Atomkatastrophe Neues Leck im AKW Fukushima

Schlechte Nachrichten aus dem Atomkraftwerk Fukushima: Aus einem Reaktor des japanischen Katastrophenmeilers strömt möglicherweise erneut verstrahltes Wasser ins Meer. Die Betreibergesellschaft Tepco meldete nun einen finanziellen Rekordverlust.

Eindringendes Meerwasser am Reaktor 3: Neue Panne in Fukushima
REUTERS/ TEPCO

Eindringendes Meerwasser am Reaktor 3: Neue Panne in Fukushima


Tokio - Die Techniker, die im japanischen AKW Fukushima Daiichi weiterhin gegen die Folgen der Reaktorhavarie kämpfen, erleben gerade ein Déjà-vu der unangenehmen Art: Aus einem Reaktor fließt möglicherweise erneut radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifik. Die Betreibergesellschaft Tepco teilte am Mittwoch mit, am Boden von Reaktor 3 sei einströmendes Wasser entdeckt worden. Noch stehe nicht fest, ob durch das Leck Flüssigkeit ins Meer gelange. Das werde nun überprüft.

Zuvor war aus dem Reaktor 2 verstrahltes Wasser in die See gelangt. Die Helfer brauchten mehrere Anläufe, ehe sie das Leck Anfang April mit Hilfe von Flüssigglas schließen konnten. Das Atomkraftwerk war nach dem Erdbeben vom 11. März havariert. Zur Kühlung der Reaktoren muss Meerwasser in die Anlage gepumpt werden, das teilweise wieder in den Pazifik zurückfloss.

Auch zwei Monate nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Japan ist die Gefahr einer weiteren Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi nicht gebannt. Die bisher erzielten Fortschritte variierten je nach Reaktor, sagte ein Tepco-Vertreter am Mittwoch nach Angaben der Nachrichtenagentur Jiji Press. Laut Greenpeace birgt die geplante Flutung des Atomreaktors 1 hohe Risiken. "Die strahlende Atomruine in Fukushima ist noch lange nicht unter Kontrolle", sagte Greenpeace-Experte Christoph von Lieven. Die Regierung kündigte an, das Tepco-Management zehn Jahre überwachen zu wollen.

Arbeiter weiterhin radioaktiver Strahlung ausgesetzt

In die Betonhülle um den Reaktordruckbehälter sollten 7400 Tonnen Frischwasser eingeleitet werden. Nach einem Gutachten des Londoner Ingenieurbüros Large Associates könne dabei der Sicherheitsbehälter brechen, teilte die Umweltschutzorganisation mit.

Tepco hatte am 17. April einen Krisenplan vorgelegt, wonach die Lage in den Reaktoren in sechs bis Monaten stabilisiert sein soll. Die Techniker sind weiterhin radioaktiver Strahlung ausgesetzt. So seien Arbeiter, die das Reaktorgebäude Nummer 1 betreten hätten, um Messgeräte zu justieren und Verbindungsrohre zu überprüfen, einer radioaktiven Belastung von 0,64 bis 8,72 Millisievert ausgesetzt gewesen, gab Tepco am Mittwoch bekannt. Dies sei nötig gewesen, um ein Ersatzkühlsystem zu installieren. Zudem seien Einstellungen an einem Druckanzeigegerät des Reaktorbehälters vorgenommen worden.

Experten warnen vor undichten Stellen in Reaktor 1. Tepco sei es bisher nicht gelungen, die Position der Lecks zu orten und zu klären, ob sie die Sicherheit des Betonmantels beeinträchtigen, kritisierte Greenpeace. In einer Studie habe auch die amerikanische Atomaufsicht vor Gefahren gewarnt, die durch große Wassermassen in den Sicherheitsbehältern entstehen. Die Sicherheitsbehälter könnten demnach bersten, wenn es zu Erderschütterungen kommt. Nach Angaben von Tepco kommen die Arbeiten im Reaktor 1 jedoch relativ gut voran.

Bisher sei jedoch niemand in der Lage gewesen, das Gebäude des Reaktors 2 zu betreten, berichtete Jiji Press weiter. Die Arbeiten an dem Reaktor, einschließlich des Abpumpens von verstrahltem Kühlwasser, lägen hinter dem Zeitplan.

Tepco meldet Verlust von 8,6 Milliarden Euro

Unterdessen meldete Tepco im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Rekordverlust. Bis Ende März sei ein Fehlbetrag von mehr als einer Billion Yen (umgerechnet 8,6 Milliarden Euro) verzeichnet worden, teilte Tepco am Mittwoch mit. Das ist der größte Verlust, den ein Konzern außerhalb des Finanzsektors jemals in Japan gemacht hat. Vor allem die Kosten fürs Herunterfahren der Unglücksreaktoren und Abschreibungen auf Vermögenswerte drückten das Ergebnis in die roten Zahlen.

Tepco hat sich jetzt auch mit den Bedingungen zum Erhalt von Staatshilfe einverstanden erklärt. Die Regierung hatte am Dienstag zur Voraussetzung für staatliche Finanzspritzen gemacht, dass Tepco radikal die Kosten senkt. Außerdem darf das Unternehmen für die Zahlung von Entschädigungen an die Opfer der Katastrophe nicht schon im Voraus Höchstgrenzen festsetzen. Außerdem musste sich Tepco damit einverstanden erklären, dass ein unabhängiger Untersuchungsausschuss das Management und die Finanzlage des Konzerns unter die Lupe nimmt.

