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Gundremmingen: Gutachten zweifelt an Erdbebensicherheit von AKW

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AKW Gundremmingen: Diskussion um Bebengefahr Fotos
REUTERS

Ein bisher unveröffentlichtes Gutachten legt nahe: Deutschlands leistungsstärkstes Atomkraftwerk im bayerischen Gundremmingen hat möglicherweise Probleme mit der Erdbebensicherheit. Der Betreiber hält mit einem positiven Gutachten dagegen.

Für Block B ist Ende 2017 Schluss, für Block C dann vier Jahre später - doch bis dahin sollte das leistungsstärkste deutsche Atomkraftwerk im schwäbischen Gundremmingen noch einmal richtig ackern. Die Eigentümer RWE und E.on hatten bei den bayerischen Aufsichtsbehörden schon vor mehr als zehn Jahren eine Leistungserhöhung für die beiden Kraftwerksblöcke an der Donau beantragt. Und zwar ohne weitere Änderungen an der Technik der 1984 ans Netz gegangenen, letzten deutschen Siedewasserreaktoren.

Im Sommer 2012 hatte das zuständige Ministerium in München den Plan noch befürwortet - trotz Widerstands eines breiten lokalen Bündnisses. Doch dann wurde das Vorhaben im vergangenen Dezember ziemlich überraschend doch zu den Akten gelegt. Formale Begründung war die politische Großwetterlage. Die bayerische Staatsregierung sehe in der geplanten Leistungserhöhung "ein falsches politisches Signal in Zeiten der Energiewende", so der Betreiber. Man übernahm damit quasi wortwörtlich eine Formulierung von Umweltminister Marcel Huber, Bayerns oberstem Atomaufseher.

Der Betreiber legte freilich großen Wert auf die Feststellung, Sicherheitsaspekte hätten "keine Rolle" gespielt. Die Anlage verfüge "nachweislich über ein hohes Sicherheitsniveau". Doch ein Gutachten der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) für das Bundesumweltministerium könnte an dieser Darstellung zumindest Zweifel aufkommen lassen.

GRS moniert Erdbebensicherheit

In dem bisher unveröffentlichten Papier vom 14. November 2013, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, gibt es klar formulierte Kritik an der Auslegung von Gundremmingen bei der Erdbebensicherheit. Die "Überprüfung der Systemauslegung nach Stand von Wissenschaft und Technik" habe ergeben, dass die Anlage die aktuellen Sicherheitsanforderungen an Kernkraftwerke im Erdbebenfall "nicht erfüllt". Diese Aussage gelte auch, wenn man die Kriterien älterer Regelwerke anlege.

"Jetzt ist das Märchen vom sicheren AKW Gundremmingen zu Ende und die Absage der Leistungsausweitung steht in ganz neuem Licht", wettert Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. RWE betont dagegen weiterhin: Sicherheitsaspekte hätten beim Rückzug des Antrags "keine Rolle" gespielt - und verweist auf ein Gutachten des TÜV Süd von Ende Februar 2014, das als Reaktion auf das GRS-Gutachten entstanden ist. Demnach wird das Kraftwerk den "sicherheitstechnischen Anforderungen voll gerecht". Die Atomaufsicht im Münchner Umweltministerium sekundiert: Gundremmingen erfülle "alle Sicherheitsvorhaben" und werde "sicher betrieben".

Es geht in der Diskussion um technische Details, die aber im Bebenfall entscheidend sein können: Die Reaktoren verfügen über drei Nachkühlsysteme. Doch nur zwei davon sind gegen ein sogenanntes Bemessungserdbeben ausgelegt. In Gundremmingen sind das bis zu zehn Sekunden dauernde Erdstöße der Intensität VII auf der sogenannten Medwedew-Sponheuer-Karnik-Skala. Dabei können zum Beispiel Risse im Verputz, Wänden oder an Schornsteinen auftreten. Nach Expertenschätzungen gibt es so ein Beben am Standort oder in seinem 200-Kilometer-Umkreis im Durchschnitt höchstens alle 10.000 Jahre.

System Zuna laut TÜV "auch zur Beherrschung von Erdbeben geeignet"

Das Problem: Eins der drei Nachkühlsystem ist nur für eine niedrigere Erdbebenklasse ausgelegt. Das bestätigt auch das Bundesumweltministerium. Normalerweise soll die Kühlung der Reaktoren dreifach abgesichert sein. Das wäre nötig, wenn ein System zum Zeitpunkt eines Bebens gerade gewartet wird und ein zweites ausfällt - dann könnte das dritte immer noch den Job übernehmen.

Gundremmingen verfügt auch noch über das Zusätzliche Nachwärmeabfuhr- und Einspeisesystem, kurz Zuna. Die bei Bedarf von Notstromdieseln angetriebene Anlage wurde in den Neunzigern nachgerüstet, um die Sicherheit zu verbessern - und die Reaktoren dank sogenannter Nasszellenkühler notfalls über Stunden unabhängig vom Kühlwasser der Donau zu machen.

