Atomkatastrophe 50 Mann sollen Japan retten

Die ganze Welt schaut auf Fukushima: In dem japanischen AKW kämpfen rund 50 Arbeiter gegen die atomare Katastrophe. Bei einem neuen Brand ist Radioaktivität in die Atmosphäre gelangt - aber wie viel? TV-Sender bereiten die Bevölkerung bereits auf die Strahlengefahr vor.

AP/ NHK

Tokio/Hamburg - Ein paar Dutzend Techniker sollen Japan vor der großen atomaren Katastrophe bewahren. Die Meiler im Kernkraftwerk Fukushima sind außer Kontrolle. Die Verzweiflung ist inzwischen so groß, dass die Betreiberfirma aus Hubschraubern Wasser durch Löcher in das teilweise zerstörte Dach des havarierten Block 4 schütten will, um die Brennstäbe zu kühlen. Aus technischen Gründen kann nicht direkt Meerwasser in den Meiler geleitet werden.

Den ganzen Dienstag kamen neue Schreckensmeldungen aus dem AKW. Erneut gab es eine Explosion. Der innere Schutzmantel von Reaktor 2 wurde beschädigt. Weil die Strahlungswerte anschließend dramatisch stiegen, zog die Betreiberfirma Tepco Hunderte Arbeiter aus dem Katastrophenmeiler ab. Doch 50 Arbeiter bleiben dort und versuchen, Meerwasser in die Reaktoren zu pumpen, um die Brennstäbe zu kühlen ( die aktuellen Ereignisse im Nachrichtenticker hier).

Dann brach am Dienstag in einem Lager für abgebrannte Brennstäbe auch noch ein Feuer aus, das aber gelöscht werden konnte ( mehr dazu hier). In der Außenwand des Reaktorgebäudes 4 klafften nach einer Explosion zwei acht Quadratmeter große Löcher, wie die Nachrichtenagentur Jiji Press unter Berufung auf das Industrieministerium berichtete. Am frühen Mittwochmorgen kam es zu einem erneuten Brand im Reaktor 4, der aber nach Angaben der Behörden von selbst erlosch.

Die rund 50 Arbeiter werden laut BBC in Wechselschichten eingesetzt, um ihre Strahlenbelastung zu begrenzen. Sie sollen auch hochentwickelte Sicherheitskleidung tragen.

Mittlerweile sind vier der sechs Blöcke nach mehreren Explosionen schwer beschädigt. Nach Regierungsangaben ist in drei der vier betroffenen Reaktorblöcke eine Kernschmelze möglich - siehe Grafik:

Überblick: Die Schäden am AKW Fukushima I
SPIEGEL ONLINE/AFP/ DigitalGlobe

Überblick: Die Schäden am AKW Fukushima I

Der AKW-Betreiber Tepco sprach von einer "sehr schlimmen" Lage. Die Katastrophenmeiler sind 240 Kilometer von Tokio entfernt - und in der Hauptstadt wächst die Sorge vor der atomaren Gefahr. In Tokio wurden bereits leicht erhöhte Strahlenwerte gemessen. Die Wettervorhersagen kündigten für Dienstagabend Wind und Schnee aus nordöstlicher Richtung an. Eine mögliche radioaktive Wolke aus Fukushima könnte so Richtung Tokio getragen werden. Später soll der Wind Richtung Westen auf das offene Meer beidrehen - siehe die Animation:

  Klicken Sie auf das Bild, um die Animation zu starten : Die radioaktive Wolke treibt Richtung Tokio. Wie stark die Strahlung wird, hängt von der weiteren Freisetzung am beschädigten AKW Fukushima ab.
ZAMG

Klicken Sie auf das Bild, um die Animation zu starten: Die radioaktive Wolke treibt Richtung Tokio. Wie stark die Strahlung wird, hängt von der weiteren Freisetzung am beschädigten AKW Fukushima ab.

Mehr zur Gefahr der radioaktiven Wolke in Japan lesen Sie hier.

Der wichtigste japanische Fernsehsender warnt die Menschen mittlerweile offen vor dem Strahlenrisiko und gibt Ratschläge, wie sie sich gegen die Strahlung wappnen können. Die Belastung sei in einigen Regionen inzwischen um das 22-Fache höher als üblich, berichtete der Sender NHK. Viele Bewohner haben sich aus Angst vor den Folgen des Atomunfalls schon auf den Weg in den weiter entfernten Süden des Landes gemacht. Zudem erschütterten am Dienstag mehrere Nachbeben von der Stärke 6 auf der Richterskala und mehr das Land.

