Antonow 225 Willkommen im größten Flugzeug der Welt

Die Antonow 225 ist das größte Flugzeug der Welt, den Megajet gibt es nur ein einziges Mal. Und ebenso einmalig ist seine Geschichte. Begleiten Sie uns an Bord.

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Es ist ein geradezu absurdes Gefühl. Da begibt man sich auf einen der wohl spektakulärsten Flüge seines Lebens, im größten Flugzeug der Welt - und kann noch nicht einmal nach draußen schauen. Denn die Kabinen der Antonow 225 haben keine Fenster. Andererseits: Die wenigsten Menschen, die hier drin sitzen, sind zum Vergnügen hier. Also was soll's.

Als Kapitän Dmytro Antonow dann die sechs kraftvollen Triebwerke des Flugzeugs hochfährt, beginnt die Maschine zu beben. Alles rüttelt und schüttelt so stark, dass man sich irgendwann ganz sicher im Flug wähnt. Rausschauen kann man ja wie gesagt nicht. Dann erklärt jemand, dass es vor dem Abheben ganze vier Minuten dauert, bis die Antriebe einsatzbereit sind. Wir stehen also noch auf der Startbahn - auch wenn es sich nicht so anfühlt.

Wenig später können wir dann aber doch los. Bis zu drei Kilometer Anlauf muss die An 225 nehmen, bis alle ihre 32 Räder den Boden verlassen haben. Heute geht es schneller. Der Flieger ist so gut wie leer und nur auf einem kurzen Überführungsflug von der Luft- und Raumfahrtmesse ILA in Berlin zum Flughafen Leipzig/Halle.

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Antonow 225: Denken Sie groß

Später im Flug, wenn man den Sitzgurt lösen darf, fühlt sich eigentlich fast alles an wie immer: außer vielleicht, dass die Kabine deutlich niedriger ist als in einem Linienflieger. Als Zweimetermann kann man nicht ansatzweise geradestehen. Aber sonst ist alles da: Bordküche, spartanische Toilette, Sauerstoffmasken für den Fall eines Druckverlustes, Notausgänge.

An diesen Türen gibt es auf beiden Seiten der Kabine dann doch auch ein kleines rundes Fenster. Von dort kann man nach draußen blicken. Auf den Boden, der mit bis zu 850 Kilometern in der Stunde an einem vorbeizieht. Und man sieht die Unterseite des riesigen Flügels - mit 900 Quadratmeter Gesamtfläche ist er so groß wie zwei Basketball- oder fünfeinhalb Volleyballfelder. Auch das wuchtige Leitwerk am Heck ist zu erkennen.

Die Antonow 225 gibt es nur ein Mal. Und dieses Exemplar trägt den schönen Namen "Mrija", das heißt Traum. Und gleich ein paar Träume sind mit der "Mrija" verbunden. Der erste dieser Träume hat genau genommen einst dafür gesorgt, dass das Flugzeug überhaupt existiert. Es ist der Traum von einer wiederverwendbaren Raumfähre für die Sowjetunion. Die Amerikaner hatten ab Anfang der Siebzigerjahre an ihrem Space Shuttle gewerkelt. Einige Jahre später hatte auch die Regierung in Moskau beschlossen, solch einen Raumgleiter zu bauen - auch aus Angst, sonst einen möglichen Krieg im Weltall zu verlieren.

An 225 mit "Buran"-Raumfähre auf der Luftfahrtmesse in Paris (1989)
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An 225 mit "Buran"-Raumfähre auf der Luftfahrtmesse in Paris (1989)

Wie der Space Shuttle brauchte auch die sowjetische Raumfähre - sie flog unter dem Namen "Buran" im November 1988 ein einziges Mal - ein Trägerflugzeug. Und das war die Antonow 225. Ein Team um Chefingenieur Petro Balabujew hatte sie aus dem kleineren Transportflugzeug An 124 Ruslan entwickelt. Neu dazu kamen neben zwei Extra-Triebwerken auch ein geteiltes Leitwerk am Heck - weil mit der "Buran"-Raumfähre auf dem Flieger ein einzelnes Leitwerk in der Mitte nicht mehr richtig angeströmt worden wäre.

