Anschlag bei Boston-Marathon Experten tippen auf Schießpulverbomben

Wie waren die Bomben von Boston konstruiert? Die Analyse der Videoaufnahmen lässt erste Rückschlüsse auf die Sprengsätze zu. Sollten sie zutreffen, wäre im Handel verfügbarer Explosivstoff verwendet worden - was die Ermittler vor Probleme stellen könnte.

REUTERS/ Dan Lampariello

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Boston - Die Bombe explodiert mit einem grellen Feuerball, weißer Rauch steigt auf: Die Videos von der Explosion nahe der Ziellinie des Boston-Marathons sind Dokumente des Schreckens. Experten können daraus allerdings auch erste Rückschlüsse über die Bauart der Bombe ziehen. Die Nachrichtenagentur Reuters etwa zitiert einen namentlich nicht genannten Ermittler mit der Aussage, bei den Sprengsätzen sei Schwarz- oder Schießpulver zum Einsatz gekommen.

"Ein Lichtblitz und weißer Rauch würden damit in Einklang stehen", sagt Dietrich Eckhardt, Leiter der Abteilung Explosivstoffe bei der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM). Auch der ehemalige FBI-Bombenfachmann Kevin Miles tippt auf einen im Handel verfügbaren Sprengstoff wie etwa rauchschwaches Schießpulver. In Form einer Rohrbombe könne der Stoff ähnliche Explosionsgeschwindigkeiten erreichen wie TNT, sagte Miles dem "Boston Herald". Dem allerdings widerspricht Eckhardt. "Selbst bei maximaler Verdämmung explodiert Schießpulver mit maximal 600 Metern pro Sekunde", so der Fachmann. "TNT erreicht die zehnfache Geschwindigkeit."

Sollte tatsächlich Schießpulver zum Einsatz gekommen sein, könnte das die Ermittlungen erschweren - denn der Stoff ist in den USA leicht erhältlich. Schießpulver wird etwa zum Wiederbeladen von Munition für Schrotflinten, Gewehre und Pistolen verkauft. In Internetshops kann man den Vier-Kilo-Kanister für Preise von 120 bis 150 Dollar bestellen.

Zahlreiche Schrapnellverletzungen

Die Bostoner Bomben sollen nach bisherigen Erkenntnissen mit Metallteilen wie etwa Kugellagern gefüllt gewesen sein, um möglichst starke Verletzungen zu verursachen. "Wir behandeln viele Schrapnell-Verletzungen von kleinen Metallteilen", sagte Peter Fagenholz, Chirurg am Massachusetts General Hospital in Boston. In den kommenden Tagen werde man eine Reihe von Opfern operieren müssen.

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Bomben in Boston: Analyse anhand von Videobildern
Die auf den Videos sichtbaren geringen Schäden an Gebäuden sowie die relativ niedrige Anzahl von Todesopfern sprechen allerdings für vergleichsweise kleine Sprengsätze. "Genauere Schätzungen sind vor dem Abschluss der forensischen Untersuchungen zwar spekulativ", betont Eckhardt. Aber die Videoaufnahmen vom Zielbereich des Marathons ließen auf einen Sprengsatz im einstelligen Kilobereich schließen.

Die Anschläge könnten deshalb durchaus das Werk eines Einzeltäters gewesen sein, meint Ex-FBI-Mann Miles. "Es würde einige Koordination, etwas Know-how und Aufklärungsarbeit erfordern, aber in der Vergangenheit wurden viele Bombenanschläge von einer Person durchgeführt." Bei Großveranstaltungen mit Tausenden Menschen sei es ein Leichtes, kleinere Bomben einzuschmuggeln. "Man kann nicht jeden Rucksack durchsuchen", sagte Miles. "So ist das eben in einem freien Land. Die USA sind nicht Russland oder Kuba."

Mit Material von Reuters

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