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02. April 2011, 17:37 Uhr

Atom-Desaster

Meteorologen fürchten radioaktive Wolke über Tokio

Von Cinthia Briseño und

Ein Riss im Reaktorkeller, Radioaktivität im Meer und jetzt der Wind: Meteorologen fürchten, dass er die strahlenden Partikel aus dem AKW Fukushima am Sonntag in die Millionenmetropole Tokio blasen könnte. Auch in deutschen Häfen bereitet man sich auf die Strahlung vor.

Tokio - Etwas Glück hatten die Japaner bisher doch nach der Katastrophe in Fukushima: Der Wind hatte die radioaktiven Partikel in der Atmosphäre über dem AKW hauptsächlich auf den offenen Pazifik geblasen. Bisher. Jetzt aber wendet sich das Blatt - der Wind kommt immer mehr aus Nordost. Die Folge: "Tokio könnte etwas abkriegen", sagte ein Sprecher des Deutschen Wetterdienstes (DWD) am Samstag.

Mit anderen Worten: Radioaktive Partikel könnten am Sonntag aus dem havarierten Atomkraftwerk nach Tokio wehen. Auch eine aktuelle Modellrechnung der Wiener Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) zeigt (siehe Fotostrecke oben), dass die Luftströmungen die freiwerdende Radioaktivität aus dem AKW in Richtung Südwesten treiben wird - auf das rund 240 Kilometer entfernte Tokio zu. Die küstennahen Gebiete von Südost-Honshu könnten ebenfalls beeinträchtigt sein. Der DWD geht davon aus, dass die Konzentration der radioaktiven Partikel in der Atmosphäre in einigen Gebieten südlich von Tokio sogar stärker sein könnte.

Wie hoch die Strahlenbelastung für die Bevölkerung dadurch sein wird, ist unklar. Denn bisher kann man nur sehr schwer abschätzen, wie viel Radioaktivität insgesamt seit dem Erdbeben am 11. März aus dem Katastrophen-AKW in die Atmosphäre freigesetzt wurde. Langwierige Simulationen und Berechnungen der ZAMG liefern lediglich eine sehr grobe Abschätzung der Gesamtfreisetzung. Und diese kann auch nur zeitlich verzögert abgegeben werden, da das Messnetz, das die ZAMG für ihre Strahlungsmessungen nutzt, nach ihren Angaben dünn ist.

Fallout unwahrscheinlich

Immerhin gibt es aber eine positive Nachricht: Nur einzelne Regenschauer sind nach Angaben der ZAMG am Sonntag möglich, mit größerem Niederschlag sei dagegen kaum zu rechnen. Das bedeutet auch, dass ein größerer Fallout, wie der radioaktive Niederschlag genannt wird, nicht droht, und der größte Teil der radioaktiven Partikel den Erdboden nicht erreicht. Zudem wird der Wind den Großteil der radioaktiven Wolke laut ZAMG bereits am Montag wieder auf den offenen Pazifik blasen.

Die Atom-Ruine Fukushima I aber setzt weiterhin massiv Radioaktivität frei: Am Samstag entdeckten Techniker einen Riss im Reaktorkeller 2. Daraus sickert hochradioaktives Wasser. Werte von 1000 Millisievert pro Stunde wurden gemessen - eine Strahlendosis, die lebensbedrohlich sein kann, wenn man ihr ungeschützt ausgesetzt ist. Zum Vergleich: In Deutschland ist man innerhalb eines ganzen Jahres einer Strahlendosis von durchschnittlich 2,1 Millisievert ausgesetzt.

Der Sprecher der Atomsicherheitsbehörde, Hidehiko Nishiyama, erklärte, dass der Riss "eine der Quellen für die Kontaminierung des Meerwassers" sei. Zugleich räumte er ein, dass es noch weitere, ähnliche Risse geben könne. Es gelte, diese so schnell wie möglich zu finden. Der Sprecher der Betreiberfirma Tepco, Osamu Yokokura, sagte, dass das Erdbeben vom 11. März wahrscheinlich die Ursache für den Riss sei. Das würde bedeuten, dass das belastete Wasser möglicherweise schon seit dem Unglück ins Meer austritt.

