfung mit Hilfe von Jagddrohnen.

Die französische Armee hat vergangene Woche angekündigt, eine neue Luftwaffenbasis in Jordanien gleich mit allen drei Methoden gleichzeitig zu schützen. Eine eigens eingerichtete Truppe mit Soldaten aus traditionellen Flugabwehr-Einheiten soll "alle Arten von Flugdrohnen abfangen und neutralisieren", sobald sie in das Sperrgebiet eindringen.

In einem Foto ist zu sehen, wie Soldaten anfliegende Mini-Quadrocopter mit einem gewehrähnlichen Gebilde aus langen Antennen und einer Pump-Gun ins Visier nehmen. Bei Letzterer handelt es sich um ein Gewehr, das üblicherweise Schrotmunition verschießt, für die Bekämpfung von Drohnen aber mit Spezialmunition bestückt werden soll. Zugleich soll die Einheit mit eigenen Drohnen den Luftraum über dem Gelände überwachen.

Im Video: Siegeszug der Kampfdrohnen (SPIEGEL TV 2013)

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Bundeswehr muss noch Jahre auf Abwehrsystem warten

Die Bundeswehr dagegen hinkt dieser Entwicklung noch ziemlich weit hinterher. Zwar hat die Truppe schon 2017 angekündigt, dass man ein System mit dem etwas umständlichen Namen "Qualifizierte Flugabwehr" für kleine Angreifer wie Drohnen einführen will. Derzeit aber ist man nach Auskunft des Heers noch in der Analysephase, welche Leistungsmerkmale das Waffensystem haben soll.

Vonseiten der Truppe heißt es, man wolle möglichst schnell ein System anschaffen, das vor allem Fahrzeugkolonnen vor Angriffen mit zu Kleinwaffen umgebauten Drohnen schützen soll. Demnach sollen bestimmte Fahrzeuge mit Sensoren ausgestattet werden. Nach der Entdeckung von möglichen Zielen sollen Drohnen entweder durch elektronische Signale oder per 40-Millimeter-Granate unschädlich gemacht werden.

Wann das von Militärs als dringend notwendig erachtete System verfügbar sein wird, ist noch unklar. Dem Vernehmen nach will die Bundeswehr ein marktverfügbares System einkaufen, in Frage kämen derzeit drei bis fünf Anbieter.

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Miniflieger: Wie man Drohnen abwehren kann

Kürzlich hat sich das Systemhaus Rheinmetall schon selbst für das Geschäft ins Spiel gebracht. Spätestens 2021 soll die Drohnenabwehr dann ans Heer ausgeliefert werden, denn 2023 will die Bundeswehr den Schutz auch bei der Schnellen Eingreiftruppe der Nato einsetzen.

Andere Abwehrsysteme scheinen durchaus schon marktreif zu sein. Das "Guardion"-System der deutschen Firmen ESG, Diehl Defence und Rohde & Schwarz etwa kam bereits 2015 beim G7-Gipfel in Elmau, beim Staatsbesuch von US-Präsident Barack Obama im Juni 2016 in Berlin, im Jahr darauf beim G20-Gipfel in Hamburg und in diesem Jahr bei der Luftfahrtausstellung ILA in Berlin zum Einsatz. Es soll das Fernsteuerungssignal oder aber den GPS-Empfang von Drohnen stören oder sie notfalls mit starker elektromagnetischer Strahlung grillen.

Hilft auch das nicht weiter, soll das zu "Guardion" gehörende "Skywall"-System der britischen Firma Openworks Engineering Drohnen mit stumpfer Gewalt vom Himmel holen. "Skywall", eine Art Luftgewehr von den Abmessungen einer Panzerfaust, schießt mit Hilfe von Pressluft einen Behälter ab, der sich im Flug zerteilt und ein Netz auswirft, in dem sich die Drohne verfängt. Es gibt auch eine stationäre Variante, die entfernt an ein kleines Schiffsgeschütz erinnert.

Allerdings lassen die Videos ahnen, dass die Drohne den Verteidigern schon den Gefallen tun muss, ihnen praktisch direkt vor die Rohre zu fliegen. Zur Reichweite von "Skywall" macht der Hersteller auf seiner Webseite erst gar keine Angaben.

Der Drohnenhersteller Theiss versucht, dieses Problem zu umgehen, indem er die Netzkanone gleich selbst in die Luft schickt - an Bord eines Multikopters, der damit quasi zur Anti-Drohnen-Drohne wird. Die wohl spektakulärste Variante der Drohnenjagd in der Luft ist der Einsatz von Raubvögeln, wie er in Arabien oder auch in den Niederlanden bereits versucht wird.

Doch um eine Drohne zu bekämpfen, muss man sie erst einmal entdecken. Wie knifflig das sein kann, zeigte 2015 ein Vorfall am Weißen Haus: Dem Radar, das den Sitz des US-Präsidenten vor Flugzeugen und Raketen schützen soll, entging der winzige Flugkörper. Dieser krachte gegen einen Baum im abgesperrten Bereich um das Weiße Haus. Nur wenige Tage zuvor hatte das US-Heimatschutzministerium eine Konferenz abgehalten, bei der eine Drohne mit einer anderthalb Kilo schweren Sprengstoff-Attrappe gezeigt wurde. Es war exakt das gleiche "Phantom"-Modell des chinesischen Herstellers DJI, das wenig später vor dem Weißen Haus niedergehen sollte.

Hersteller DJI kündigte prompt an, seinen Drohnen künftig per Firmware-Update zu verbieten, in den gesperrten Luftraum Washingtons einzudringen. Auch Flughäfen und andere Sperrgebiete gehören bereits zu solchen No-Fly-Zones, die Drohnen eingeimpft werden können. Vor fehlgeleiteten Hobbypiloten mag das einen gewissen Schutz bieten. "Aber ein gewiefter Techniker", meint der Fachmann aus der Industrie, "kann solche Sperren leicht umgehen."

Für Privatleute und Unternehmen gibt es derzeit ohnehin nur eine legale Möglichkeit, sich vor Drohnen zu schützen: Sie erkennen und Deckung suchen, denn der Einsatz von Störsendern oder gar Spezialwaffen ist verboten.

Deutsche Autohersteller, heißt es in Insider-Kreisen, schützen ihre Testgelände deshalb mit Hightech-Spähsystemen. Erkennen sie einen fliegenden Spion, können Versuche mit neuen Automodellen abgebrochen und die geheimen Prototypen in der Garage versteckt werden.

Battelle

Zusammengefasst: Seit Jahren wachsen die Sicherheitsgefahren durch kleine Drohnen. Militärs und Behörden versuchen, sich zu wappnen: Mit Störsendern, Spezialgeschossen und Fangnetzen versuchen sie, feindliche Drohnen abzufangen. Doch ob sie der Gefahr Herr werden können, ist offen.

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