Gebaut wurde die Maschine - mit Zulieferungen aus dem Rest der Sowjetunion - vom Flugzeughersteller Antonow weitgehend in der heutigen Ukraine. Huckepack konnte die An 225 die mehr als 100 Tonnen schwere "Buran" von verschiedenen Landepunkten zurück zum Startplatz Baikonur im heutigen Kasachstan zurückbringen. Die technischen Werte des fliegenden Kraftpakets waren - und sind - beeindruckend:

Die Antonow 225

Länge 84,0 Meter
Flügelspannweite 88,4 Meter
Höhe 18,1 Meter
Frachtraum 43,3 Meter (Länge), 6,4 Meter (Breite), 4,4 Meter (Höhe)
Maximale Zuladung 250 Tonnen

Nur zur Einordnung: Ein Airbus A400M zum Beispiel hat einen noch nicht einmal halb so langen Laderaum (17 Meter) und kann höchstens ein Siebtel der Fracht transportieren (37 Tonnen). Wenn er denn fliegt. Der Vollständigkeit halber sei gesagt: Es gab mal ein Flugzeug, das noch größer war als die An 225. Das aus Holz gebaute Flugboot "H-4 Hercules" blieb jedoch nur einige Sekunden in der Luft. Und ja, es wird auch gerade ein noch größeres Flugzeug namens Stratolaunch gebaut. Doch das fliegt einstweilen noch nicht.

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"Mrija" dagegen fliegt sehr wohl. Wenn sie sich in die Luft erhebt, dann ist das ein Erlebnis - zum Beispiel für Planespotter. Die versammeln sich regelmäßig, wenn die Maschine irgendwo auf der Welt Station macht. Allein im australischen Perth sollen es im Mai 2016 ganze 50.000 gewesen sein.

Erst recht ein Erlebnis ist das Ganze natürlich für die Passagiere an Bord. Die Gäste finden oberhalb des riesigen Frachtraums in überraschend kleinen Kabinen Platz: entweder direkt hinter dem für sechs Personen ausgelegten Cockpit oder aber, zusammen mit der Verlademannschaft, hinter dem Flügel. In jedem Fall aber in einem komplett fensterlosen Raum, zu erreichen über knarrende Hühnerleitern aus Metall.

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Größtes Flugzeug der Welt: Antonow 225 - Jet der Rekorde

Ursprünglich sollte es bis zu drei Exemplare des Megajets geben. Doch mit der Wende ließ sich das teure "Buran"-Programm nicht mehr halten. Erst ein Flugzeug, die "Mrija", war damals komplett und flugfähig. Und dabei blieb es auch. Ein zweites Modell, von ihm wird gleich noch die Rede sein, wurde halb fertig in Kiew eingelagert. Und auch die "Mrija" blieb zwischen 1994 und 2001 am Boden.

Dann kam der nächste Traum - und zwar der, mit der An 225 als Frachtflieger gutes Geld zu verdienen. Wer also seitdem eine sehr große oder sehr schwere Fracht schnell irgendwohin in der Welt transportieren muss, der ruft mit großer Wahrscheinlichkeit bei Antonow Airlines in Kiew an. Auf dem dortigen Flughafen Hostomel ist die "Mrija" normalerweise stationiert.

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Die Firma ist eine Tochter des staatlichen ukrainischen Rüstungskonzerns Ukroboronprom. Andriy Blagovisniy ist Kaufmännischer Direktor der Fluggesellschaft. "Das ist ein einzigartiges Flugzeug für einzigartige Aufgaben", sagt er. Humanitäre Hilfsgüter hat die An 225 über die Jahre genauso transportiert wie militärisches und technisches Gerät auf alle Kontinente.

In den Frachtraum des riesigen Jets passen 80 Autos gleichzeitig, heißt es. Lastwagen oder Gabelstapler können über eine Rampe direkt hereinfahren. Eine im Flugzeug montierte Krananlage mit 30 Tonnen Tragkraft kann die Lasten wenn nötig abnehmen.

Blick in den Frachtraum der An 225
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Blick in den Frachtraum der An 225

Die "Mrija" hält diverse Weltrekorde, unter anderem für den Transport der schwersten Fracht. Da ist das höchste Gesamtgewicht, 247 Tonnen an Ölpipeline-Ausrüstung auf einem Flug von Prag nach Taschkent in Usbekistan, und da ist die höchste Einzellast, ein fast 190 Tonnen schwerer Generator auf der Reise von Frankfurt-Hahn nach Jerewan in Armenien.

Doch längst nicht immer ist die Maschine gut ausgelastet, viele Transporte lassen sich auch mit den kleineren Antonow-124-Jets erledigen. "Wir verkaufen unsere Dienstleistung nicht billig", sagt Blagovisniy. Aktuell fliegt die An 225 mehrere Einsätze vom Flughafen Leipzig/Halle in die saudi-arabische Hafenstadt Dammam. In der kommenden Woche findet der dritte von vier geplanten Flügen statt. Kunde und Fracht verrät die Airline nicht, ein übliches Prozedere im Chartergeschäft.

