Atomindustrie Japans einziger Schneller Brüter läuft wieder

Japan hat seinen einzigen Schnellen Brüter wieder in Betrieb genommen - 14 Jahre nach der Abschaltung wegen eines schweren Störfalls. Jetzt soll der Reaktor Monju als Versuchsanlage die Entwicklung künftiger Atomkraftwerke vorantreiben - trotz heftiger Kritik.

Schneller Brüter Monju: Ein schwerer Störfall sorgte 1995 für Schlagzeilen und Kritik
AP / Kyodo News

Schneller Brüter Monju: Ein schwerer Störfall sorgte 1995 für Schlagzeilen und Kritik


Tokio/Tsuruga - Am Donnerstag hat Japan einen Schnellen Brüter wieder in Betrieb genommen, der mehr als 14 Jahre zwangsweise abgeschaltet war. Der Versuchsreaktor Monju in der nordjapanischen Stadt Tsuruga war im Dezember 1995 nach einem schweren Störfall in die Schlagzeilen gekommen: Aus einer Kühlanlage waren mehrere Tonnen heißes und flüssiges Natrium ausgelaufen. In Verbindung mit der Feuchtigkeit in der Luft begann das Natrium zu brennen.

Erst hatte die Regierung versucht, den Unfall zu verheimlichen, doch die Öffentlichkeit erfuhr am Ende doch davon. Seither lag der Reaktor still - für die japanische Atomindustrie ein herber Rückschlag. Fünf Wochen nach dem Reaktorunfall beging Shiego Nishimura, Manager des Betreiberunternehmens, Selbstmord. Er sprang in Tokio aus einem Fenster.

Nishimura hatte die innerbetriebliche Untersuchung des Störfalls geleitet, der sich 250 Kilometer westlich von Tokio ereignet hatte. Nur wenige Stunden vor seinem Tod waren die Ergebnisse bekanntgegeben worden: Leitende Mitarbeiter hatten offenbar versucht, Videoaufnahmen von dem Störfall zu verstecken und den Schaden herunterzuspielen. Verletzt wurde bei dem Unfall zwar niemand, auch Radioaktivität wurde nicht freigesetzt. Aber die Betreiber gerieten unter Druck, nachdem zudem bekannt geworden war, dass das Video schwere Schäden am Reaktor offenbarte.

Ambitionierte Atomenergiestrategie

Schnelle Brüter nutzen Plutonium statt Uran. Beim Betrieb entstehen radioaktive Substanzen, die für Brennstäbe genutzt werden können. Monju ist Japans einziger Schneller Brüter. Jahrelang hatte das Tauziehen um den Neustart des Reaktors gedauert, immer wieder kam es zu Verzögerungen, zuletzt im März. Jetzt soll der Meiler bis 2013 Tests absolvieren und dann seine eigentliche Arbeit aufnehmen. Von 2025 an soll der Schnelle Brüter als Versuchsreaktor laufen, erst 2050 soll der kommerzielle Betrieb beginnen.

Der Neustart des Schnellen Brüters gilt als Symbol für Japans ambitionierte Atomenergiestrategie, mit der sich das Land eine Führungsrolle als Atomkraftnation sichern will. Kritiker halten Schnelle Brüter allerdings für zu teuer und wegen der Verwendung von Plutonium auch für zu gefährlich, da es für Atomwaffen benutzt werden könnte.

Jahrelang hatten Atomkraftgegner vergeblich vor Gericht gegen die erneute Inbetriebnahme von Monju gekämpft. Neben den bekannten Risiken bestehe nach so langer Zeit des Stillstands die Gefahr, dass die Anlagen und Leitungen nicht mehr voll einsatzfähig seien, argumentierten sie.

Bereits 2000 hatte Japans Atomenergiekommission jedoch angekündigt, man wolle den Reaktor wieder starten. Das Land hat wenig energiehaltige Rohstoffe, ein Drittel des Stroms kommt von insgesamt 54 Kernkraftwerken. Die Regierung in Tokio sieht in den Kernkraftwerken einen günstigen Weg, den wachsenden Strombedarf zu decken. Bisher hat Japan schon umgerechnet mehr als 7,2 Milliarden Euro für Monju ausgegeben, die Betriebskosten in den nächsten Jahren belaufen sich auf rund 185 Millionen Euro jährlich.

