Atomkatastrophe Japan empfiehlt weitere Evakuierungen um Fukushima

Die Atomkatastrophe in Japan könnte weitere Menschen zur Aufgabe ihrer Häuser zwingen. Die Regierung plant weitere Evakuierungen in der Gegend um das havarierte AKW Fukushima. Die Strahlenbelastung droht stellenweise die empfohlenen Höchstgrenzen zu überschreiten.

AKW Fukushima-Daiichi: Weitere Evakuierungen in der Gegend geplant
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AKW Fukushima-Daiichi: Weitere Evakuierungen in der Gegend geplant


Tokio - Die japanische Regierung will weiteren Haushalten in der Nähe des havarierten Atomkraftwerks Fukushima eine Evakuierung empfehlen. Man werde voraussichtlich in den nächsten Tagen weitere bestimmte Stellen in einem Wohngebiet benennen, bei denen die Strahlenbelastung über eine international empfohlene Höchstgrenze von 20 Millisievert im Jahr zu steigen drohen könnte, sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Donnerstag laut Medien.

Im vergangenen Monat waren erstmals rund 100 Haushalte in der Stadt Date, die außerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone um das AKW liegt, zu sogenannten "Hot Spots" erklärt worden. Evakuierungszonen waren bis dahin prinzipiell für ganze Gemeinden eingerichtet worden.

Im Falle von "Hot Spots", wo die Strahlenwerte sporadisch höher sind als in anderen umliegenden Gebieten, ist es den Betroffenen überlassen, ob sie ihr Haus verlassen wollen. Allerdings wird besonders Kindern und Schwangeren nahegelegt, solche Orte zu meiden. Sofern die Betroffenen es wünschen, ihre Häuser zu verlassen, hat die Regierung Hilfe angeboten. Am Dienstag hatte Tokio mitgeteilt, dass die Kühlung der zerstörten Reaktoren im Atomkraftwerk Fukushima jetzt stabilisiert sei.

In den vergangenen Monaten sei die radioaktive Strahlung um die sechs Reaktoren herum nach Angaben des Betreiberkonzerns Tepco "stetig gesunken". Derzeit liege sie bei maximal 1,7 Millisievert pro Jahr. Zurzeit sickerten noch maximal eine Milliarde Becquerel pro Stunde an radioaktiven Substanzen aus der Anlage. Laut Nachrichtenagentur Kyodo war der Wert zum Zeitpunkt des Unfalls am 11. März zwei Millionen Mal höher. Tepco plant, die Reaktoren im Januar 2012 endgültig stillzulegen.

Unterdessen verhängte der Staat nach Bekanntwerden mehrerer Fälle von radioaktiv belastetem Rindfleisch einen Lieferstopp für Rinder aus Fukushima. Die Entscheidung erfolgte, nachdem mit radioaktivem Heu gefütterte Rinder an Schlachthöfe in ganz Japan geliefert worden waren. Nach neusten Informationen von Kyodo soll es sich um mehr als 1300 Rinder handeln. Das Fleisch soll zum Teil auch in den Handel gelangt sein.

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

mbe/dpa

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Seite 1
gunman, 21.07.2011
1. Gott sei Dank!
Zitat von sysopDie Atomkatastrophe in Japan könnte weitere Menschen zur Aufgabe ihrer Häuser zwingen. Die Regierung plant*weitere Evakuierungen*in der Gegend um das havarierte AKW Fukushima. Die Strahlenbelastung droht stellenweise die empfohlenen Höchstgrenzen zu überschreiten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,775653,00.html
Gott sei Dank! Kernkraft ist doch gefährlich und der Stilllegungsbeschluß in Deutschland macht weiter Sinn.
ostap 21.07.2011
2. don't worry
Zitat von sysopDie Atomkatastrophe in Japan könnte weitere Menschen zur Aufgabe ihrer Häuser zwingen. Die Regierung plant*weitere Evakuierungen*in der Gegend um das havarierte AKW Fukushima. Die Strahlenbelastung droht stellenweise die empfohlenen Höchstgrenzen zu überschreiten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,775653,00.html
Sind die Japaner jetzt auch der German angst verfallen? Dabei hat es nach hoch und heiliger Versicherung unserer Atomfanatiker noch nicht mal einen Toten durch den Super-GAU gegeben. Wer sagt das mal den Japanern, dass es keinen Grund zur Aufregung gibt?
No_Name 21.07.2011
3. -
Und wieder nur eine Empfehlung - da will man wohl anstehende Entschädigungen minimieren...
cs2001 21.07.2011
4. Entweder.....
Entweder haben Sie den Artikel, den sie kritisieren nicht gelesen oder nicht kapiert. Beides waere bedauerlich.
tess2 21.07.2011
5. Auf zum Atom
Zitat von ostapSind die Japaner jetzt auch der German angst verfallen? Dabei hat es nach hoch und heiliger Versicherung unserer Atomfanatiker noch nicht mal einen Toten durch den Super-GAU gegeben. Wer sagt das mal den Japanern, dass es keinen Grund zur Aufregung gibt?
Leute wie Sie sollte man nach Tschernobyl oder Fukushima umsiedeln. Mal sehen wie lange Sie dort bleiben, auch wenn Sie nicht "sofort" tot umfallen. Haben Sie Kinder oder planen Sie welche zu haben? Muss ja ein tolles Gefühl sein, solch große Scheuklappen zu haben, dass man in einem radioaktiv verseuchten Gebiet keinerlei Angst hat seine Nachkommen groß zu ziehen. Oder wie sie sagen würden: Kein Grund zur Aufregung!
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