Werben um Nato-Vertrag

"Mrija" soll ihrer Heimat noch einen weiteren Traum erfüllen helfen. Es ist der Traum, der Welt zu beweisen, wie stark die Ukraine und ihre Wirtschaft sind. Und dass man auch ohne Russland klarkommt. Ein Symbol dafür sind die blau-gelben Zierstreifen auf der Außenhülle des Jets, es sind die Nationalfarben der Ukraine. Auch in den Kabinen findet man immer wieder ukrainische Fahnen.

"Das ist eine ukrainische Firma, ein ukrainisches Flugzeug, ich bin ein Ukrainer. Und ich bin stolz darauf", sagt auch Flugmanager Eugene Kiva bei der kurzen Reise von Berlin nach Leipzig.

In der Kabine steht ein Berliner ILA-Bär vor einer ukrainischen Fahne
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In der Kabine steht ein Berliner ILA-Bär vor einer ukrainischen Fahne

Doch seine Heimat befindet sich seit 2014 im Krieg. Russische Truppen haben die Krim annektiert. Von Moskau unterstützte Milizen haben außerdem sogenannte Volksrepubliken in den Gebieten um die Städte Donezk und Luhansk ausgerufen. Immer wieder kommt es in der Region zu bewaffneten Kämpfen. Die Ukraine liefert deswegen keine Ersatzteile mehr an Russland für militärische Antonows. Die ukrainische An 225 wiederum musste ebenfalls monatelang am Boden bleiben - weil russische Komponenten aus dem Flieger ausgebaut wurden.

Jahrelang haben Russland und die Ukraine gemeinsam mit ihren An 124-Transportflugzeugen Militärgerät für die Länder der Nato durch die ganze Welt gekarrt: gepanzerte Fahrzeuge, schweres Gerät, Versorgungsgüter. "Salis" hieß dieser Transportvertrag. Erst wurde der Job von einem russisch-ukrainischen Joint-Venture erledigt, vor allem von Leipzig/Halle aus. Wegen des Ukrainekrieges wurde der Vertrag im Jahr 2017 aber aufgeteilt: Zwei Einzelfirmen übernahmen, Wolga-Dnepr-Airlines aus Rusland und Antonow Airlines aus der Ukraine.

Die An 225 auf der Luft- und Raumfahrtmesse ILA in Berlin (2018)
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Die An 225 auf der Luft- und Raumfahrtmesse ILA in Berlin (2018)

Nun will Russland seinen Teil des "Salis"-Vertrags zum Jahresende auslaufen lassen - und die Ukrainer werben gerade dafür, dass sie mit ihren sechs An-124-Maschinen und der An 225 den kompletten Job von der Nato übernehmen könnten. Ob sich dieser Traum erfüllt, wird man sehen.

Weil Antonow Airlines solange genug damit zu tun hat, ihre einzige An 225 gut auszulasten, ist auch das zweite, im Werk Kiew eingelagerte Flugzeug bis heute nicht zu Ende gebaut worden. Ende 2016 hatte man zwar einen Kooperationsvertrag mit der Aerospace Industry Corporation of China unterschrieben. Der sah die Fertigstellung dieser zweiten Maschine ebenso vor wie die spätere Lizenzfertigung des Jets im Reich der Mitte. Doch fragt man Blagovisniy nach dem Stand des Projekts, winkt er nur ab. Dieser Traum, wenn es denn je einer war, scheint also geplatzt. "Mrija" bleibt ein Einzelkind.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
PH-sauer 07.05.2018
1. Entschuldigen Sie bitte, aber....
Dreamlifter (Boeing) und Beluga (Airbus) sind größer....
Bueckstueck 07.05.2018
2. Einordnung?
Man kann die Leistungsfähigkeit dieses Flugzeugs ganz bestimmt nicht einordnen, wenn man es mit einem militärischen Turboprop Transporter vergleicht, der auf einem planierten Acker starten und landen kann. Besser wäre gewesen, einen Vergleich mit zivilen Cargo Fliegern wie etwa einer 747-8 (Cargo), das kennen viele vom sehen...
luri80 07.05.2018
3.
Zitat von PH-sauerDreamlifter (Boeing) und Beluga (Airbus) sind größer....
Dreamlifter: 72m, 64m, 396 Tonnen Beluga: 56m, 44m, 150 Tonnen, An-225: 84m, 88, 640 Tonnen. (Länge, Flügelspannweite, Maximales Startgewicht)
BerndBrot 07.05.2018
4. @1
Quark, der Dreamlifter ist 10m kürzer und kann "nur" 160 Tonnen zuladen und die Beluga XL (ab 2019) ist ebenfalls kleiner und kann nur 53t zuladen.
woswoistndu 07.05.2018
5. äähm
Zitat von PH-sauerDreamlifter (Boeing) und Beluga (Airbus) sind größer....
wie kommen Sie denn darauf?
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