Im direkten Umkreis der Katastrophenmeiler von Fukushima erreichte die radioaktive Strahlung gefährliche Werte. "Wir reden jetzt über eine Strahlendosis, die die menschliche Gesundheit gefährden kann", sagte Regierungssprecher Yukio Edano. In einzelnen Bereichen des Reaktors wurden nach seinen Angaben 400 Millisievert gemessen. Dies übersteigt den Grenzwert der Strahlenbelastung für ein Jahr um das 400-Fache - zur Erklärung siehe die Grafik:

Grafik: So gefährlich sind die Strahlen
SPIEGEL ONLINE

Grafik: So gefährlich sind die Strahlen

Ministerpräsident Naoto Kan rief die Bevölkerung in den Evakuierungszonen um das AKW Fukushima eindringlich auf, sich in Sicherheit zu bringen. Die meisten Bewohner seien dieser Aufforderung bereits gefolgt, sagte er.

Über den genauen Zustand der beschädigten Meiler in Fukushima gab es weiter nur unzureichende Angaben. Die Regierung zeigte sich verärgert über die Informationspolitik des Betreibers und richtete einen Krisenstab im Hauptquartier von Tepco in Tokio ein. Viele Bürger warfen auch der Regierung schlechte Informationspolitik vor.

Deutsche Meiler müssen vom Netz

Allerdings gibt es auch andere Meinungen dazu. So zeigte Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) Verständnis für die zurückhaltende Herausgabe von Informationen. "Es ist notwendig, vermeidbare Paniken zu vermeiden", sagte er der "Zeit". "Die Regierung ist nicht gezwungen, alles zu sagen, was sie weiß. Sie ist nur dazu gezwungen, dass das, was sie sagt, der Wahrheit entspricht." Zugleich wandte Schmidt sich dagegen, die Katastrophe in Japan mit der Atomkraft-Diskussion in Deutschland in Verbindung zu bringen.

Doch die Debatte ist längst im Gange. So werfen bislang ignorierte Studien erhebliche Zweifel an der Bebensicherheit deutscher AKW auf. EU-Energiekommissar Günther Oettinger kündigte Stresstests für alle Kernkraftwerke in Europa an. Dabei werde es um die Neubewertung aller Risiken der Anlagen bei Naturkatastrophen wie Erdbeben, Hochwasser oder auch einem Terrorangriff gehen. In Deutschland sehen sich Bund und Länder offenbar zum Handeln gezwungen, Kanzlerin Merkel versucht eine Atomwende ( Analyse dazu hier). Das Kernkraftwerk Isar 1 in Bayern wird bereits heruntergefahren. Das AKW Biblis soll ab Freitag vom Netz gehen, auch der Meiler Neckarwestheim wird dauerhaft stillgelegt.

Panik an den Börsen

Doch nicht nur politisch wirkte sich die Katastrophe in Japan aus. An den Börsen weltweit brachen die Kurse ein. In Tokio reagierten Anleger mit Panikverkäufen auf die Eskalation des Atomunglücks - die japanische Börse erlebte ihren höchsten Kursverlust seit dem Höhepunkt der Finanzkrise vor zweieinhalb Jahren. Der Leitindex fiel zeitweise um mehr als 14 Prozent. Seit dem Erdbeben wurden bislang mehr als 530 Milliarden Euro an Werten an der Tokioter Börse vernichtet. In Deutschland stürzte der Aktienmarkt mit einem Minus von zeitweilig mehr als 5 Prozent auf den tiefsten Stand seit Oktober 2010.

Die Ölpreise gingen aus Sorge vor einem Einbruch der Nachfrage nach Rohöl in Japan kräftig zurück. Der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent fiel zeitweise um 3,19 US-Dollar auf 110,48 Dollar. Zeitgleich verbilligte sich US-Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) um 2,23 Dollar auf 98,96 Dollar je Fass.

Wenigstens gab es neben all den negativen Nachrichten auch positive Meldungen aus dem Katastrophengebiet in Japan: So zogen Helfer in Otsuchi fast vier Tage nach Beben und Tsunami eine 70-jährige Frau lebend aus den Trümmern ihres Hauses. Die Flutwelle hatte das Haus in der ostjapanischen Stadt weggeschwemmt, wie die Nachrichtenagentur Jiji Press berichtete. Die Frau war zum Zeitpunkt der Katastrophe im ersten Stock gewesen. Die Retter brachten sie mit Unterkühlung in ein Krankenhaus.