Das Problem: Laut GRS-Gutachten ist das Zuna-System den normalen Nachkühlketten der Reaktoren "qualitativ nicht gleichwertig". Das habe auch der TÜV "in mehreren Fachgesprächen" bestätigt. Im schlechtesten Fall wären die Reaktoren damit womöglich nicht dreifach abgesichert.

Bewertung soll "in Kürze" in Berlin vorliegen

Das aktuelle TÜV-Gutachten bilanziert nach Angaben von RWE, das Zuna sei "auch zur Beherrschung von Erdbeben geeignet". Seine Zuverlässigkeit sei "nicht in Frage zu stellen". Das System ergänze im Erdbebenfall "als vierte, diversitär ausgelegte Redundanz die Nachkühlsysteme 1-3". Das Umweltministerium in München äußert sich ähnlich.

Wiener Risikoforscher hatten dagegen im vergangenen November gewarnt: "Das Kernkraftwerk Gundremmingen wäre wegen nach dem Stand der Technik mangelhafter Auslegung der Not- und Nachkühlung nicht genehmigungsfähig." Von potentiell gefährlichen Schweißnähten ganz zu schweigen. Experten um Wolfgang Renneberg, früherer Abteilungsleiter im Bundesumweltministerium, hatten ein Gutachten für eine Bürgerinitiative geschrieben, die gegen Gundremmingen und das dortige Zwischenlager kämpft.

Das Fazit des Papiers: Womöglich komme der "Widerruf der Anlagengenehmigung" in Betracht, wenn die Bebensicherheit der Reaktoren "nicht in angemessener Zeit" nachgewiesen werde. Auch eine "einstweilige Stilllegung" sei zu prüfen.

Im Bundesumweltministerium heißt es, "Abweichungen des genehmigten Anlagenkonzeptes vom neuem Regelwerk" seien "grundsätzlich nicht ungewöhnlich". Entscheidend sei, "ob die Festlegungen der Genehmigung durch neuere Erkenntnisse in Frage gestellt werden". Und genau dieser Frage gehe das Umweltministerium in München als zuständige Aufsichtsbehörde gerade nach. Die Bewertung solle "in Kürze" in Berlin vorliegen.

Parlamentarierin Kotting-Uhl fordert, dass die Unterlagen "zu den fragwürdigen Punkten" von Gundremmingen auf einem öffentlich zugänglichen Fachworkshop diskutiert werden. Die Verantwortung für einen solchen Workshop liege bei der Bayerischen Atomaufsicht: "Wenn sie nicht dazu bereit ist, muss das Bundesumweltministerium ihn durchführen."

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1. ...
x+n 07.03.2014
Zitat von sysopREUTERSEin bisher unveröffentlichtes Gutachten legt nahe: Deutschlands leistungsstärkstes Atomkraftwerk im bayerischen Gundremmingen hat möglicherweise Probleme mit der Erdbebensicherheit. Der Betreiber hält mit einem positiven Gutachten dagegen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/atomkraft-erdbebensicherheit-von-akw-gundremmingen-angezweifelt-a-957292.html
Stimmt so nicht. Es ist das VIERTE, zusätzliche System, welches eventuell nicht ausreichend ausgelegt ist.
2. Gehört der TÜV nicht der RWE
89518 07.03.2014
oder einem anderen großen Versorger? Denke mal sowas in einem ARD Bericht gesehen zu haben.
3. na und?
Alfons Emsig 07.03.2014
Seit Fukushima wissen wir doch alle, dass Tsunamis und Erdbeben nur in Japan, und auch dort nur in der Region Fukushima, auftreten ;-)
4. Noch was
u.loose 07.03.2014
Zitat von sysopREUTERSEin bisher unveröffentlichtes Gutachten legt nahe: Deutschlands leistungsstärkstes Atomkraftwerk im bayerischen Gundremmingen hat möglicherweise Probleme mit der Erdbebensicherheit. Der Betreiber hält mit einem positiven Gutachten dagegen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/atomkraft-erdbebensicherheit-von-akw-gundremmingen-angezweifelt-a-957292.html
Welche Vorstellungen hat Frau Kotting-Uhl denn von einem "Fachworkshop"? Beteiligen sich daran das grüne Tanztherapeuten, Psychoschwurbilogen und natürlich selbst ernannte Experten mit entsprechendem vorgenannten Qualifikationen.
5.
deus-Lo-vult 07.03.2014
Zitat von Alfons EmsigSeit Fukushima wissen wir doch alle, dass Tsunamis und Erdbeben nur in Japan, und auch dort nur in der Region Fukushima, auftreten ;-)
Hoffentlich haben Sie schon schön Lebensmittel etc. gehortet. Das große Beben in Deutschland steht nämlich vor der Tür.
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Simulation: So könnte eine Nuklearkatastrophe aussehen

Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
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In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
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Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.

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