Ähnliche Projekte gab es auch in den USA, Frankreich und Deutschland: Im nordrhein-westfälischen Kalkar hatte man in den achtziger Jahren mit dem Bau eines Schnellen Brüters begonnen. Wegen Sicherheitsbedenken wurde er jedoch gestoppt.

cib/apn



insgesamt 14 Beiträge
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Tubus 06.05.2010
1. neues Geschäftsfeld
Zitat von sysopJapan hat seinen einzigen Schnellen Brüter wieder in Betrieb genommen - 14 Jahre nach der Stilllegung wegen eines schweren Störfalls. Jetzt soll der Reaktor Monju als Versuchsanlage die Entwicklung künftiger Atomkraftwerke vorantreiben - trotz heftiger Kritik. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,693319,00.html
An der Atomenergie führt kein Weg vorbei. Will man ersthaft den Folgen des unvermeidlichen Klimawandels begegnen, ensteht ein Energiebedarf, der ohne Atomstrom nicht zu decken ist. Insofern ist das Gerede von der Brückentechnologie auch etwas verlogen. Glücklicherweise kann man sich darauf verlassen, dass die Welt die deutschen Verrücktheiten nicht mitmacht. Wir müssen dann nur den Strom teuer importieren. Warum nicht aus Griechenland? Die brauchen dringend neue Geschäftsfelder. Wenn nur diese griechischen Techniker nicht wären.
Andreko, 06.05.2010
2. Glückliches Japan
Zitat von TubusAn der Atomenergie führt kein Weg vorbei. Will man ersthaft den Folgen des unvermeidlichen Klimawandels begegnen, ensteht ein Energiebedarf, der ohne Atomstrom nicht zu decken ist. Insofern ist das Gerede von der Brückentechnologie auch etwas verlogen. Glücklicherweise kann man sich darauf verlassen, dass die Welt die deutschen Verrücktheiten nicht mitmacht. Wir müssen dann nur den Strom teuer importieren. Warum nicht aus Griechenland? Die brauchen dringend neue Geschäftsfelder. Wenn nur diese griechischen Techniker nicht wären.
Teurer als der deutschen Wahnsinn mit Solarstrom dürfte das kaum werden. Ich kenne jetzt die politische Landschaft in Japan nicht wirklich. Haben die da keine Grünen oder sind die nur weniger ideologisch verbohrt als unsere? In beiden Fällen kann Japan froh sein eine für moderne Technologien offene Gesellschaft zu sein. Da kann sich D ein großes Stück von abschneiden. Durchaus eine Überlegung wert!
Tubus 06.05.2010
3. Biogas
Na, dann retten Sie mal mit Biogasanlagen Bangla Desh vor dem Absaufen. Soviel können die Kühe in Indien doch gar nicht sch...
immerzu 06.05.2010
4. Felix Japan
Was wir brauchen, sind zunächst einmal die Abdeckung der Grundlast auf umweltfreundliche Weise und unter Vermeidung des Rückgriffs auf fossile Träger, die einfach weniger werden. Und hierfür gibt es (zumindest in unseren Breiten) nun einmal keine vernünftige und bezahlbare Alternative zur Kernkraft. Man kann Japan zu diesem Entschluss also nur beglückwünschen. Es wäre zu wünschen, dass sich die Haltung zur Atomkraft in Deutschland baldmöglichst wieder ändert und wir endlich wieder an der Entwicklung teilnehmen.
Olaf 06.05.2010
5. Titel
Tja, wahrscheinlich war noch keiner unserer grünen Geisteswissenschaftlern da drüben und hat denen gesagt, dass das gar nicht geht was die da machen. Das alte Problem: Die Welt will einfach nicht am deutschen Wesen genesen und für uns ist das einfach nicht zu verstehen.
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