Tepco-Chef Masataka Shimizu hatte am Vortag offiziell Staatshilfe angefordert. Ohne die stehe Tepco schon bald vor dem Aus. Dies könne die Entschädigung der Opfer wie auch eine stabile Stromversorgung beeinträchtigen.

mbe/Reuters/dpa

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lalito 11.05.2011
1. Staatshilfe
Das lange Ende für den Steuerzahler. So läuft's - ist hier was Endlagerung und worstcase betrifft doch kein bisschen anders, und das ist SICHER. Raus aus dieser Konzeption, wird langsam wohl auch dem letzten ProAtomverfechter klar - so er denn rechnen kann. Dagegen nehmen sich die paar Milliarden Mehrkosten für den Umstieg für den eh haftenden Steuerzahler - auf drei Jahrzehnte verteilt - doch als lausige Peanuts aus.
erkaem 11.05.2011
2. Pleite
Zitat von sysopSchlechte Nachrichten aus dem Atomkraftwerk Fukushima: Aus einem Reaktor des japanischen Katastrophenmeilers strömt möglicherweise erneut verstrahltes Wasser ins Meer. Die Betreibergesellschaft Tepco meldete*nun einen finanziellen Rekordverlust. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,761906,00.html
Wie es aussieht, ist Tepco nur nach 2 Monaten nach der Katastrophe pleite. Keine, oder viel zu geringe Rücklagen, eine Versicherung scheint auch nicht zu existieren. Da muss halt der Staat bezahlen und darf als Entschädigung die Bücher von Tepco angucken. Wo sind die Gewinne der letzten Jahre ? Werden die Arbeiter, die an den Ruinen ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, überhaupt noch bezahlt ? Werden die ehemaligen Bewohner der 30km-Zone entschädigt ? Und wenn ja, von wem ?
phboerker 11.05.2011
3. ...
"Vor allem die Kosten fürs Herunterfahren der Unglücksreaktoren und Abschreibungen auf Vermögenswerte drückten das Ergebnis in die roten Zahlen." Wie glaubwürdig kann diese Bilanz eigentlich sein? Was kostet das Runterfahren eines Reaktors? Doch wohl nicht viel mehr als den Wegfall der Einnahmen für den nichtverkauften Strom. Welche dennoch anfallenden Kosten können dann 8,6 Milliarden Euro Verlust verursachen? Abschreibungen sind nach meinem Verständnis im wesentlichen Änderungen von Buchwerten, die letztlich nicht wirklich zählbare Verluste darstellen, aber hier lasse ich mich wegen eigener Ahnungslosigkeit gerne berichtigen. Ansonsten ist die Idee absurd, einem solchen Konzern staatliche Finanzhilfe zukommen zu lassen, damit er überlebt und Entschädigungszahlungen gesichert sind. Der Staat trägt doch so oder so im wesentlichen die Kosten des Atomunfalls, dann kann er auch gleich die (eh minimalen) Entschädigungszahlungen an die Betroffenen ausschütten, statt Geld in Tepco zu stecken. Der einzige Unterschied ist, dass die ehemals sicherlich zuverlässig renditebringenden Tepco-Aktien nichts mehr wert sind, also womöglich deren Halter eine Vermögenseinbuße hinnehmen müssen.
elli1965 11.05.2011
4. Ab in die Pleite!
Warum noch Staatshilfen? Der angerichtete Schaden ist jetzt schon größer als die Unternehmenswerte darstellen. Hinzu kommen noch die Belastungen für die Zukunft, die strahlenden Ruinen werden noch viele Jahre ein geldfressendes Grab sein. Die Staatshilfen bewirken dann doch nur eines, Die verantwortlichen Manager erhalten weiterhin ein Gehalt und zumindest rechnerisch besitzen die Anleger noch durch die Aktien des Unternehmens Werte. Warum also nicht den Geldhahn zusperren und das Unternehmen in die Pleite senden? Kein Anleger, kein anderes Unternehmen würde etwas aus der Konkursmasse erwerben, wenn im Gegenzug auch die offenen Verpflichtungen miterworben werden. Also könnte der Staat alles übernehmen, also verstaatlichen. Da die Kosten der Katastrophe sowiso dem Steuerzahler verbleiben, sollte er im Gegenzug auch alle noch vorhandenen Vermögenswerte des Unternehmens erhalten. Dadurch würden die Unternehmensgewinne dann vollständig dem Steuerzahler zukommen. Die bisherigen Anteilseigner an die Kosten der Katastrophe zu beteiligen, dass wird wohl nicht stattfinden.
Naranja311, 11.05.2011
5. Vernetzung
Ich finde das alles sehr offen und kein Szenario absurd. Hier ist etwas ungewöhnliches - fast unvorstellbares - und großflächiges passiert und alles ist miteinander vernetzt. Täglicher Strombedarf, Export, Umweltverschmutzung, Entschädigungen, Aufräumarbeiten, ... das alles muss gleichzeitig gelöst werden mit geringstmöglichem Schaden für das gesamte Gebilde 'Japan'. Auch in der Finanzkrise musste man letztlich die gierigen Banken retten damit nicht noch größerer Schaden am Ganzen entsteht. Das könnte ich mir hier auch vorstellen. Und wenn Japan in den nächsten Monaten wirtschaftlich langsam in die Knie gehen sollte, wer soll das noch auffangen? EU und USA stehen ja zeitgleich auch auf der Kippe. Ich habe das Gefühl der Kessel explodiert bald und da ist jedes Mittel recht um dies zu verzögern oder bestenfalls zu verhindern. Verglichen damit sind die vielen Lecks allenfalls eine Nebenmeldung. Bin mal gespannt wie das ausgeht.
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