Rasche Verdünnung

Nach Angaben Tepcos beträgt der Wert in 60 Zentimetern Entfernung von der Grube noch 400 Millisievert pro Stunde. Allerdings gehen die meisten Experten davon aus, dass sich die radioaktiven Partikel in den Weiten des Pazifiks rasch verdünnen - und dass auch größere Mengen kaum Auswirkungen auf die Umwelt hätten. Inwieweit radioaktive Partikel, vor allem Cäsium 137, in die Nahrungskette gelangen werden, ist noch unklar.

Radioaktives Jod 131 in Konzentrationen deutlich über dem Grenzwert war im Meer nahe dem Atomkraftwerk schon vor mehr als einer Woche entdeckt worden. Nun zeigt aber eine Messung, die das japanische Wissenschaftsministerium am Samstag veröffentlichte, dass sich die Radioaktivität im Meer durchaus schon ausgebreitet hat: In südlicher Richtung, 40 Kilometer vom AKW entfernt, war die Jod-Konzentration doppelt so hoch wie zulässig. Die Behörde betonten jedoch, dass keine Gefahr für die menschliche Gesundheit bestehe.

Es sei das erste Mal, dass Radioaktivität über den gesetzlich zugelassenen Werten so weit vor der Küste der Präfektur Fukushima gemessen wurde, meldete der Fernsehsender NHK. Vermutlich habe eine Nord-Süd-Strömung das radioaktive Jod 131 mitgespült.

Japanische Fischer reagieren entsetzt auf die Nachrichten über das radioaktiv verstrahlte Meerwasser. "Was soll nur aus unserem Leben nun werden", zitierte die japanische Nachrichtenagentur Jiji Press einen Fischer in der angrenzenden Katastrophenprovinz Ibaraki. "Wenn die Leute auch nur Fisch aus Ibaraki hören, werde ich ihn nicht verkaufen können, selbst wenn ich den Fisch auf den Markt bringe", sagte ein Vertreter des örtlichen Fischereiverbands.

Hamburg erwartet erste Schiffe aus Japan

Noch ist nicht absehbar, welche Konsequenzen die Verstrahlung des Ozeans für den Schiffsverkehr haben könnte. In Deutschland aber bereitet man sich schon auf die Auswirkungen vor: Zahlreiche Reedereien haben ihre Schiffe mit Geräten zur Messung der Strahlenbelastung ausgerüstet. Allein bei der Hamburger Komrowski-Gruppe betreffe das etwa 40 Frachter, sagte deren Sicherheitsbeauftragte, Kapitänin Inet Klip.

Im Hamburger Hafen werden in der kommenden Woche die ersten Schiffe aus Japan erwartet. In der Innenbehörde der Hansestadt wurde eine Expertenrunde eingerichtet, um alle Behörden auf die neuen Risiken vorzubereiten. Von rund 11.000 Schiffen, die jährlich den Hamburger Hafen anlaufen, kommen etwa 300 aus Japan. Weil das Bundesumweltministerium noch keine Strahlengrenzwerte für Seeschiffe festgelegt hat, orientieren sich die Behörden an Werten, die etwa für Lebensmittel und Flugzeuge gelten.

Seit vergangener Woche tobt hierzulande eine heftige Debatte über die Strahlengrenzwerte: Denn die EU hatte per Eilverordnung neue Grenzwerte für Lebensmittelimporte aus Japan in Kraft gesetzt, die höher als die Werte sind, die für Nahrungsmittel aus den durch Tschernobyl kontaminierten Ländern gelten (siehe Infokasten).

Inzwischen prüfen auch Importeure aus Deutschland vor der Auslieferung Kfz-Teile auf eine mögliche Strahlenbelastung. Das meldet die Branchenzeitung "Automobilwoche". "Wir werden durch entsprechende Überprüfungen sicherstellen, dass kein kontaminiertes Fahrzeug oder Ersatzteil in den Handel gebracht wird", sagte Mazda-Sprecher Jochen Münzinger.

Die Werke in Hiroshima und Hofu seien aber rund tausend Kilometer vom Reaktor Fukushima entfernt, auch die meisten Zulieferer befänden sich außerhalb der kritischen Region. Mazda betreibt keine Werke in Europa und bezieht sämtliche Fahrzeuge aus Japan.

Auch Toyota nimmt alle erforderlichen Kontrollen vor, um die Unbedenklichkeit der Produkte sicherzustellen. "Toyota wird niemals ein Produkt ausliefern, wenn die Kontrollmaßnahmen die Möglichkeit eines gesundheitlichen Risikos für den Kunden nicht ausschließen können", sagte ein Firmensprecher dem Blatt.

Mit Material von dpa und dapd

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