Doch die japanischen Behörden und Helfer lassen keinen Zweifel daran, dass für die meisten Vermissten in der Regel so gut wie keine Hoffnung mehr besteht. Sie Regierung fürchtet, dass die Zahl der Toten auf über 10.000 steigt. Die offizielle Zahl der Toten stand am Dienstag bei 3373, wie die Zeitung "Japan Times" berichtete. Die japanische Regierung stellt in einem ersten Schritt rund 265 Millionen Euro als landesweite Notfallhilfe bereit.

Das Technische Hilfswerk (THW) brach seinen Einsatz in dem Katastrophengebiet des Erdbebens ab. Rund 100 Stunden nach dem Beben und dem Tsunami gebe es praktisch keine Chancen mehr, dass es in den Katastrophengebieten noch Überlebende gebe, sagte Teamleiter Ulf Langemeier.

mmq/dpa/Reuters/dapd

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insgesamt 223 Beiträge
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Günter Bodendörfer 15.03.2011
1. Todeskommando
Zitat von sysopDie ganze Welt schaut auf Fukushima: In dem japanischen Katastrophen-AKW kämpfen rund 50 Arbeiter gegen die atomare Katastrophe. Bei einem neuen Brand ist Radioaktivität in die Atmosphäre gelangt - aber wie viel? TV-Sender bereiten die Bevölkerung bereits auf die Strahlengefahr vor. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,751162,00.html
Das ist genau das Todeskommando dessen Einsatz gestern schon klar war. Der Einsatz allerdings wird sinnlos sein, die anderen Reaktoren gehen genau den Weg der Nr.2. Wenn Brennstäbe erst einmal komplett trocken sind gibt es keinen Ausweg mehr, soviel sollte selbst dem verbohrtesten "Optimisten" langsam klar sein. Und eines ist auch sicher, Japan wird nie mehr das sein was es war und bevor sich die ersten jetzt freuen, der Rest der Welt auch nicht.
gg art 5 15.03.2011
2. Lüge über Lüge!
Zitat von sysopDie ganze Welt schaut auf Fukushima: In dem japanischen Katastrophen-AKW kämpfen rund 50 Arbeiter gegen die atomare Katastrophe. Bei einem neuen Brand ist Radioaktivität in die Atmosphäre gelangt - aber wie viel? TV-Sender bereiten die Bevölkerung bereits auf die Strahlengefahr vor. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,751162,00.html
Einerseits wurde gesagt es wurden aus den AKW´s alle Menschen evakuiert. Jetzt wird gesagt es seien immer noch 50 dort. Müssen Supermänner sein damit sie all die Explosionen überlebt haben. Man lügt wie gedruckt.
Fritz Katzfuß 15.03.2011
3. 50 Mann und ein Befehl
Mann! Ich bewundere diese Menschen, es gibt noch Opfermut. Überlebenschancen haben diese ja wohl kaum. Wenn, dann nicht für lange. Wahrscheinlich wurde nach einem Sozialplan verfahren, aber trotzdem, das freiwillig auf sich zu nehmen. Was für ein Film! Ganz großes Kino. Ohne Flachs. Wenn man nun auch noch bedenkt, dass Japan mit Gewalt gezwungen wurde, den westlichen lebensstil zu übernehmen, dann sehen wir eine wirklich Tragödie.
Karl_Achs 15.03.2011
4. Herr Schmidt
---Zitat--- "Es ist notwendig, vermeidbare Paniken zu vermeiden", sagte er der "Zeit". "Die Regierung ist nicht gezwungen, alles zu sagen, was sie weiß. Sie ist nur dazu gezwungen, dass das, was sie sagt, der Wahrheit entspricht." ---Zitatende--- Mit dem ersten Teil hat er noch recht, aber nein, es ist Pflicht Schaden von der Bundesrepublik abzuwenden. Das kann auch ein Verschweigen bedingen. Aber das der gesagte Rest einfach nur der Wahrheit entspricht ist zu wenig. Herr Schmidt wird mir immer unsympathischer. Die Wende 1982 fand ich furchtbar, aber vielleicht war's doch besser so.
Fritz Katzfuß 15.03.2011
5. Reinen Wein
Wann wird man wohl die Wahrheit über Fukushima erfahren? Ein Jahr wird es wohl dauern.
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